Der Begriff «Industrie 5.0» wurde 2015 ursprünglich von der Beratungsindustrie «erfunden» und 2021 von der EU-Kommission eingeführt. Gemäss dem allgemeinen Verständnis soll Industrie 5.0 die auf Produktivität und Flexibilität orientierte Industrie 4.0 menschenzentriert, nachhaltig und resilient machen.
Doch Beraterinnen, Berater und die EU-Beamtenschaft sind keine Garanten für Erfolg. So ist es auch hier, denn heute befindet sich die europäische Industrie im Abwehrkampf. China legt ein brutales Innovationstempo vor, um von uns unabhängig zu werden. Gleichzeitig drücken Chinas Überkapazitäten global die Preise. Die USA belegen erratisch unsere Exporte mit Zöllen. Und die EU-Kommission zieht mit ihrer Energiepolitik, ausufernder Bürokratie und zunehmendem Protektionismus der eigenen Industrie selbst den Stecker.
Noch haben wir in der Schweiz Standortvorteile: Wir haben Fachkräfte, fast weltweit Marktzugang, weniger Bürokratie als die EU und stabile Staatsfinanzen. Trotz schwierigem Jahr 2025 konnte die Schweizer Tech-Industrie die Exporte halten. Das ist eine enorme Leistung unserer Branche, die schweizweit 320 000 Mitarbeitende beschäftigt. Weit über 90 Prozent der Unternehmen sind KMU, die in ihren Nischen oft über 50–70 Prozent Marktanteil verfügen. Das sind Hidden Champions, die meist 99 Prozent ihrer Produkte vom Standort Schweiz in alle Welt exportieren und so 7 Prozent des BIP erarbeiten – mehr als Banken und Bauern zusammen.
Diese Firmen und generell der gesamte Werkplatz Schweiz sind zurzeit drei Schocks ausgesetzt:
Rückkehr von Krieg: Fast die Hälfte der britischen, deutschen, französischen, kanadischen und amerikanischen Bevölkerung erwartet in den nächsten fünf Jahren den Beginn des dritten Weltkriegs.
Rückkehr von Protektionismus: Durch den willkürlichen US-Zollhammer und durch «Buy Europe» drohen der Schweiz Marktverluste.
Künstliche Intelligenz: KI wird die Wirtschaft verändern und gefährdet den sozialen Kitt in unserer Gesellschaft.
Industrie 5.0 nach der Zeitenwende
Diese Schocks zeigen: Die «Industrie-5.0-Welt» von 2021 existiert nicht mehr. Nachhaltigkeit, Resilienz und Menschenzentriertheit haben heute eine andere Bedeutung:
Nachhaltigkeit ist in den Hintergrund gerückt. Auf den globalen Leitmessen der Tech-Industrie ist sie kein priorisiertes Thema. Das bildet die gesellschaftliche Entwicklung ab: Seit 2024 haben die Stimmbürgerinnen und -bürger die Grünen vielerorts abgewählt. Ihre Politik der Umerziehung von Gesellschaft und Mensch durch Verbote und Verzicht wird nicht goutiert.
Allerdings lässt sich der Klimawandel nicht negieren. Diese Wahlresultate sind deshalb eine Chance und Verantwortung für die Tech-Industrie. Mit Innovation und Industrialisierung können wir den Klimawandel bremsen und der Bevölkerung eine Alternative zur grünen Umerziehung bieten. Das bedingt, dass unsere Kunden bei Investitionen aufgrund der Lebenszyklus- statt Beschaffungskosten entscheiden. Und natürlich muss Nachhaltigkeit dank Innovation günstiger werden, wozu KI Chancen bietet. Innovation ist und wird durch sie schneller und dynamischer.
Ganz generell braucht es einen Ruck bei Firmen, Innosuisse, Kantonen und dem Schweizerischen Nationalfonds SNF: Unsere Firmen müssen ihre Innovation auf asiatisches Tempo beschleunigen. Dazu müssen sie mit externen Partnern zusammenarbeiten. Unis und Fachhochschulen müssen Bürokratie abbauen. Für Innosuisse braucht es mehr Bundesmittel, die auch an private Projektpartner fliessen können. Und die grosszügig ausgestattete Grundlagenforschung muss anwendungsorientierter werden und ihre Mittelvergabe an der Sicherung des Wohlstands unseres Landes orientieren.
Resilienz bedeutet nicht Autarkie, sondern Eigenständigkeit. Das zeigt die Tech-Industrie mit ihren unverzichtbaren Produkten. Das neue, zentrale Thema hier ist Sicherheitspolitik: Europa und die Schweiz müssen für ihre eigene Sicherheit garantieren. Das geht – auch für Neutrale – nur durch Kooperation. Das bedeutet den Aufbau einer Verteidigungsindustrie, die weit über Panzer hinausgeht und Satelliten, Kommunikation, Energieversorgung etc. umfasst. Fast jede Innovation hat militärische und zivile Anwendungen. Industrie 5.0 bringt die Wiederentdeckung der Verteidigungsindustrie als Treiber von Innovation in anderen Bereichen. Hier wird das Schweizer Stimmvolk im Herbst bei der Abstimmung zum Kriegsmaterialgesetz einen Richtungsentscheid fällen.
Resilienz bedeutet auch nicht Protektionismus: Jüngst kam es im Geiste von «Buy Europe» wiederholt zu Vorstössen, welche die Schweiz benachteiligen würden. Beim «Industrial Accelerator Act» sowie beim Finanzgesetz Italiens konnte dies vorerst abgewendet werden. Eine Definition von Europa als EU plus EFTA (inkl. Schweiz) ist notwendig. Alles andere wäre für den Standort Schweiz fatal. Und da bilden die Bilateralen III die immer wichtigere Brücke gegen den Ausschluss der Schweiz aus dem EU-Markt.
Der grösste Kulturwandel ist bei der Menschenzentriertheit nötig. Das Ziel bleibt gleich: Die Angst vor dem Ende der Arbeit soll genommen und das Primat des Menschen über die ihn unterstützende Technologie verankert werden. KI hat diese Angst potenziert. Auch in der Schweiz ist der Anstieg arbeitsloser Uniabgängerinnen und -abgänger markant. Wie früher droht aber kein Ende der Arbeit. Auch diesmal wird es neue Jobs geben und bestehende Jobs wie das Handwerk und Industriejobs werden aufgewertet. Bei unseren Tech-Firmen wurde in den letzten 20 Jahren die Produktivität pro Mitarbeiter:in bereits verdoppelt. Hier kennt man Automatisierung, Digitalisierung und neu auch KI. Wachstum ist keine Option, sondern Pflicht.
Die Geschichte zeigt: Wer als Firma, Sektor oder Land neue Technologien ablehnt, verliert Jobs und Wohlstand. Wer die Ausbildung auf neue Technologien ausrichtet und die Bevölkerung befähigt, muss weder Arbeitslosigkeit noch Deindustrialisierung fürchten. Auch deshalb investiert Swissmem Millionen Franken in die Reform und Digitalisierung unserer acht Industrieberufe wie z. B. Automatiker:in, Konstrukteur:in und Polymechaniker:in.
So verstandene Industrie 5.0 ist zudem der einzige Weg für Europa aus der Überalterungsfalle. Gemäss McKinsey müssen europäische Arbeitnehmende pro Arbeitsstunde zwei- bis viermal produktiver werden oder wöchentlich 6–14 Stunden länger arbeiten, um bis 2050 den Wohlstand schon nur zu halten. Ohne Technologien wie KI ist das unmöglich.
Wohlstand zu sichern, reicht aber nicht – wir brauchen Wachstum: Der weltweite Siegeszug der Nullsummenwelt linker und rechter Populistinnen und Populisten, wo der Gewinn von A der Verlust von B bedeutet, ist aber erklärbar. Wer die ersten 20 Lebensjahre in einem Staat mit hohem Wachstum aufwächst, glaubt an Zusammenarbeit und Leistung, wer ohne Wachstum aufwächst, setzt auf Umverteilung und Nullsummenspiel. Liberale Demokratien überleben nur mit Wachstum.
Industrie 5.0 war ursprünglich ein Politslogan. Richtig verstanden ist Industrie 5.0 eine Zukunftsstrategie. Unsere Industrie kann und muss sie nutzen, um weiter zur Lösung der globalen Herausforderungen und zur Sicherung des Wohlstands in unserem einmaligen Land beizutragen. Spucken wir in die Hände und steigern das Bruttosozialprodukt. Denn es gibt viel zu tun – packen wir es an.
Text Stefan Brupbacher, Direktor Swissmem
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