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5 Juli 2020

Ist Bitcoin in Zeiten des Coronavirus ein sicherer Hafen?.

Zum Zeitpunkt des Artikels gibt es in der Schweiz ca. 2 300 bestätigte Fälle vom Coronavirus. Im Nachbarland Italien sind es mittlerweile schon über 28 000. Global gibt es über 180 000 bestätigte Fälle mit über 7 200 Verstorbenen. Der Grossteil der bekannten Fälle ist immer noch in China, allerdings hat sich der Trend dort schon gewendet und die Anzahl der Infizierten ist sinkend. In Europa hingegen verschlimmert sich die Situation von Tag zu Tag.

Dass eine globale Ausbreitung eines Virus die Weltwirtschaft beeinflussen wird, ist einfach nachzuvollziehen. Diejenigen, die noch Zweifel haben, können sich einfach die Daten anschauen. Am meisten sind die Tourismusindustrie und Manufacturing betroffen. China, das allein schon einen Drittel des Manufacturing weltweit ausmacht, sieht einen so starken Rückgang in Produktion und Export, das Satelliten eine deutliche Senkung von Treibhausgasen in betroffenem Industriegebiet sehen. Greta wird sich freuen, doch Anleger bleiben nervös.

Wie eine Pandemie die traditionellen Märkte mit physischen Gütern, Services und Währungen betrifft, können wir anhand der Aktienmärkte sehen. Der Schweizer Aktienindex ist seit dem ersten bekannten Tod durch den Coronavirus am 11. Januar 2020 um 22.7 Prozent gefallen. Auch der europäische (-35.3 Prozent) und amerikanische (-26.9.0 Prozent) Aktienindex weisen ähnliche Muster auf. Am 09. März 2020 ist der Preis von Öl innerhalb eines Tages um 24.1 Prozent gefallen.

Ist Bitcoin ein Save Haven?

Doch kann das Coronavirus auch eine virtuelle Währung, die ausschliesslich im Internet lebt und keine Spuren in der physischen Welt hinterlässt, gefährden? Viele Befürworter von Bitcoin echoen die folgende Narrative seit Jahren: «In Zeiten ökonomischen oder politischen Tumultes wenden sich Investoren an alternative Anlageklassen. Bitcoin ist ein ideales ‹Safe Haven› in solchen Situationen, da es unabhängig von Zentralbanken, Regierungen und der Marktwirtschaft agiert.» 

Bitcoin ist aus der Asche der letzten globalen Finanzkrise in 2008 erstanden. Die derzeitige Coronavirus-Situation stellt die grösste digitale Währung zum Test: Wie reagiert Bitcoin auf den globalen wirtschaftlichen Rückgang? Eignet es sich als Safe Haven und könnte der Preis als Resultat vielleicht sogar steigen?

Schauen wir uns erstmal einmal die Zahlen an. Seit Ausbruch des Coronavirus in Wuhan im Januar 2020 ist der Preis über 31.5 Prozent (YTD Performance) gefallen. Vergleichen wir das mit der Preisentwicklung von Gold im selben Zeitraum, sehen wir das Bitcoins Performance eher den traditionellen Aktienmärkten folgt als der des Goldes. Am 12. März 2020 ist Bitcoin allein um 27.2 Prozent von USD 7,861 auf USD 5,725 gefallen, der grösste Preisfall an einem Tag in den letzten sieben Jahren. Heute ist der Preis bei USD 4 904.48.

Investoren sind Herdentiere

Im Gegensatz zu anderen Währungen, dessen Wert sich von Makrofaktoren wie dem politischen Umfeld, dem Leitzins oder Quantitative Easing ableitet, ist Bitcoins Wert ausschliesslich von der Nachfrage geprägt. Die technische Infrastruktur, die im Internet lebt, wird wenig bis gar nicht von globalen Ereignissen beeinflusst. Im Aktienmarkt ist der Preis von Aktien weitestgehend vom Sentiment der Investoren abhängig. In Paniksituationen tendieren Investoren zum Herdenverhalten. Um zu schauen, ob es eine Korrelation zwischen Aktien und Bitcoin gibt, müssen wir uns daher die wichtige Frage stellen: Sind die Investoren in traditionellen Anlageklassen dieselben, die auch in Bitcoin investieren?

Für diejenigen unter uns, die schon längere Zeit in der Schnittstelle zwischen Bitcoin und traditionellen Finanzmärkten arbeiten, ist die Antwort ganz klar: Nein. Aufgrund der fehlenden technischen Infrastruktur und regulatorischer Ungewissheit, haben die meisten institutionellen Anleger, die das Sentiment in konventionellen Märkten wiederspiegeln, nicht in Bitcoin oder andere Krypto Assets investiert. Der Hauptteil der Handelsvolumina sind auf unregulierten Kryptobörsen und der Grossteil der Anleger sind Privatanleger. Laut verschiedener Studien besteht die Demografie der Anleger hauptsächlich aus jüngeren Generationen (unter 40 Jahren), ist männlich und hat eine überdurchschnittliche Affinität für Technik. Da Bitcoin und traditionelle Märkte unterschiedliche Anleger mit wenig Überschneidung haben, kann man argumentieren, dass die Korrelation trotz ähnlicher Preisentwicklung niedriger sei als sie derzeit scheint.

«Whales» beeinflussen Bitcoins

Eine weitere wichtige Eigenschaft von Kryptomärkten ist die ungleiche Verteilung. Eine Handvoll von «early Adopters» ist frühzeitig in Bitcoin eingestiegen und konnte Bitcoins für einen Bruchteil des heutigen Preises erwerben. Gemäss den Blockchaindaten können wir entnehmen, dass die Top 1000 Wallets insgesamt ca. 35 Prozent aller Bitcoins halten. Diese grossen Bitcoinanleger werden in der Kryptogemeinde als «Whales» bezeichnet.

Jeder dieser «Whales» kann eigenhändig den Preis von Bitcoin um mehrere Prozent am Tag bewegen. Beispielsweise zeigt die Blockchain, dass ein einziger Bitcoin Miner am Morgen des 11. Märzes 1000 Bitcoin (zum damaligen Zeitpunkt ca. CHF 8 Millionen) aus 29 verschiedenen Wallets an 55 Kryptobörsen geschickt hat, um diese zu liquidieren. Da Daten wie diese auf der Blockchain – wo jede Transaktion, die jemals seit dem ersten Bitcoin getätigt wurde, komplett transparent ist – ersichtlich sind, könnte dies zu einer grösseren Panik geführt haben, was den darauffolgenden Preisfall von 27.3 Prozent am 12. März 2020 ausgelöst haben könnte.

In der Tat ähnelt sich die Preisentwicklung Bitcoins derzeit dem der traditionellen Aktienmärkte. Allerdings haben wir gerade erörtert, dass es wenig Überschneidung zwischen Anlegern in Bitcoin und traditionellen Anlegern gibt. Des Weiteren ist der ineffiziente Bitcoinmarkt stark vom Verhalten der «Whales» abhängig. Weshalb sieht die Preisentwicklung Bitcoins in den letzten Wochen seit Ausbruch des Coronavirus nichtsdestotrotz der Preisentwicklung der Aktienmärkte ähnlich? Vielleicht sollten wir den Zeithorizont erweitern.

Wie hat sich Gold während der letzten Finanzkrise verhalten?

Gold wird seit jeher als Safe Haven in Krisenzeiten gesehen. Wenn wir den Goldpreis in den Tagen der letzten globalen Finanzkrise unter die Lupe nehmen, sehen wir, dass der Preis zunächst gefallen ist bevor er sich in den folgenden Wochen wieder erholt hat. Der Preis von Gold ist seit dem Fall von Lehman Brothers am 15. September 2008 von USD 736.3 auf einen Tiefpunkt von USD 712.3 am 12. November 2008 gefallen, bevor es seinen neuen Höhepunkt von USD 992.9 am 20. Februar 2019 erreicht hat – 5 Monate später. Könnte sich dieses Phänomen bei Bitcoin replizieren? Bitcoins Preis ist seit Anfang der Krise in den ersten zwei Monaten um 27.3 Prozent gefallen, Gold hingegen nur 3.0 Prozent im selben Zeitraum. Drei Monate später hat Gold mit einem Zuwachs von 39.4 Prozent einen neuen Höhestand erreicht.

Bitcoin ist eine deutlich volatilere Anlageklasse als Gold. Starker Wachstum folgt gewöhnlicherweise auf tiefere Preisfälle. Es ist jetzt noch zu früh, um eine endgültige Antwort zu geben, ob Bitcoin ein «Safe Haven» ist. Dazu müssen wir uns noch ein wenig gedulden. 

Text: Hansen Wang

Hansen ist ein Senior Associate bei 21Shares. Er began seine Karriere in einem Schweizer Multi Family Office und ist seit 2017 aktiv in der Kryptobranche tätig.

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