Ohne Hard- und Software oder Clouddienste aus dem Ausland läuft in der deutschen Wirtschaft wenig: 90 Prozent der Unternehmen sind abhängig von Digitalimporten – insbesondere aus den USA und China. Und die große Mehrheit von ihnen wäre nur kurzzeitig überlebensfähig, sollten die Importe gestoppt werden. Die sich zuspitzende geopolitische Lage zeigt, wie brisant diese Abhängigkeit ist. Digitale Souveränität ist kein Randthema für IT-Abteilungen. Sie entscheidet über unsere wirtschaftliche Wettbewerbsfähigkeit, unsere politische Handlungsfähigkeit und letztlich über Wohlstand und Sicherheit. Nicht in ferner Zukunft, sondern jetzt.
Gerade für CEOs stellt sich damit eine Führungsfrage von grundsätzlicher Bedeutung: Was heißt verantwortungsvolle Führung in einer Zeit, in der wirtschaftlicher Erfolg immer stärker an technologische Kompetenzen, Datenzugang und eine wirkungsvolle KI-Strategie geknüpft ist? Klar ist: Es geht längst nicht mehr nur um Effizienz oder Innovationsgeschwindigkeit. Es geht um die Fähigkeit, das eigene Unternehmen auch in unsicheren Zeiten selbstbestimmt steuern zu können und technologische Handlungsfähigkeit zu sichern.
Noch hinkt Deutschland in vielen Bereichen und insbesondere bei digitalen Schlüsseltechnologien hinterher. Deshalb müssen Staat und Wirtschaft jetzt gemeinsam handeln. Der Weg zu mehr digitaler Souveränität führt dabei über drei Achsen: mehr Investitionen in eigene digitale Technologien, klare Souveränitätsanforderungen für kritische Anwendungen und strategische Kooperationen mit internationalen Tech-Unternehmen, bei denen die Kontrolle in sensiblen Bereichen in Deutschland und Europa bleibt.
Digital souverän ist ein Land dann, wenn es eigene substanzielle Fähigkeiten in digitalen Schlüsseltechnologien besitzt und selbstbestimmt darüber entscheiden kann, aus welchen Ländern es digitale Technologien bezieht. Ein digital souveränes Land ist nicht einseitig abhängig und auch nicht erpressbar. Gleichzeitig bedeutet digitale Souveränität nicht Autarkie. Es geht also nicht darum, alles selbst zu machen, es geht um Selbstbestimmung.
Was Deutschland braucht, sind eigene Fähigkeiten in Schlüsseltechnologien. Sie müssen gezielt gefördert werden, durch deutlich mehr Investitionen durch die Wirtschaft selbst, aber auch durch bessere politische Rahmenbedingungen. Dazu zählen ein regulatorischer Rahmen, der Innovation nicht ausbremst, und ein Staat, der als Ankerkunde neue Technologien voranbringt und ihre Skalierung unterstützt. So brauchen wir unter anderem ein eigenes starkes Halbleiter-Ökosystem in Europa, wir müssen Deutschland zu einem KI- und Quantum-Hotspot machen und mehr eigene Superscaler und auch mindestens einen Hyperscaler aufbauen. Auch unsere Infrastrukturen müssen leistungsfähiger werden. Bei Rechenzentren liegen Deutschland und Europa derzeit deutlich hinter den USA und auch China zurück. In den USA werden jedes Jahr zwei- bis dreimal so viele Rechenzentrumskapazitäten neu zugebaut, wie in Deutschland überhaupt installiert sind. Wenn wir technologisch Schritt halten und unsere digitale Souveränität stärken wollen, braucht es eine leistungsfähige und resiliente Infrastruktur. Das alles ist eine Herausforderung, aber sie ist zu leisten.
Die technologische Substanz ist da: Mehrere deutsche Weltmarktführer spielen bei digitalen Technologien und Services ganz vorn mit, in der IT- und Cybersicherheit sind wir gut aufgestellt. Beim Industrial Metaverse und dem digitalen Zwilling sind wir ganz weit vorne und auch in der digitalen Gesundheitsversorgung und Medizintechnik steht Deutschland weltweit mit an der Spitze. Darauf können wir aufbauen. Wichtig ist, dass die Politik die Bemühungen der Wirtschaft flankiert und das in den letzten Jahren zu eng geschnürte regulatorische Korsett lockert. Dazu gehört auch ein neues Verständnis von Standortpolitik. Wer digitale Souveränität will, darf nicht erst bei der Anwendung ansetzen, sondern muss die gesamte Wertschöpfungskette im Blick haben, von Forschung und Gründungsfinanzierung über Halbleiter, Cloud, Cybersicherheit bis hin zu hervorragend ausgebildeten Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Europa und Deutschland haben das nötige Wissen, die industrielle Basis und die Innovationskraft. Entscheidend ist jetzt, diese Stärken konsequent in ein neues Souveränitätsmodell zu übersetzen: Wo wir eigene Technologien entwickeln können, müssen wir entschlossen investieren. Wo wir bei kritischen Anwendungen auf internationale Technologien zurückgreifen, müssen diese sich an unsere Souveränitätsanforderungen anpassen. Und wo wir mit internationalen Tech-Unternehmen kooperieren, muss bei sensiblen Anwendungen Kontrolle und Steuerungsfähigkeit in Deutschland und Europa bei hiesigen Unternehmen liegen.
Auch die Menschen an der Spitze der Unternehmen müssen heute stärker technologiegetrieben, resilienter und geopolitisch wacher sein als je zuvor. Wer Unternehmen erfolgreich durch die KI-Ära führen will, braucht nicht nur Mut zur Innovation, sondern auch den Willen zur strategischen Unabhängigkeit. Digitale Souveränität ist eine Führungsaufgabe. Für Unternehmen ebenso wie für den Staat.
Wenn Deutschland jetzt entschieden handelt, kann es sich als starker Player in der digitalen Welt positionieren – und damit seine Wettbewerbsfähigkeit, seine Sicherheit und seinen Wohlstand nachhaltig sichern und steigern. Digitale Souveränität ist kein Nice-to-have, sie ist unser Pflichtprogramm. Mehr Investitionen, klare Anforderungen und klug gestaltete Kooperationen: Aus dieser Kombination entsteht ein realistischer Weg zu mehr digitaler Souveränität, für Deutschland und für seine Unternehmen. So wird aus technologischem Wandel nicht neue Abhängigkeit, sondern neue Stärke.
Text Ralf Wintergerst, Bitkom-Präsident

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