Mit der Übernahme der Credit Suisse durch die UBS wurde Professor Peter V. Kunz einmal mehr quasi über Nacht zum medialen Krisenkommentator der Nation. Von Interviews bis Liveschaltungen mit internationalen Medien war er allgegenwärtig. Dabei blieb er sachlich, klar und kritisch – stets mit dem Ziel, komplexe Finanzthemen verständlich zu erklären und Verantwortung sichtbar zu machen.
Herr Kunz, Sie waren in den Wochen der Credit-Suisse-Übernahme omnipräsent in den Medien – manche nannten Sie sogar augenzwinkernd den «juristischen Krisenkommentator der Nation». Wenn man plötzlich zur Stimme der Vernunft in einer nationalen Bankenkrise wird – wie erlebt man das persönlich?
In der Übernahmephase um den 19. März 2023 hatte ich kaum Zeit zu reflektieren, was genau passiert. Ich war fast rund um die Uhr getrieben, von Interview zu Interview, aber es ging nicht nur um die Medien. Auch Politiker und Behördenvertretungen suchten das Gespräch, denn das Themengebiet ist meine Spezialität. Mir war bewusst, dass es eine heikle Phase ist. Ich hatte fast ein Monopol als Experte, auch international – zum Beispiel bei einem Liveinterview für CNBC in den USA. Ich wusste genau, dass ich klar und deutlich sagen muss, was Sache ist, aber Fehler vermeiden sollte und nichts ins Lächerliche ziehen darf.
Schon einige Zeit vor dem 19. März war ich im Fernsehen und in weiteren Medien präsent. Die Probleme der Credit Suisse hatten sich Monate zuvor schon abgezeichnet. Ende 2022 bis Mitte 2023 war eine sehr intensive Zeit. Ich hatte viel informellen Behördenkontakt und musste stets abwägen, was ich sage und nicht sage. Normalerweise bin ich gut vorbereitet, aber diese Phase war extrem fordernd.
Sie gelten als jemand, der gern Klartext spricht. So haben Sie beispielsweise auch nicht mit Kritik an Bundesrat und Behörden zurückgehalten. Gibt es Momente, in denen Sie sich wünschen, Sie hätten einfach mal nichts gesagt – oder ist Schweigen juristisch ohnehin überbewertet?
Fehler machen alle, so natürlich auch ich. Rückblickend denke ich manchmal, dass einzelne Aussagen in ihrer Schärfe vielleicht nicht nötig gewesen wären. Meine Frau erinnerte mich auch immer wieder daran, etwas weniger aggressiv aufzutreten. Aber ehrlich gesagt: In dem Moment, in dem ich etwas sage, ist es für mich richtig. Eine Woche später würde ich vielleicht anders antworten, aber im Moment stimmte es. Ausschlaggebend für mich ist, dass das Gesagte sachlich korrekt ist. In diesem Rechtsbereich verstehen nur wenige die Themen wirklich und die, die es tun, äussern sich meist nicht. Es ging um Fusionen, Notrecht und Übernahmen – alles Bereiche, die ich gut kenne. Auch rückblickend würde ich nichts zurücknehmen. Niemand hat mir je vorgeworfen, dass meine Aussagen falsch waren.
Während der Krisenwochen waren Sie in praktisch allen Medien präsent. Wie haben Sie diese plötzliche Aufmerksamkeit erlebt – hat sie Sie gestresst, beflügelt oder vielleicht sogar ein bisschen amüsiert?
Darüber rede ich oft auch mit anderen Professorinnen und Professoren. Viele fühlen sich bei Interviews sehr unwohl, besonders wenn kurze Antworten auf den Punkt gefragt sind wie beim SRF. Ich hingegen bin medientechnisch sehr entspannt. Selbst Liveinterviews vor vielen Menschen, etwa auf CNBC vor dem Eingang zur UBS-GV in Basel, haben mich nie gestresst. Es ist nicht mein erstes Rodeo – meine erste Bankenkrise als unabhängiger Experte fand 2007 bei der Rettung der UBS statt. Damals habe ich erstmals intensiv Medienkontakte gepflegt. Mittlerweile nehme ich die Aufmerksamkeit eher amüsiert wahr, auch wenn mich manchmal nervt, dass die Relevanz mancher Themen lange nicht erkannt wurde.
Ich nähere mich den Grenzen, aber ich überschreite sie nicht.
Ein Beispiel: AT1 war von Anfang an ein zentrales Thema. Ich hatte es früh angesprochen, doch viele Schweizer Medien nahmen es nicht wahr. Ausländische Medien wie Bloomberg und die Financial Times griffen es bereits vier Tage vor dem 19. März im Gespräch mit mir auf. Interessant war es zu beobachten, wie unterschiedlich Medien arbeiteten.
Sie sind bekannt dafür, klar und kritisch Ihre Meinung zu sagen, auch wenn es unbequem wird. Was treibt Sie persönlich an, in solchen Momenten nicht zu schweigen?
Ich sehe es als meinen eigenen Public Service an die Medienkonsumentinnen und -konsumenten. Als Professor an der Universität Bern werde ich vom Staat bezahlt. Wenn ich nichts sage, wer tut es dann? Alle Interviews mache ich gratis, nicht für Geld oder Image, sondern damit das Publikum die Informationen von einem Experten erhält, nicht nur von den Banken. Dass ich mir keine Freunde mache, spielt keine Rolle. Mir ist wichtig, dass alle verstehen, worum es geht.
Rückblickend auf diese intensive Zeit: Welche Erfahrung hat Sie am meisten geprägt – beruflich, aber auch persönlich? Gab es Momente, die Sie überraschten oder zum Nachdenken brachten?
Privat hat es mir natürlich auch Sorgen bereitet. Ich war ja selbst ein Credit-Suisse-Kunde – waren meine Einlagen gefährdet? Konnte ich plötzlich kein Geld abheben? Beruflich war ich enttäuscht über die Vorbereitung der Finanzbehörden. Ich hatte gedacht, nach 2007 wären sie besser vorbereitet. Dass dem nicht so war, beunruhigt mich heute noch sehr. Am 19. März 2023 hiess es «Wir haben keine Alternative». Ich wusste: Juristisch gab es Alternativen. Das Vorgehen der Behörden schwächte meiner Meinung nach den Rechtsstaat Schweiz.
Sie lehren Wirtschaftsrecht seit vielen Jahren. Hat sich durch diese Krise Ihr Blick auf den Finanzplatz Schweiz verändert?
Ich bin grundsätzlich Optimist, aber überrascht wegen dieser Bankenkrise bin ich nicht. Wir sehen immer wieder dieselben Probleme: Gier ist der entscheidende Machtfaktor, solange die Wirtschaft auf Menschen basiert. Menschen sind nun mal gierig. Daraus werden wir künftig nicht lernen. Die Schweiz ist vielleicht nicht schlechter, aber auch nicht besser als andere, und leider bestätigt dies meine bisherigen Beobachtungen.
Wo sehen Sie aktuell die grössten Schwachstellen im Schweizer Unternehmensrecht?
Ich vermeide es jeweils bewusst zu moralisieren. Das Recht muss wertneutral sein; es geht nicht darum, Moral einzubringen. Ich sage, Unternehmensrecht ist Organisationsrecht – es soll sicherstellen, dass Unternehmen funktionieren, nicht ethisch, sondern rechtmässig und legal handeln. Das Hauptproblem: Kaum jemand kann wirklich zur Verantwortung gezogen werden. Das Recht lässt es kaum zu, Fehler nachzuverfolgen. Das stört mich, weil die juristische Verantwortung oft fehlt.
Abseits des Wirtschaftsrechts engagieren Sie sich neuerdings für den Tierschutz. Wie kam es dazu?
Es war eine doppelte Motivation: wissenschaftlich und persönlich. Tiere haben mich schon mein Leben lang sehr interessiert, besonders Katzen. Vor sieben Jahren habe ich beschlossen, mich wissenschaftlich auch mit Tierrecht zu beschäftigen. Heute bin ich Präsident des Schweizerischen Tierschutzes STS. Wir vertreten etwa 70 000 Mitglieder und 85 Angestellte und sind politisch auf Bundesebene aktiv.
Sehen Sie Parallelen zwischen dem Schutz von Tieren und juristischen Fragen der Verantwortung in Wirtschaft und Politik?
Jein. Man kann die beiden Bereiche nicht direkt vergleichen, aber gewisse Grundprinzipien ähneln sich. Im Wirtschaftsrecht steht die Eigenverantwortung im Zentrum – der Bürger und die Bürgerin sind für sich selbst verantwortlich, darum bin ich auch kein Fan von Notrecht. Wenn es aber schwächere Gruppen gibt, dann sollten sie rechtlich angemessen geschützt werden. Das sieht man im Recht zum Beispiel beim Arbeitnehmerschutz, beim Mieterschutz, beim Konsumentenschutz oder beim Schutz der Kleinaktionäre. Das ist absolut berechtigt.
Bei Tieren ist die Situation anders, weil man dort nicht von Eigenverantwortung sprechen kann. Ein Tier kann sich nicht eigenverantwortlich wehren, es kann keine Rechte einfordern oder Entscheidungen treffen. Es ist vollständig auf den Schutz durch den Menschen angewiesen. Insofern treffen sich die beiden Bereiche doch wieder: Es geht in beiden Fällen um den Schutz des Schwächeren. Genau darin sehe ich die Parallele – nicht in der Struktur des Rechts, sondern in der Haltung dahinter. Wenn man Verantwortung trägt, muss man sich dieser bewusst sein und entsprechend handeln.
Wenn Sie einen Wunsch frei hätten – sei es für die Zukunft des Wirtschaftsrechts oder für den Umgang mit Tieren in unserer Gesellschaft – welcher wäre das?
Taten statt Worte. Sowohl im Recht als auch im Tierschutz wird viel geredet und gejammert, aber wenig umgesetzt. Das ist mein Wunsch: weniger Reden, mehr Handeln. Leider glaube ich jedoch nicht, dass das so schnell passieren wird.
Zum Schluss, Herr Kunz: Wenn die nächste grosse Wirtschaftskrise kommt – sollen wir schon mal Ihre Nummer auf Kurzwahl setzen oder wünschen Sie sich diesmal einfach ein ruhiges Wochenende?
(lacht) Ich sage es so: Die nächste Krise wird nicht morgen kommen, aber sie wird kommen – ganz sicher. In etwa 10 bis 15 Jahren wird es sehr wahrscheinlich wieder so weit sein. Dann werde ich über 70 sein – und ehrlich gesagt glaube ich nicht, dass ich dieses Alter erreichen werde. Das ist für mich völlig in Ordnung.
Ich denke, es ist wichtig, dass irgendwann auch eine Staffelübergabe zwischen den Generationen stattfindet. Es soll neue Expertinnen und Experten geben, die diese Rolle übernehmen und die Debatten weiterführen. Ich habe seit mehr als 20 Jahren meinen Teil dazu beigetragen und das reicht. Wenn also die nächste Krise kommt, können Sie mich in den nächsten neun Jahren gern noch anrufen – danach sollten aber andere übernehmen.
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