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3 Juni 2020

Wenn Muskeln zur Last werden.

Die Fitness- und Muskelsucht ist eine bislang eher unbekannte Form der Essstörung. Da sich im Leben der Betroffenen alles um Fitness und gesunden Lifestyle dreht, sieht man hier das Risiko zur Entwicklung krankhafter Lebensweisen oftmals nicht. Dies auch, weil es sich um eine eher «männliche» Essstörung handelt.

Ob Übergewicht, Binge-Eating, Anorexie oder Bulimie: Essstörungen sind in unserer Gesellschaft weit verbreitet. In vielen Fällen hängen diese mit der Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper zusammen. Denn es gilt, einer gesellschaftlichen Schönheitsnorm zu entsprechen. Diese gibt es für Männer sowie für Frauen, was sich vor allem bei einer Fitness- und Muskelsucht zeigt.

Vorgeschriebener Schönheitswahn

Wenn es um körperliche Schönheit geht, hält die Gesellschaft Normen bereit – obwohl ja bekanntlich Schönheit im Auge des Betrachters liegt. Trotzdem suchen viele Menschen nach einer Form der Orientierung und dem Gefühl, dazuzugehören, um erfüllter durchs Leben zu gehen. Das Risiko dabei, eine andauernde Wahrnehmungsverzerrung zu entwickeln, ist jedoch gross. Dadurch wird man mit dem eigenen Aussehen nie zufrieden und entdeckt ständig Makel am Körper, die es zu beseitigen gilt. Infolge dessen entwickelt sich häufig eine krankhafte Veränderung des Essverhaltens.

Krankhaftes Selbstbild

Essstörungen sind ein weitverbreitetes Problem: Der Diätwahn und eine oft ungenügende Aufklärung im Bereich der Ernährung bringen viele Menschen dazu, auf ungesunde Art und Weise ihr Essverhalten anzupassen. Roland Müller, Fachpsychologe für Psychotherapie und Angebotsleiter Muskel- und Fitnessucht des am Berner Inselspital angesiedelten Vereins PEP (Prävention Essstörungen Praxisnah), sieht hier eine enorme Belastung für Betroffene: «Man verändert das Essverhalten, steigert die körperliche Aktivität und setzt viele Gebote und Verbote. Es erfolgt zudem eine ständige Bewertung des Aussehens und der Verhaltensweisen. All dies ist mit viel Stress verbunden, wobei man trotz extremer Anstrengung stets unzufrieden mit der eigenen Optik bleibt.»

Person steht auf Waage
Zu dünn oder zu dick? Eine Essstörung kann sich aus der Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper entwickeln.

Wenn es um Unzufriedenheit mit dem eigenen Aussehen oder Essstörungen geht, vergessen viele, das es sich hierbei nicht um ein geschlechtsbezogenes Phänomen handelt: Männer neigen wie auch Frauen dazu, mit dem eigenen Aussehen unzufrieden zu sein. Jedoch konzentrierte sich die Forschung für Essstörungen bis in die 1970er Jahren vor allem auf die Symptome einer Essstörung, die nur den weiblichen Körper betrafen – beispielsweise das Ausbleiben der Regelblutung bei der Diagnose einer Anorexie.

Maskulinität nur durch Muskeln

Die Anorexie und Bulimie werden heute noch immer vorwiegend als «weibliche» Essstörungen betrachtet. Tatsächlich ist es so, dass von solchen Essstörungen weniger Männer als Frauen betroffen sind. Aber die Forschung zeigt, dass immer mehr junge Männer Behandlungen und Beratungen wegen problematischem Essverhalten aufsuchen. So auch bei einer Fitness- und Muskelsucht. Und zwar wird hier der Körper als zu dünn und zu wenig muskulös angesehen. Folglich passt man den Ernährungsplan an und stellt den Besuch im Fitnessstudio vor alles andere. Es dreht sich alles nur noch um Training, Ernährung und Aussehen.

Wer aktiv ist und Sport treibt, gilt als gesund und nicht krank – schon gar nicht in Bezug auf die Psyche.

Roland Müller, Fachpsychologe

«Die Muskularität wird kulturell von jeher eher beim Mann verortet – man schaue sich beispielsweise griechische und römische Götter an. Deswegen sind Männer affiner für Themen wie Muskelmasse und Sichtbarkeit der Muskeln», meint Roland Müller. «Durch die zunehmende Kommerzialisierung von Bodybuilding und Fitness seit Ende der 1970er Jahre geht es immer mehr um die Körperoptik des Mannes. Fitness-Nahrungsmittel, Trainingsbooster und fitness-bezogene Lifestyleprodukte – der Kauf eines solchen Produktes soll Sicherheit bezüglich Aussehen, Muskularität und Männlichkeit suggerieren», führt der Experte weiter aus.

Unbeachtet und trotzdem präsent

Für viele Betroffene ist der eigene Körper nicht muskulös genug und der Körperfettanteil zu hoch. Man sieht überall Defizite und betrachtet überdies die eigenen Leistungen im Training oder das Ernährungsverhalten immer als verbesserungswürdig. Dominieren Schuldgefühle, Verbote und krankhafte Routinen, spricht man hier von einer Muskeldysmorphie. Dass man über diese nicht so oft spricht, hat vor allem mit der Einstellung der Gesellschaft zu tun: «Fitness und Sport wird stets mit Gesundheit und Wohlbefinden gleichgesetzt. Wer also aktiv ist und Sport treibt, gilt als gesund und nicht krank – schon gar nicht in Bezug auf die Psyche», kritisiert Roland Müller.

Trauriger Mann, Blick durch das Fenster
Vor allem junge Männer fühlen sich oft nicht muskulös genug.
Offizielle Zahlen fehlen

Offizielle Zahlen zur Muskeldysmorphie gibt es in der Schweiz nicht. Eine Umfrage des Schweizer Netzwerk für Esstörungen unter Jugendlichen zeigt aber, dass sich ein solch verzerrtes Körperbild in der jungen Generation bereits eingeschlichen hat: Während 33 Prozent der Mädchen gerne mehr Muskeln hätten, fühlen sich bis zu 75 Prozent der Jungen zu wenig muskulös. «Tendenziell sind jüngere Menschen eher gefährdet, weil sie nicht nur unter hohem Leistungsdruck stehen, sondern auch einer höheren Bilderflut und damit einer muskel- und fitnessorientierten Körpernormierung ausgesetzt sind», erklärt Roland Müller.

Die bearbeitete Bilderflut verzerrt die Realität

Die muskel- und fitnessorientierte Körperoptik kommt nicht von irgendwoher, zumal man auf Social Media zuhauf Bildern von muskulösen und schlank trainierten Körpern begegnet. Allerdings kann man davon ausgehen, dass ein Grossteil dieser nicht der Realität entsprechen, mit anderen Worten inszeniert oder nachbearbeitet sind. Der Schaden entsteht trotzdem: «Man schätzt, dass der Mensch pro Woche mindestens 2000 bis 5000 digital bearbeitete Bilder von Körpern und Menschen sieht. Unser Gehirn kann nicht in allen Fällen die Unechtheit eines Bildes erkennen, weshalb sich unser Wahrnehmungsschema durch deren Betrachtung verändert», erläutert der Fachpsychologe.

Neuste Diättrends, Fitness-Influencer und Lifestyle-Bodybuilder: Wer soziale Medien häufig nutzt, konsumiert in irgendeiner Form fitness-fokussierte Inhalte und setzt sich dadurch deren Einfluss aus. Die Betrachtung von solch «perfekten» Körpern führt zu mehr körperlicher Unzufriedenheit, wenn jemand bereits dazu tendiert, sich stark abwertend mit anderen zu vergleichen. Dadurch wächst der psychische Druck, welcher sich schlimmstenfalls in einer Essstörung manifestiert und Ängste und Depressionen auslösen kann.

Fitness Vlogger macht ein Video von sich selbst im Fitnessstudio
Fitness-VLOGs und Co. machen fit – aber sie können auch negative Einflüsse auf das eigene Wohlbefinden haben.
Das Problem wahrnehmen und Hilfe annehmen

Man vergleicht sich unterbewusst täglich mit anderen Menschen und es ist nicht für jeden einfach, dem gesellschaftlichen Druck und den Körpernormen zu entkommen. Generell hilft es aber, den eigenen Medienkonsum zu überprüfen und stets kritisch Inhalte zu konsumieren. Das Ziel ist ein Perspektivenwechsel im Umgang mit dem eigenen Körper: «Man soll vom Be- und Verurteilen des Körpers und der eigenen Person hin zu einem neutralen Beschreiben kommen», meint Roland Müller. Kurzum: Jeder Mensch hat seine körperlichen Besonderheiten, die man akzeptieren und lieben lernen sollte.

Auch darf man nicht davor zurückscheuen, sich Hilfe zu holen. In den meisten Fällen dient die professionelle Hilfe durch Psychotherapie zur Selbsthilfe. Der wichtigste Schritt dafür ist, sich einzugestehen, dass man ein Problem hat und dieses lösen möchte. Unterstützung von aussen hilft dann dabei, die eigene Wahrnehmung in Bezug auf den Körper positiver zu formulieren, den Selbstwert der Person zu stärken und wieder einen entspannteren Umgang mit Sport und Ernährung zu finden.

Weiterführende Informationen rund um Fitness- und Muskelsucht/Muskeldysmorphie und Beratungsdienste für Essstörungen:

Fachstelle PEP

Anlaufstellen PEP (filtern nach Kanton möglich)

Arbeitsgemeinschaft Ess-Störungen AES

Schweizer Gesellschaft für Essstörungen (SGES)

Text: Dominic Meier

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