Kanzleien stehen unter Erfolgs- und Modernisierungsdruck. Steigende regulatorische Anforderungen, Fachkräftemangel, höhere Mandantenansprüche und der KI-Hype treffen auf gewachsene, aber oftmals ineffiziente Strukturen
Der 2025 erstmals veröffentlichte Legal Tech Monitor mahnt eine »strategische Anpassung« der rechtlichen Arbeit an und nennt als zentrale Herausforderungen »schwankende Marktbedingungen, komplexe Regulierung und die schwierige Rekrutierung geeigneter Fachkräfte«. »Insbesondere im Bereich Legal Operations« sei »der Mangel an qualifiziertem Personal« groß. Dieser Personalmangel erschwere beispielsweise »die Zusammenarbeit zwischen juristischen und technischen Abteilungen innerhalb von Unternehmen«.
Die Jahresstudie »Legal Market Economics« des Bucerius Legal Innovation Hub bewertete im letzten Jahr »erstmals datenbasiert die Leistungsfähigkeit des zunehmend digitalisierten Rechtsmarktes« und erläuterte, »warum bestehende Strukturen an ihre Grenzen stoßen«. Auch hier trifft eine »stetig steigende Komplexität von Recht« auf fehlenden Nachwuchs und die bevorstehende Rentenwelle. Die Folge: »ein Leistungsgap auf dem Rechtsmarkt, von dem insbesondere die Breite der Gesellschaft betroffen ist«. Während die Komplexität des Rechts und der tägliche Anfragen- und Bearbeitungsdruck steigen, nehmen die Zulassungszahlen ab.
Mit generativer KI ist ein neuer Player in Organisationen angekommen.– Prof. Dr. Madeleine Bernhardt
»Künstliche Intelligenz als Differenzierungs-Booster«
Den Einsatz von KI bezeichnet die Jahresstudie folglich als »Differenzierungs-Booster«: »Wirtschaftskanzleien überdenken Geschäfts- und Pricingmodelle und passen ihre Organisationsstruktur und Rollenprofile an.« Dass Rechtsabteilungen oder zugezogene Kanzleien zunehmend »vom Schutzschild zum Navigator« und »strategischen Asset« werden, dürfte die Bedeutung digitaler Prozesse nochmals unterstreichen. »Durch automatische Routineprozesse im Hintergrund ändert sich die Rolle: Jurist:innen sind die Navigatoren in unsicheren Zeiten, die dank technischer Monitoring- und Risikosysteme frühzeitig strategisch eingreifen können.« Ein solches reaktives Eingreifen und aktives Navigieren setzt voraus, dass Rechtsabteilungen schneller reagieren und entsprechend auch schneller kommunizieren können. Auch ein besseres, nahtloses Arbeiten, sprich Tools, die miteinander statt nebeneinander arbeiten, dürfte vonnöten sein.
Die von der Technik und einem sie umgebenden »Layer of Lawyer« vorgenommene Arbeitsteilung erfordere ein Umdenken, so Studienautor Dr. Hariolf Wenzler. »Die wichtigste Kompetenz in dieser arbeitsteiligen (Rechts-)Welt ist nicht Wissen, sondern Kommunikation. Die wiederum beginnt mit dem Zuhören und Verstehen der verschiedenen Beteiligten und endet mit der Fähigkeit, unterschiedliche Perspektiven und Hintergründe zu einem guten (Mandats-)Ende zu führen.«
Anwalts Werk und KIs Beitrag
Allerdings sehen zwei Drittel der Kanzleien eine »fehlende Technologiekompetenz« als zentrale Herausforderung an. Es mangele »an Know-how zur Implementierung und einer strategischen Nutzung von Technologie und KI«. In Rechtsabteilungen sei »das Herausforderungsspektrum diffuser«: »Fehlende Technologiekompetenz bleibt relevant, daneben treten aber Compliance-Fragen, Defizite im Change-Management, technische Implementierungsschwierigkeiten sowie finanzielle Restriktionen im Median um ca. zehn Prozentpunkte stärker als bei Kanzleien hervor.« Der Einsatz von KI könnte dabei eine »Zweiklassengesellschaft auf dem Rechtsmarkt« erschaffen.
Prof. Dr. Madeleine Bernhardt, eine weitere Studienautorin von »Legal Market Economics«, resümiert: »Mit generativer KI ist ein neuer Player in Organisationen angekommen. Ein Player mit einer eigenen Funktionsweise und Logik, mit eigenen Stärken und Schwächen. Damit steigt die Komplexität von Führung. Es geht nicht mehr nur um Menschen, Strukturen und Prozesse, sondern um die bewusste Gestaltung der Arbeitsteilung und Kooperation zwischen Mensch und KI. Führungskräfte, die KI-Transformation erfolgreich gestalten wollen, sollten dieses Zusammenspiel systematisch orchestrieren.«
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