
August Benz
Stellvertretender CEO und Leiter International & Transformation der Schweizerischen Bankiervereinigung
Liebe Leserinnen und Leser
Vor einiger Zeit stand ich in Florenz auf der Piazza della Signoria, umgeben von Palästen, Werkstätten und den Spuren der Renaissance, der Republik und der Medici. Wenige Orte zeigen so eindrücklich, was entstehen kann, wenn Erfindergeist, handwerkliche Schaffenskraft und unternehmerische Kapitalstärke zusammenfinden. Die Florentiner waren nicht nur Bankiers, sie waren Möglichmacher. Sie finanzierten Entdecker, Baumeister und Künstler, deren Wirken Europa bis heute prägt.
Auch in der Schweiz entstand durch dieses Zusammenwirken von Werk- und Finanzplatz Fortschritt, der weit über die eigene Zeit hinausreichte: Der Gotthardtunnel, ein Jahrhundertprojekt, das unser Land mit Europa verband, wäre ohne die Kreditanstalt kaum denkbar gewesen. Kantonalbanken öffneten Handwerkern, Bauern und kleinen Betrieben den Zugang zu Finanzierungen und schufen damit die Grundlage für unseren starken Mittelstand. Und in Genf entwickelte sich das moderne Trade-Finance, das Rohstoff- und Energieunternehmen weltweit vernetzte und die Schweiz zu einem wichtigen Knotenpunkt im globalen Handel machte. Dieser Grundsatz gilt bis heute: Der Finanzplatz finanziert Innovation, verteilt Risiken und ermöglicht Wachstum über alle Branchen hinweg. Ein starker, stabiler und offener Finanzplatz ist deshalb mehr als ein Standortfaktor. Er ist ein zentraler Teil unserer Volkswirtschaft und eine der Voraussetzungen dafür, dass die Schweiz ihre Zukunft erfolgreich gestalten kann.
Wie kraftvoll diese Zusammenarbeit sein kann, zeigt das Beispiel Twint. Schweizer Banken und Technologiepartner haben gemeinsam eine Bezahllösung entwickelt, die nicht nur Millionen Menschen täglich nutzen, sondern auch lokalen Betrieben wie Hofläden oder kleinen Geschäften einen direkten Zugang zu digitalen Zahlungen ermöglicht. So fliesst Kapital schneller und effizienter zu den Unternehmen, was Wachstum, Innovation und Arbeitsplätze fördert. Twint zeigt zudem, dass aus der Schweiz heraus Produkte entstehen können, die Pioniergeist und Kollaboration erfolgreich vereinen. Kaum eine andere europäische Anwendung hat eine ähnliche Marktdurchdringung erreicht. Das ist kein Zufall, sondern Ausdruck eines Finanzplatzes, der bereit ist, in die Zukunft zu investieren.
Fortschritt entsteht nicht im Gegensatz von Werk- und Finanzplatz, sondern in ihrem Zusammenspiel.
Eine ähnliche Dynamik zeigt sich in Bereichen wie künstlicher Intelligenz, digitalen Vermögenswerten und Nachhaltigkeit. Mit KI entstehen Anwendungen, die Kreditentscheide schneller, konsistenter und datenbasierter machen könnten. Die Tokenisierung von Vermögenswerten eröffnet neue Möglichkeiten, Beteiligungen handelbar und damit breiteren Kreisen zugänglich zu machen. Auch die Notwendigkeit zu einem nachhaltigen Wirtschaften stellt viel Althergebrachtes infrage, schafft aber gleichzeitig neue Chancen. Ein Beispiel sind erneuerbare Energien: Der Umbau der Energieversorgung stärkt den Klimaschutz, erhöht den Selbstversorgungsgrad und steigert damit die Resilienz. Neue Instrumente wie Blended Finance erweitern das Spektrum an Investitionsmöglichkeiten und sorgen dafür, dass privates Kapital gezielt staatliche Ausgaben ergänzt. Der Finanzplatz wirkt somit als Hebel einer umfassenden Transformation.
Damit dies gelingt, braucht es einen Finanzplatz, der international verankert ist. Diese Vernetzung ermöglicht es Schweizer Unternehmen unter anderem, weltweit Kapital zu beschaffen, Talente anzuziehen und den Wissensaustausch zu fördern – drei entscheidende Treiber für Innovation. Gleichzeitig reduziert eine breite, auch geografische Diversifikation Risiken und stärkt die Widerstandsfähigkeit unseres Systems. Für ein kleines, exportorientiertes Land wie die Schweiz ist internationale Offenheit deshalb unverzichtbar.
Um seine Wirkung voll zu entfalten, ist ein Finanzplatz zudem auf tragfähige Rahmenbedingungen angewiesen. Die Schweiz ist hier gut aufgestellt: Rechtsstaatlichkeit, politische Stabilität und die Solidität des Frankens schaffen Vertrauen – das Fundament funktionierender Finanzbeziehungen. Doch Stabilität darf nicht mit Stillstand verwechselt werden. In einer dynamischen Welt muss Regulierung so gestaltet sein, dass sie Kundinnen und Kunden schützt, die Integrität des Marktes stärkt und gleichzeitig sicherstellt, dass Raum für Wachstum und Innovation erhalten bleibt. Kluge Regulierung ist proportional, prinzipienbasiert und international anschlussfähig. Mit solchen Rahmenbedingungen kann der Schweizer Finanzplatz seine Rolle für die Schweizer Volkswirtschaft auch künftig erfüllen.
Der Draghi-Bericht zur Wettbewerbsfähigkeit Europas bringt diese Zusammenhänge auf den Punkt. Er zeigt klar, dass leistungsfähige, international eingebettete Finanzsysteme entscheidend sind, um Innovationskraft zu stärken, strategische Abhängigkeiten zu reduzieren und die grossen Investitionen in technologiebasierte Entwicklungen und Nachhaltigkeit zu stemmen. Diese Fähigkeit gewinnt gerade in geopolitisch unsicheren Zeiten an Bedeutung. Europa, und damit auch die Schweiz, wird nur dann seinen Wohlstand langfristig sichern, wenn es gelingt, Mittel zuverlässig dorthin zu lenken, wo Fortschritt entsteht.
Für den weiteren Weg nehmen wir mit: Fortschritt entsteht nicht im Gegensatz von Werk- und Finanzplatz, sondern in ihrem Zusammenspiel. Ingenieure, Unternehmer, Investoren und Finanzspezialisten tragen gemeinsam dazu bei, die Schweiz leistungsstark und widerstandsfähig zu halten. Schon die grossen Innovationsschübe der Geschichte, ob in Florenz oder hier in der Schweiz, folgten derselben Logik: Erfolg entsteht dort, wo Mut vorhanden ist, neue Wege zu gehen; wo Vernunft hilft, Risiken zu steuern; wo Gestaltungskraft ermöglicht, Chancen zu erkennen; und wo Verantwortung dazu beiträgt, Vertrauen zu wahren. Darin liegt die Aufgabe für jede und jeden von uns, egal ob als Unternehmerin, Manager, Angestellte oder Konsument. Und sollte es uns gelingen, den Geist der Zusammenarbeit zwischen Werk- und Finanzplatz weiterzuleben, bleibt die Schweiz das, was sie bisher erfolgreich gemacht hat: ein Land, das seine Zukunft gestaltet.
Mein Dank gilt allen, die zur Kampagne «Future of Finance» beigetragen und damit auch die Debatte über die Zukunft unseres Finanzplatzes bereichert haben. Ich wünsche Ihnen eine anregende Lektüre.
Text August Benz, Stellvertretender CEO und Leiter International & Transformation der Schweizerischen Bankiervereinigung
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