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Zürich
21 Oktober 2020

«Hilfe, ich habe ein Schreibaby!».

Ohje, schon wieder! Wenn das Baby oft schreit und weint, so stellt dies die Nerven der frischgebackenen Eltern auf eine Zerreissprobe. Doch ab welchem Punkt spricht man von einem sogenannten Schreibaby? Was sind mögliche Ursachen? Und was kann man tun? Ein Überblick.

Wann hat mein Baby den Titel «Schreibaby» verdient? Dazu muss es mehrere Kriterien erfüllen. Ein Kriterium wäre zum Beispiel, dass das Neugeborene körperlich gesund sein muss und kein offensichtlicher Grund für exzessives Gebrüll vorliegt. Dies definiert man gängigerweise mit der 1954 eingeführten Dreierregel des amerikanischen Kinderarzt Morris Wessel: Schreit das Baby mehr als drei Stunden pro Tag (24 Stunden), an mehr als drei Tagen pro Woche während drei oder mehr Wochen, so spricht man offiziell von einem Schreibaby. Es wird geschätzt, dass dies auf rund jedes zehnte Baby zutrifft.

Susanna Fischer, Säuglingsexpertin einer Familienpraxis in Zürich, ergänzt: «Wenn man von Schreibabys redet, muss man immer auch von den Eltern reden. Nicht nur der Säugling, sondern das ganze familiäre System ist dabei immer hoch angespannt, überaktiviert und in einem extremen Stresszustand.» Ausserdem hält sie fest, dass der Begriff Schreibaby von Fachleuten eigentlich nicht verwendet werde. Diese sprechen eigentlich von frühkindlichen Regulationsstörungen.

Hochsensibel und schnell irritiert

Normalerweise nimmt das Gebrüll in der zweiten oder dritten Lebenswoche seinen Anfang. Die gute Nachricht: In Woche zehn bis zwölf wird meist der Zenit erreicht und während dem vierten Monat endet das Ganze oder verbessert sich zumindest spürbar. Ein Merkmal dieser im Volksmund als Schreibabys bekannten Säuglinge ist, dass sie aufgeweckt sind und sich äusseren Reizen gegenüber sehr offen zeigen. Daraus folgt dann leider oft, dass das Baby Mühe hat, zur Ruhe zu kommen und entsprechend schlecht ein- und durchschläft. Die in Emotionaler Erster Hilfe ausgebildete Expertin, Susanna Fischer, meint: «Aus meiner Perspektive sind es hochsensible, schnell irritierte Säuglinge, welche Adaptionsschwierigkeiten nach Geburt haben und sich nicht selber beruhigen können. Teilweise haben diese Kinder durch das ständige Schreien einen stark verkrampften Körper. Deshalb erstaunt es nicht, dass auch der Magen und ein unreifer Darm davon betroffen sind. So kommt es dann auch zum Begriff der Dreimonatskoliken.»

Wieso weint mein Baby so oft? 

Einerseits kann davon ausgegangen werden, dass die Umstellung vom Mutterleib-Dasein in eines in der Aussenwelt eine gewisse Rolle dabei spielt. Das Baby muss nun ohne die Geborgenheit, den Wiegerhythmus der Mutter und die vertrauten Geräusche auskommen. Zusätzlich dazu sieht es sich gezwungen, seine Wärme selbst zu regulieren, unterliegt erstmals der Schwerkraft und empfindet nun auch Hunger und Durst – alles Dinge, denen es im Mutterleib nicht ausgesetzt war. Susanna Fischer fügt an: «Alles, was sich für den Säugling nicht gut anfühlt, wird zu Stress und den kann er noch nicht selber abbauen. Die Haltlosigkeit des Säuglings ist ein ganz wichtiger Aspekt, darum ist es so wichtig, dem Säugling zu Beginn des Lebens bis ca. zur zwölften Woche das Mamabauchfeeling zu geben. Das ist körperlicher Halt, Sicherheit, Verlässlichkeit – bei Papa und Mama, aber auch bei liebevollen und feinfühligen Menschen der Familie.»

Auf der anderen Seite geht man davon aus, dass Schreibabys Mühe haben, sich ihrem Entwicklungsstand entsprechend zu regulieren und zudem noch sensibler sind als andere Babys desselben Alters. Diese Sensibilität hat zur Folge, dass mehr Eindrücke aufgenommen werden und das Baby damit überfordert ist, diese Reize zu prozessieren. Das führt wie eingangs erwähnt dazu, dass diese Babys nicht wie gewünscht zur Ruhe kommen können, was wiederum Schlafmangel und Übermüdung zur Folge hat – Faktoren, welche das Geschrei sicherlich nicht verbessern. 

Wie Eltern am besten damit umgehen 

Susanna Fischer rät dazu, sich so früh wie möglich Hilfe zu holen – etwas das erfahrungsgemäss meist zu spät geschieht. Diese Hilfe kann einerseits aus dem familiären Umfeld kommen, in Form von Entlastung für die Eltern. Andererseits gibt es auch diverse Angebote an professioneller Hilfe. Die Expertin ergänzt: «Wenn es den Eltern gut geht, dann sind sie ausreichend feinfühlig, verstehen ihren Säugling und das Antwortverhalten stimmt überein. Erfahren Eltern nach der Geburt genügend Sicherheit, dann erfährt der Säugling erlebte Geborgenheit.» Ob diese Hilfe nun von Familie und Freunden oder von Experten kommt, ist schlussendlich nebensächlich. Die Hauptsache ist: «Eltern von einem Neugeborenen müssen wissen ‹da ist jemand für uns da, wir sind nicht alleine›. Und genau das Gleiche muss auch der Säugling wahrnehmen.»

Was dem Kind helfen kann

Was die Unterstützung der Babys betrifft, so hält Expertin Fischer fest: «Dem Säugling kann man helfen, indem man ihm Sicherheit durch den eigenen inneren Halt vermittelt. Wenn Säuglinge ausser sich sind und schreien, ist es nicht mehr relevant, warum der Säugling schreit, sondern was ihm in dem Moment guttut.»

Säuglinge brauchen viel Unterstützung, um sich immer und immer wieder beruhigen zu können. Susanna Fischer empfiehlt: «Das Saugbedürfnis des Säuglings ist riesig, das sollen sie mit dem Nuggi erfüllen können. Ebenso hilft es dem Baby, sich taktil beruhigen zu können – mit einem weichen Stofftuch zum Beispiel. Des Weiteren hilft eine entspannte Körperhaltung, beispielsweise in Rückenlage im Stillkissen, mit entspanntem Becken und hochgelagerten Beinen. Auch ein dünnes Tuch, in welches der Säugling gewickelt wird, kann helfen. Es vermittelt dem Säugling ein Gefühl von Halt.»

Abschliessend kann gesagt werden, dass es auf das eigene Empfinden und die subjektive Belastbarkeit der Eltern ankommt. Was für die einen ein Schreibaby ist, kann für andere ein temperamentvoller Säugling sein, der bloss ein bisschen öfter weint. 

Text Patrik Biberstein  

Wie Babys sonst noch kommunizieren, das erfährt man hier.

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