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Digitalisierung Recht

Künstliche Intelligenz und Recht: Verbündete oder Feinde?

06.04.2024
von Linda Carstensen

Spätestens seit ChatGPT Ende 2022 von OpenAI als Web-App veröffentlicht wurde, ist künstliche Intelligenz ein omnipräsentes Thema. Ihr Einsatz in verschiedenen Branchen wird kontrovers diskutiert. «Fokus» ergründet die Chancen und Gefahren der Kooperation zwischen künstlicher Intelligenz und Jurist:innen.

Die Technologien verschieben ständig die Grenzen des Möglichen. Künstliche Intelligenz (KI) hat das Potenzial, die Rechtsbranche zu revolutionieren. Doch mit diesen Möglichkeiten kommen auch Herausforderungen. Wird KI richtig eingesetzt, kann sie die Zugänglichkeit und Fairness des Rechtssystems verbessern – aber auch das Gegenteil wird befürchtet. Bereits heute findet KI vielfältige Anwendung. Einige Beispiele:

  • Rechtsrecherche: KI-Tools helfen Anwältinnen und Juristen, Präzedenzfälle, Gesetze und juristische Kommentare effizienter zu durchsuchen. Systeme wie ROSS Intelligence nutzen natürliche Sprachverarbeitung (Natural Language Processing NLP), um juristische Fragen zu verstehen und relevante Informationen aus grossen Rechtsdatenbanken herauszufiltern. 
Smart
fact

Natural Language Processing

Die natürliche Sprachverarbeitung ist eine Methode der KI, die Computer befähigt, die natürliche Sprache des Menschen zu verstehen und zu interpretieren. So können Maschinen Daten automatisch verarbeiten, die Absicht eines Textes analysieren und zum Beispiel in Echtzeit auf menschliche Kommunikation reagieren.

  • Vertragsmanagement und -analyse: KI ist fähig, Verträge schneller zu überprüfen und zu analysieren als der Mensch. Sie erkennt wichtige Klauseln, identifiziert Abweichungen von Standarddokumenten und unterstützt beim Vertragsentwurf. Tools wie kira und ThoughtRiver sind Beispiele für solche Anwendungen. 
  • Prädiktive Analyse: Einige KI-Systeme nutzen historische Daten, um Vorhersagen über den Ausgang von Rechtsstreitigkeiten zu treffen. Diese Technologie kann Anwält:innen helfen, Risiken besser einzuschätzen und informierte Entscheidungen über die Handhabung von Fällen zu treffen. 
  • Automatisierung von Dokumenten: KI kann zur automatischen Erstellung von Standarddokumenten wie Verträgen eingesetzt werden. Das spart Zeit und minimiert menschliche Fehler.
  • E-Discovery: KI wird in der Prozessvorbereitung genutzt, um grosse Mengen elektronischer Daten effizient zu durchsuchen und relevante Informationen für Fälle zu identifizieren. Besonders bei komplexen Fällen, für welche grosse Datenmengen verarbeitet werden müssen, erweisen sich solche Tools als hilfreich.
  • Compliance Monitoring: KI kann Unternehmen helfen, regulatorische Anforderungen zu verstehen und einzuhalten, indem sie Gesetze und Vorschriften überwacht und Abweichungen identifiziert, die für das Unternehmen relevant sein könnten. 
  • Legal Analytics: KI-Tools analysieren rechtliche Daten und Dokumente wie zum Beispiel Gerichtsakten, um Muster in der Rechtssprechung zu erkennen. Dies kann Anwält:innen helfen, bessere Strategien für ihre Fälle zu entwickeln.
  • Chatbots und virtuelle Assistenz: Einige Kanzleien und Rechtsdienste nutzen KI-basierte Chatbots und virtuelle Assistent:innen, um grundlegende rechtliche Anfragen zu beantworten und Klient:innen bei einfachen rechtlichen Problemen zu unterstützen. 

Kann KI faire und transparente Entscheidungen treffen?

Der Einsatz künstlicher Intelligenz in der Rechtsbranche bietet zwar erhebliche Vorteile, wirft jedoch auch eine Reihe kritischer Fragen auf, die sorgfältig geprüft werden müssen. Beispielsweise können KI-Systeme aus Daten lernen, die historische Vorurteile und Diskriminierungen widerspiegeln. Wird KI für Entscheidungsfindungen oder Vorhersagen genutzt, können diese Verzerrungen zu ungerechten Urteilen führen. Es ist wichtig, KI-Systeme kritisch zu hinterfragen, um sicherzustellen, dass sie fair und unparteiisch agieren.

Häufig sind KI-Systeme, insbesondere solche, die auf Deep Learning basieren, für ihre Nutzer:innen eine «Black Box». Eine Black Box bezeichnet Systeme, deren interne Funktionsweise und Entscheidungsprozesse für die Benutzer:innen und selbst für die Entwickler:innen nicht transparent oder nachvollziehbar sind. Dies kann insofern ein Problem darstellen, als dass Jurist:innen und die von ihren Entscheidungen Betroffenen nicht verstehen können, wie und warum eine KI zu einem bestimmten Ergebnis gekommen ist.

Die Rechtspraxis ist nicht nur eine Anwendung von Regeln, sondern beinhaltet oft auch ein tiefes Verständnis menschlicher Empathie sowie ethische Überlegungen. KI-Systeme können diese Nuancen oft nicht erfassen. Das kann dazu führen, dass Urteile gefällt werden, die fachlich zwar korrekt, aber ethisch oder moralisch fragwürdig sind. Es ist wichtig, dass Jurist:innen KI-Technologien als Werkzeug und somit als Ergänzung zu ihren eigenen Fähigkeiten ansehen und sich nicht vollständig auf sie verlassen.

Balance finden zwischen Mensch und Maschine

Grundsätzlich stehen Jurist:innen vor der Herausforderung, eine Balance zwischen dem Einsatz von Mensch und Maschine, inklusive künstlicher Intelligenz, zu finden. Doch wie kann dies gelingen?

LegalTech – ein zusammengesetzter Begriff aus «legal services» und «technology» – bezeichnet die Digitalisierung der juristischen Arbeit. LegalTech umfasst eine breite Palette von Technologien und Anwendungen, darunter Kanzleisoftwares, Tools zur Erstellung von Dokumenten wie Rechnungen, Onlineplattformen zur Vermittlung von Rechtsdienstleistungen, auf künstlicher Intelligenz basierte Tools zur Analyse von Dokumenten und vieles mehr. Rechtliche Prozesse und Workflows können so optimiert und deren Effizienz und Qualität gesteigert werden. 

Jurist:innen können durch derartige Dienste viel Zeit sparen, die sie in andere Aufgaben und Bereiche investieren können; nämlich in solche, bei denen ihre menschlichen Fähigkeiten gefragt sind. Dazu gehören zum Beispiel die Beratung von Mandant:innen oder die Bearbeitung komplexer Rechtsangelegenheiten. Letztlich kommt es auf die gesunde Mischung an: Der Mensch will nicht auf die Maschine verzichten und die Maschine kann nicht auf den Menschen verzichten. 

Wichtig ist, dass praktizierende Jurist:innen einen adäquaten Umgang mit LegalTech erlernen. Gleichzeitig stellt sich die Frage, inwieweit LegalTech reguliert werden sollte. Es könnte durchaus  sinnvoll sein, LegalTech und den Umgang mit KI in der Rechtsbranche alsbald in die Ausbildung künftiger Jurist:innen aufzunehmen, um den Anforderungen moderner Rechtsberatung und Rechtssprechung gerecht zu werden. 

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