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Deutschland Digitalisierung Recht

Ausreden gibts genug – Verantwortung (noch) nicht

09.04.2026
von SMA

Die Rechtsbranche hat in der letzten Zeit bemerkenswert bewiesen, dass sie etwas gelernt hat: KI-Tools zu testen. Doch die Unsicherheit in der aktuellen technologischen Zeitenwende verhindert die Übersetzung in den dauerhaften Betrieb. Strukturelle Hürden, ungeklärte Verantwortlichkeiten und eine enorme Wissenslücke bremsen die Transformation. Wer glaubt, das Problem löse sich von selbst, wenn man nur lange genug abwartet, irrt – und verliert dabei wertvolle Zeit.

Maraja Fistanić, MBAVorstandsvorsitzende Legal Tech Verband Deutschland, Mitglied der Geschäftsführung Lexemo GmbH

Maraja Fistanić, MBA
Vorstandsvorsitzende Legal Tech Verband Deutschland, Mitglied der Geschäftsführung Lexemo GmbH

Neue LegalTech/KI-Lösungen schießen wie Pilze aus dem Boden. Der Markt könnte kaum unübersichtlicher sein: undurchsichtige Preisstrukturen, fehlende Differenzierungsmerkmale und ein Angebot, das sich schneller verändert, als die meisten Kanzleien ihre internen Genehmigungsverfahren durchlaufen. Es ist also wenig verwunderlich, dass manche Marktteilnehmende schlicht abwarten – in der Hoffnung, dass sich der Staub legt und die wirklich tragfähigen Lösungen von allein sichtbar werden. So nachvollziehbar diese Haltung ist, so problematisch ist sie. Denn währenddessen klafft eine enorme Wissenslücke, die wie eine unversorgte Platzwunde immer größer wird.

Dabei haben sich einige Anwendungsfälle als praxistauglich erwiesen: bei Vertragsprüfungen, der Voranalyse großer Dokumentenmengen oder internem Wissensmanagement schafft KI bereits echten Mehrwert. Doch zwischen dem Pilotprojekt und dem belastbaren Prozess liegt eine Welt. Ergebnisse sind nicht ohne Weiteres prüf- oder haftungssicher, Workflows zwischen Legal, IT und Compliance bleiben undefiniert und aufgebautes Know-how hängt an Einzelpersonen statt auf Organisationsebene verankert. Genau hier entscheidet sich, ob aus einem Test ein verlässliches operatives Element wird oder ob das Experiment nach drei Monaten im Sand verläuft.

Governance als ständige Baustelle

Der Legal Tech Monitor 2025 benennt die Hürden in aller Deutlichkeit: 36 Prozent der Befragten nennen fehlende IT-Integration als zentralen Hemmfaktor, 26 Prozent interne Genehmigungsverfahren. Nicht fehlendes Interesse also, sondern strukturelle Engpässe. Hinzu kommt eine Frage, die in vielen Organisationen noch immer offen ist: Wer übernimmt die Rolle des »Human in the Loop«? Jener Person, die KI-generierte Ergebnisse hinterfragt und verantwortet?

Diese Frage ist organisatorischer Natur und sie wird durch das klassische Kanzleipartnermodell nicht leichter: Wo Entscheidungen auf Partnerebene fallen und Transformationsprojekte selten die Schwelle zum skalierbaren Roll-out überschreiten, bleiben KI-Initiativen strukturell in der Experimentierphase gefangen. Gleichzeitig stellt sich eine unbequeme Folgefrage: Wie lässt sich der »Human in the Loop« überhaupt dazu bewegen, Ergebnisse ernsthaft zu hinterfragen, statt der verführerischen Bequemlichkeit eines gut formulierten KI-Outputs zu erliegen? 

Der EU AI Act zwingt Unternehmen nun dazu, Rollen und Verantwortlichkeiten im Umgang mit KI klar zu definieren.

Kritisches Denken bleibt der wichtigste Skill der Jurist:innen, gerade weil die einfache Bedienbarkeit großer Sprachmodelle manchmal zu falschem Vertrauen verleitet. Wer das Denken langfristig auslagert, verlernt es. Wer die dahinterliegende Technologie nicht im Grundsatz versteht, kann Erwartungen nicht realistisch kalibrieren und Risiken nicht sauber einschätzen. Die Ausbildung hinkt hier der Praxis deutlich hinterher und das ist eine systemische Lücke.

Skepsis trifft auf fehlende Praxis

Seit jeher scheitert die Einführung von Technologie daran, dass Prozesse, Arbeitsweisen und Verantwortlichkeiten nicht mitgedacht werden. Bei generativer KI gilt es heute noch schneller und unübersichtlicher. 

Auf der Infrastrukturseite betreiben Bund und Länder unterschiedliche IT-Systeme und teilweise parallele Lösungen für identische Probleme. Das B2G-Segment macht lediglich drei Prozent der LegalTech-Anbieter aus, trägt aber 13 Prozent zur Bilanzsumme bei. Ein strukturell unterversorgter Bereich, dessen gesellschaftlicher Impact weit über diese Zahlen hinausgeht und der im Zusammenspiel mit den übrigen Akteuren des Rechtsmarkts erheblich ins Gewicht fällt. Es verwundert daher nicht, dass die Justiz den Digitalisierungsversprechen skeptischer begegnet als andere Marktteilnehmende. Doch auch unter Rechtsanwält:innen bleibt die Unsicherheit groß, weil grundlegende Fragen unbeantwortet bleiben: Wie, wer und in welcher Reihenfolge? 

Umso interessanter ist ein Befund aus dem Legal Tech Monitor 2025: Jene, die konkrete KI-Erfahrungen gemacht haben, sind deutlich optimistischer – auch innerhalb der sonst skeptischsten Gruppen. Das eigentliche Problem ist also fehlende Praxis.

Ehrlicher Austausch als Schlüsselressource

Zwischen der Abgabe dieses Textes und seiner Veröffentlichung dürfte das nächste Update irgendeines Sprachmodells bereits verfügbar sein. Die strukturellen Fragen bleiben dabei dieselben. Was den Unterschied macht, ist nicht das nächste Produktrelease, sondern die Bereitschaft, offen über Misserfolge zu sprechen.

Die überwältigende Resonanz auf das Rechtsabteilungspanel »Be Honest« auf dem Legal Tech Day 2025 hat gezeigt: Die Nachfrage nach ehrlichem Erfahrungsaustausch ist enorm. Kanzleien, Rechtsabteilungen, Technologieanbieter, Justiz und Politik brauchen gemeinsame Plattformen, auf denen nicht nur Erfolgsgeschichten präsentiert, sondern echte Hürden offen diskutiert werden. 

Einen wichtigen Schub liefert auch die Regulatorik: Der EU AI Act zwingt Unternehmen nun dazu, Rollen und Verantwortlichkeiten im Umgang mit KI klar zu definieren. Er verlangt damit genau jene organisatorische Reife, die am Rechtsmarkt bislang häufig gefehlt hat. So wird die Regulierung, die der technologischen Entwicklungsgeschwindigkeit lange hinterherlief, selbst zum Treiber.

Es gibt keine spannendere Zeit im LegalTech-Bereich als jetzt. Der Markt lernt täglich dazu. Darüber, was KI kann, welche technologischen Grenzen es gibt und welche organisatorischen und ethischen Grenzen notwendig sind. Was es jetzt braucht, sind breit angelegte Initiativen, die Wissenslücken schließen, sowie strategische Überlegungen, wie LegalTech- und KI-Tools sinnvoll ineinandergreifen und organisationsweit genutzt und getragen werden. 

Relevant bleibt, wer mitgestaltet. Und Mitgestalten beginnt mit einem einfachen, aber unterschätzten Schritt: ehrlich zu sein.

Text Maraja Fistanić

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