full frame shot of solar panels
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Business

Solar 2.0: Wie Bandenergie, nur krasser

18.03.2026
von SMA

Das klassische, reine Grundlastdenken verliert an Bedeutung. Solarstrom entwickelt sich von einer ergänzenden Energiequelle zu einem zentralen Bestandteil der Stromversorgung. Speicher, digitale Steuerung und neue Marktmechanismen erhöhen die Planbarkeit und binden Haushalte und Unternehmen stärker in das Energiesystem ein. Noah Heynen, CEO von Helion Energy AG, erklärt im Interview, warum Flexibilität zunehmend an Bedeutung gewinnt und sich damit die Rolle zentraler Grosskraftwerke verändert.

Noah HeynenCEO

Noah Heynen
CEO

Herr Heynen, Sie gründeten Helion 2008 – damals war Solar eine Nische. Wo stehen wir heute?

Solarenergie hat den Sprung von der Ergänzung zur tragenden Säule geschafft – sie ist längst systemrelevant. Und sie ist aktuell die einzige Technologie, die in relevantem Umfang zugebaut wird. Jede Woche kommen neue Anlagen hinzu, deren Leistung jener eines grossen Kraftwerks entspricht. Entscheidend ist dabei nicht nur die Menge, sondern die Qualität: Solar ist heute mehr als Mittagsstrom. Dank Speichern, intelligenter Steuerung und neuen Tarifmodellen wird Solarenergie planbar, flexibel und verlässlich. Das ist Solar 2.0.

Was bedeutet dieser Wandel für das Energiesystem der Schweiz?

Wir verabschieden uns vom Bild weniger zentraler Grosskraftwerke. Das Energiesystem der Zukunft wird ergänzt von Hunderttausenden vernetzten, dezentralen Einheiten: Solaranlagen, Speicher, Wärmepumpen und Elektrofahrzeuge. Diese Struktur ist robuster und effizienter. Solar deckt bereits heute rund 14 Prozent des Schweizer Stromverbrauchs und nächstes Jahr sind es bereits 17 Prozent. Die Wetterabhängigkeit wird durch Speicher und Digitalisierung zunehmend ausgeglichen: Strom fliesst dann, wenn er gebraucht wird – nicht nur, wenn die Sonne scheint.

Das Energiesystem der Zukunft wird ergänzt von Hunderttausenden vernetzten, dezentralen Einheiten: Solaranlagen, Speicher, Wärmepumpen und Elektrofahrzeuge.– Noah Heynen,
CEO

Kritikerinnen und Kritiker argumentieren trotzdem, ohne neue Kernkraftwerke sei Versorgungssicherheit nicht möglich. Was entgegnen Sie?

Dieses Argument stammt aus einer alten Energiewelt. Kernkraftwerke sind für ein lineares System gebaut – mit konstanter Grundlast rund um die Uhr. In einem dynamischen, digitalen Energiemarkt wird genau diese Starrheit zum Problem. Heute hält nicht mehr Grundlast das System zusammen, sondern Flexibilität: Und Solarenergie entwickelt sich neben der Wasserkraft zur zweiten tragenden Säule der Stromversorgung. Ein System aus vielen intelligent vernetzten, dezentralen Anlagen ist widerstandsfähiger als wenige zentrale Kraftwerke. Ich sage: Solarenergie ist wie Bandenergie – nur deutlich flexibler. Flexibilität ersetzt also das Grundlastdenken.

Welche Rolle spielen dabei Digitalisierung und KI?

Eine entscheidende – Digitalisierung ist keine Option, sondern Voraussetzung! Sie macht aus erneuerbarer Energie berechenbare Energie – und aus Stromkundinnen und -kunden Marktakteure. Intelligente Energiemanagementsysteme reagieren in Echtzeit auf Preise und Netzbedarf – Strom wird lokal genutzt, wenn er günstig ist, oder gezielt vermarktet, wenn er im System gebraucht wird. Einfach nur Solarmodule zu montieren, reicht heute definitiv nicht mehr, das ist von gestern. Wer Erzeugung, Speicherung, Verbrauch und Vermarktung nicht zusammendenkt, wird im neuen Energiemarkt keine Rolle mehr spielen. Aber klar, die Voraussetzung sind Marktsignale, die bei den Endkundinnen und -kunden ankommen.

Sie sprechen oft von virtuellen Kraftwerken. Was steckt dahinter?

Ein virtuelles Kraftwerk entsteht durch eine Bündelung von Anlagen. Solaranlagen, Speicher und Ladestationen treten gemeinsam wie ein traditionelles Grosskraftwerk am Regelenergiemarkt auf – dezentral, schnell verfügbar und näher am Verbrauch als klassische Strukturen. Ein virtuelles Kraftwerk lebt dabei von Skaleneffekten: Je mehr Anlagen teilnehmen, desto grösser wird der wirtschaftliche Nutzen für alle Beteiligten.

Die Energiebranche entwickelt sich zu einem digitalen Ökosystem, in dem Erzeugung, Verbrauch und Flexibilität in Echtzeit zusammenspielen.– Noah Heynen,
CEO

Flexibilität scheint zum Schlüsselbegriff zu werden. Warum?

Weil Flexibilität heute die neue Währung am Strommarkt ist. Wer Strom speichern, verschieben oder gezielt einspeisen kann, stabilisiert das Netz und verdient daran. Das eröffnet neue Chancen – nicht nur für Energieversorger, sondern auch für Haushalte, KMU und Industrie. Sie können erstmals aktiv an Energiemärkten teilnehmen, die früher ausschliesslich Grossakteuren vorbehalten waren.

Welche Rolle spielen Speicher?

Ob im Einfamilienhaus oder im Grossmassstab: Speicher sind kein Zubehör mehr, sondern systemkritische Infrastruktur – und wirtschaftlich attraktiv. Solar ohne Speicher wird zur Ausnahme. Bereits heute wird in der Schweiz jede zweite Solaranlage im Heimbereich mit einem Batteriespeicher kombiniert. Das folgt einer klaren Logik: Speicher machen Solarstrom unabhängig vom Sonnenstand nutzbar, erhöhen den Eigenverbrauch, entlasten die Netze und verbessern die Rendite. Spätestens mit der baldigen Einführung des dynamischen Rückliefertarifs wird der Speicher zum Muss. Gleichzeitig entstehen grosse Batteriespeicher, die netzrelevante Dienstleistungen erbringen und am Systemdienstleistungsmarkt Erträge erzielen. Entscheidend ist nicht der einzelne Speicher, sondern seine Rolle im Gesamtsystem: Erst intelligent vernetzt wird aus schwankender Erzeugung verlässliche – und wirtschaftlich spannende – Energie.

Wieso sehen Sie bidirektionales Laden als Gamechanger?

Monodirektionales Smart Charging war erst ein erster Schritt: Elektroautos laden dann, wenn viel Solarstrom verfügbar ist, die Preise tief sind oder das Netz entlastet werden muss. Bidirektionales Laden geht weiter, damit wird das Elektroauto zur aktiven Energieschnittstelle: Es nimmt Strom auf und gibt ihn wieder ab – ins Haus oder ins Netz. Damit erschliesst sich ein Flexibilitätspotenzial, das klassische Hausspeicher deutlich übertrifft. Moderne Fahrzeugbatterien können ein Einfamilienhaus mehrere Tage versorgen. Intelligent vernetzt werden Millionen Elektroautos so zu einem dezentralen Grossspeicher mit Leistung im Gigawattbereich – direkt dort, wo Strom produziert und gebraucht wird. Genau das macht bidirektionales Laden zum Gamechanger: Es bringt ein neues Flexibilitätsniveau ins System und stärkt Versorgungssicherheit, Wirtschaftlichkeit und Resilienz spürbar.

Welche Entwicklungen werden die Energiebranche in den nächsten Jahren prägen?

Die Energiebranche entwickelt sich zu einem digitalen Ökosystem, in dem Erzeugung, Verbrauch und Flexibilität in Echtzeit zusammenspielen. Das verschiebt Macht im Energiesystem: weg von wenigen zentralen Akteuren, hin zu Millionen dezentraler Anlagen. Energie wird damit unabhängiger, resilienter und demokratischer. Neue Vermarktungsmodelle, regionale Tarife und bidirektionale Anwendungen machen Flexibilität breit zugänglich – und geben Haushalten und Unternehmen erstmals eine aktive Rolle im Stromsystem. Die Gewinner sind jene Unternehmen, die Technologie, Datenintelligenz und Marktmechanismen beherrschen – und damit ein resilienteres Stromsystem ermöglichen.

Was bedeutet dieser Wandel für Ihre Rolle als CEO?

Meine Aufgabe ist es, diesen Wandel aktiv zu gestalten und neugierig zu sein – nicht ihm hinterherzulaufen. Dafür braucht es eine klare strategische Richtung und den Mut, alte Denkmuster zu verlassen. Zudem dreht das Rad immer schneller, eine dynamische Organisation wird zum Muss. Denn eine Technologie ist schnell entwickelt, aber 500 Mitarbeitende und all die Prozesse darauf zu onboarden, ist eine ganz andere Sache. Genauso wichtig sind starke Partnerschaften und Mitarbeitende, die Handwerk und Technologie verbinden. Die Energiezukunft entsteht nicht im Labor, sondern in der Umsetzung. Und genau dort liegt unsere Stärke. 

Zum Schluss: Ihre Vision für das Energiesystem der Zukunft?

Ein vollständig erneuerbares, dezentrales und digital gesteuertes Energiesystem. Millionen Solaranlagen bilden das Rückgrat, ergänzt durch Elektroautos als mobile Speicher. Energie wird dort erzeugt, genutzt und vermarktet, wo sie Sinn macht. In Einklang mit Wasserkraft, so viel Wind wie möglich und für die Versicherung ein mit Wasserstoff betriebenes Gas-Notkraftwerk.

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