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21 Oktober 2020

Die Bedeutung des Netflix-Films «Der Schacht».

Hast du den spanischen Horrorfilm «Der Schacht», oder «El Hoyo», von Galder Gaztelu-Urrutia schon gesehen? Die antikonsumistische Satire brennt sich mit brutalen Szenen und einer schockierenden Intensität in die Gedanken der Zuschauer. «Der Schacht» regt zum Nachdenken an und wirft Fragen über unsere Gesellschaft, die menschliche Natur, Gleichheit und Gewalt auf.

Die Handlung des Filmes findet im namensgebenden «Schacht» statt, einem vertikal gebauten Gefängnis mit besonderen organisatorischen Regeln. Jede Ebene des Gefängnisses stellt eine Zelle dar; in jeder leben zwei Gefangene. Die Zellen haben ein rechteckiges Loch, durch welches jeweils einmal am Tag eine mit Nahrung gefüllte Plattform herabsinkt.

Alle Gefangenen ernähren sich über diese Plattform und essen die Überreste der Gefangenen, die in den oberen Stockwerken untergebracht sind. Somit sind die Gefangenen in den oberen Stockwerken privilegiert und ernähren sich auf Kosten derer in den unteren Stockwerken. 

Welche Kernthemen werden nun in «Der Schacht» angesprochen? Vorsicht: Der folgende Text enthält Spoiler! 

Die Hölle sind die anderen

«Der Schacht» ist keineswegs als Gesellschaftskritik zu verstehen. Nach einer Analyse ist festzustellen, dass der Regisseur die Tatsache hervorheben wollte, dass alle Gesellschaften Formen der Ungleichheit teilen. Der Film ist vor allem eine Kritik und Verurteilung der menschlichen Natur. Der Schacht existiert, und dort geschehen Gräueltaten. Die Schuld daran liegt nicht, wie die Figur Goreng anfangs glaubt, bei der Gesellschaft und ihren Autoritätsfiguren, sondern in der Natur des Menschen.

Die Gefangenen auf der höchsten Ebene, Ebene Null, scheinen Opfer ihrer eigenen verzweifelten Suche nach Perfektion und des Systems zu sein. Dies schafft eine Blindheit, die es ihnen unmöglich macht, Armut, Schrecken und brutale Realitäten zu sehen. 

Der Film spricht daher eine Kritik gegenüber der menschlichen Natur aus. Im Schacht tun die Gefangenen alles, um zu überleben, auch wenn dies bedeutet, einander zu verschlingen. In diesem Sinne ist der Mensch in «Der Schacht» der Feind des Menschen. Deshalb sagt Trimagasi, Gorengs erster Zellengenosse, zu Goreng: «Du gehörst zu denen, die glauben, dass alles, was die Verwaltung tut, falsch ist.»

Erst dann versteht Goreng, dass es die Gefangenen sind, welche die Dinge nicht ändern wollen.

Als er versucht, die Gefangenen zur Vernunft zu bringen und das Essen fair zwischen allen Ebenen zu teilen, weigern sich alle. Es wird ihm nur gelingen, die anderen Gefangenen zu überzeugen, indem er sie bedroht und Gewalt anwendet.

So ist der Film, wie der Regisseur in einem Interview betont, «nicht, wie manche sagen, eine Gesellschaftskritik, sondern eine soziale Selbstkritik». In diesem Sinne ist nicht das System selbst das Problem, denn «die Hölle sind die anderen», wie Jean-Paul Sartre am Ende seines Stücks «Geschlossene Gesellschaft» präzisiert. 

Die soziale Pyramide

Die Vertikalität des Schachtes soll eine Metapher für die soziale Pyramide und den Klassenkampf sein. Jeden Monat wachen die Gefangenen in einem anderen Stockwerk des Schachtes auf. Dies unterstreicht den Fakt, dass man sich in Wirklichkeit nicht für die soziale Klasse entscheiden kann, in die man geboren wird. Darüber hinaus sind unser körperlicher Zustand und unsere Gesundheit nicht garantiert. 

Diese Konstruktion vermag es, dem Zuschauer die Qual und das Gefühl des Erstickens und der Entmenschlichung zu vermitteln, das Goreng erfasst und in den Wahnsinn treibt. Die unheimliche Musik sowie die Menge der verstörenden Geräusche, die Sets, die Nahaufnahmen und die Inszenierung im Allgemeinen verstärken diese Gefühle, die mit der Entwicklung der Gewalt zur Norm zu werden scheinen.

Das Gleichgewicht zwischen reich und arm

Ein weiteres Element passt in diese soziale Metapher. Es ist die Verwaltung, die sich durchaus als positive Kraft darstellt. Sie erlaubt es den Ärmsten, eine höhere Ebene zu erreichen, während sie einige der Reichen in den unteren Stockwerken unterbringt.

Obwohl die soziale Pyramide durch die Vertikalität des Schachts gut zur Geltung kommt, dreht sich in diesem Gefängnis des Grauens das Rad. So entsteht der Anschein eines Gleichgewichts zwischen Reichtum und Armut. Die Menschen wissen trotzdem nicht, wie sie mit der Situation umgehen sollen. Am Ende frönen sie ständig der Gewalt und, im wörtlichen wie im übertragenen Sinne, dem sozialen Kannibalismus.

Es ist die Verwaltung, die sich durchaus als positive Kraft darstellt.

Von Egoismus zu Altruismus

Goreng und mit ihm die Handlung des Films, entwickeln sich entsprechend den Ebenen des Schachts, die die Figur durchläuft. Goreng wird in der Tat verschiedene Begleiter haben, die sehr spezifische Themen hervorheben. Die erste Ebene, die Goreng durchläuft, betont die Notwendigkeit des individuellen Überlebens. Trimagasi steht für die Gier der Menschen, die ein bereits korruptes System noch verstärkt. Die zweite Ebene symbolisiert den Versuch von Solidarität und Altruismus dank der weiblichen Figur der Imoguiri, die im Gegensatz zu Trimagasi den Reichtum teilen will. Dennoch kann auch Imoguiri das System nicht ändern. Vielmehr ist es das System, das sie verändert und zur Rassistin macht. Die dritte Ebene scheint letzten Endes einen Systemwechsel durch die Suche nach Miharus kleinem Mädchen zu versprechen.

Allerdings hat «Der Schacht» keine Helden, denn kein System ist besser als das andere, und der Sozialismus bildet da keine Ausnahme. Tatsächlich haben Goreng und Baharat in ihrem Versuch, Gefangenen zu helfen, viele Menschen getötet und ihre Ideologie durchgesetzt und damit den Sozialismus zu einer neuen Form der Unterdrückung gemacht. Auf diese Weise zeigt «Der Schacht» die Grenzen des menschlichen Einfühlungsvermögens und die Schwierigkeiten auf, mit denen wir konfrontiert sind, wenn wir versuchen, auf allen Ebenen der Gesellschaft gute Menschen zu sein – auch wenn alles, was wir besitzen, bedroht ist.

Ein umstrittenes Ende zwischen Traum und Wirklichkeit

Im Schacht arbeiten alle, und ein jeder strebt nach einem persönlichen Ziel. Während einige einen Abschluss anstreben, wie Goreng, der freiwillig in den Schacht geht, wollen andere frei sein. Alle wollen verzweifelt ihr Ziel erreichen, aber die meisten Gefangenen sterben, bevor ihr Wunsch erfüllt wird. Dies ist ein weiterer Grund, warum das System so grausam erscheint. Obwohl im Schacht alles vorhanden ist, sind die Dinge, auf die es ankommt, für jeden unerreichbar.

Das Ende von «Der Schacht» ist umstritten und ermöglicht unterschiedliche Interpretationen. Zwei Varianten des Endes sind möglich. Es ist möglich, dass Miharus Tochter wirklich existiert. Sie befindet sich auf Ebene 333 des Schachtes und wird von Goreng und Baharat gerettet, die ihr ermöglichen, Ebene Null zu erreichen. Obwohl er es sich wünscht, weiss Goreng, dass er mit dem kleinen Mädchen nicht an die Oberfläche zurückkehren kann, weil die von ihm begangenen Gräueltaten ihn verdorben haben. Die Rückkehr des Kindes an die Oberfläche zeigt der Verwaltung daher, dass sich die Dinge ändern müssen, weil sich auch Unschuldige im System befinden und die Gefangenen sich gegenseitig umbringen und verhungern.

Panna Cotta

Am Anfang war die Botschaft Panna Cotta, ein so delikates und von den Gefangenen unberührtes Dessert, das zeigen sollte, dass das System nicht mehr funktioniert und dass alle Vernunft zeigten. Am Ende scheint sie jedoch durch das kleine Mädchen repräsentiert zu werden, ein Symbol der Reinheit und absoluten Unschuld. Dies erinnert uns daran, dass in unserer Gesellschaft, inmitten von Konflikten, Industrie und Politik, Kinder unsichtbar sind. Trotzdem stellen sie auch Hoffnung dar: Denn sie haben die Macht, Dinge zu verändern, wenn sie geschützt und sicher vor Korruption sind. Diese Interpretation könnte einen Hauch von Optimismus hinzufügen, der jedoch in scharfem Kontrast zum düsteren Ton des Films steht.

Eine andere Interpretation, welche am wahrscheinlichsten erscheint, beinhaltet nicht die tatsächliche Gestalt des Kindes.

Im Schacht gibt es kein kleines Mädchen; alles ist nur eine Illusion im Kopf der Hauptfigur. Erinnern wir uns, dass Goreng im Schacht eine Ausgabe der Geschichte von Don Quijote mitbringt, der Ritter werden wollte, um seinem Volk zu helfen. Im Laufe der Handlung wird Goreng selbst zum Don Quijote. Ihre physische Erscheinung, aber auch ihre Ideologie und ihr Wunsch, die Gesellschaft zu verändern, bringen sie zusammen. Doch am Ende scheitern beide in ihrer Mission.  Wie verstehen wir also das Ende des Films? Regisseur Galder Gaztelu-Urrutia erklärte es gegenüber Digital Spy: «Für mich gibt es die letzte Ebene nicht. Goreng starb, bevor er sie erreichte. Es geht nur darum, wie er es darstellte und was seiner Meinung nach getan werden sollte» 

Ein offenes Ende

Schliesslich kann «Der Schacht», wie Don Quijote, auf viele Arten interpretiert werden. Deshalb ist der Film unklar und sein Ende offen. Es gibt keine offensichtliche Lösung im Schacht, und wie der Film suggeriert, gibt es keine Lösung für unsere Gesellschaft. Letztendlich liegen unsere Hoffnungen in den künftigen Generationen, die wir unterstützen und leiten müssen.

Text Andrea Tarantini

Übersetzung aus dem Französischen Fatima Di Pane

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