Bertrand Piccard, Psychiater, Forscher und Abenteurer, zeigt mit Projekten wie Solar Impulse und seiner Stiftung für effiziente Technologien, dass Nachhaltigkeit kein Opfer bedeutet, sondern wirtschaftlichen Gewinn bringt. In diesem Gespräch erklärte er, wie Unternehmen und Gesellschaft ökologische Verantwortung mit Effizienz und Profit in Einklang bringen können.
Dr. Bertrand Piccard, durch Projekte wie Solar Impulse sind Sie zu einem globalen Symbol für saubere Technologien geworden. Was hat Sie ursprünglich dazu inspiriert, zu beweisen, dass nachhaltige Mobilität nicht nur möglich, sondern auch rentabel ist?
Ich bin einerseits Forscher und andererseits auch Psychiater. Ich habe früh realisiert, dass technologische Innovationen faszinierend sind, aber ohne wirtschaftliche und psychologische Akzeptanz keine Wirkung entfalten. Mit der Solar Impulse Foundation wollte ich beweisen, dass saubere Technologien nicht nur machbar, sondern auch profitabel sind. Viele glauben, Ökologie bedeutet Opfer, aber wir können zeigen: Wer effizienter arbeitet, spart Energie, senkt Kosten und steigert den Gewinn. Ein Beispiel: Ein Elektroauto verbraucht etwa dreimal weniger Energie pro Kilometer als ein Fahrzeug mit Verbrennungsmotor. Effizienz ist der Schlüssel – das haben wir selbst beim Solarflug erlebt, bei dem unsere Motoren 97 Prozent Wirkungsgrad hatten, während ein Auto auf der Strasse nur rund 25 Prozent erreicht.
Als Forscher und Psychiater haben Sie oft gesagt, dass die Energiewende ebenso sehr eine psychologische wie eine technologische Herausforderung ist. Was muss sich in der Denkweise der Menschen ändern, um die Nachhaltigkeit wirklich voranzutreiben?
Wenn wir versuchen würden, die menschliche Natur zu verändern, würde das wahrscheinlich Jahrtausende dauern. Aber wir können die Wahrnehmung verändern: Wenn Menschen sehen, dass nachhaltige Lösungen profitabel, effizient und arbeitsplatzschaffend sind, werden sie diese Lösungen anwenden – selbst jene, die sich wenig für das Klima interessieren. Es geht nicht um Verzicht, sondern um den Nachweis, dass sauber auch wirtschaftlich attraktiv sein kann. Diesen Ansatz verfolgen wir bei der Solar Impulse Foundation, indem wir Lösungen aufzeigen, die der Umwelt und Industrie gleichermassen zugutekommen.
Mit der Solar Impulse Foundation haben Sie über 1600 profitable Lösungen für eine saubere Wirtschaft identifiziert. Welche davon sind für Sie echte Wegbereiter für den Energiesektor?
Jede Lösung, die Energie und Ressourcen spart oder Abfall reduziert, ist wichtig. Beispiele im Energiesektor: effiziente Wärmerückgewinnung aus Parkhäusern, U-Bahn-Tunneln oder Rechenzentren, die mit einer Wärmepumpe ganze Gebäude heizen können. Auch das Prinzip «Qualität statt Quantität» zählt: LED-Beleuchtung in Städten spart Energie, wenn sie mit Solarenergie und Speichern kombiniert wird. Auf diese Weise sparen auch elektrische Busse Energie, die man gleichzeitig in Infrastruktur oder Batterien investieren kann – ein Prinzip, das wir als «Efficiency as a Service» nennen. Wirklich wegweisend sind die Lösungen, die Wirtschaftlichkeit und Umwelt kombinieren.
Sie sprechen oft von «qualitativem Wachstum» – Effizienz statt Überfluss, Wert statt Volumen. Wie können Unternehmen dieses Prinzip bei Investitionen in Energie- und Nachhaltigkeitsinitiativen anwenden?
Unternehmen müssen verstehen, dass jeder investierte Euro in Effizienz doppelt wirkt. Ein Beispiel: Schneider Electric bietet effiziente Pumpen, Energiemanagementsysteme und Industrielösungen an. Kunden sparen Geld, während die Hersteller Profit machen. Das Prinzip gilt auch für Ressourcen und Produkte: Langlebige Geräte, hochwertige Lebensmittel oder langlebige Kleidung verursachen weniger Abfall, sparen Energie und erhöhen langfristig den Wert. Unternehmen sollten Investitionen nicht nach Kosten, sondern nach Effizienzpotenzial und langfristigem Nutzen bewerten.
Ihre nächste Mission, Climate Impulse, zielt darauf ab, in einem wasserstoffbetriebenen Flugzeug um die Welt zu fliegen. Inspirieren solche hochkarätigen Projekte hauptsächlich das Bewusstsein oder treiben sie aktiv den technologischen Wandel voran?
Beides. Erstens brauchen wir Pioniere, die der Öffentlichkeit zeigen, dass Lösungen existieren und junge Menschen inspirieren, an eine bessere Zukunft zu glauben. Zweitens wird die Industrie das Thema aufgreifen, um es weiterzuentwickeln und zu kommerzialisieren: Für einen neuntägigen Flug mit flüssigem Wasserstoff müssen wir Tanks entwickeln, die den Wasserstoff bei minus 253 Grad isolieren und effiziente Flugzeuge bauen. Das Ziel ist es, die Wasserstoffwirtschaft attraktiver zu machen. Wenn wir zeigen, dass Wasserstoffflugzeuge technisch machbar und sicher sind, wird dies zu mehr Nachfrage und Angebot führen, wodurch die Produktion von Wasserstoff billiger wird.
Wenn es um Nachhaltigkeit geht, ist Messbarkeit entscheidend. Wie können Organisationen die tatsächlichen Auswirkungen ihrer Umweltbemühungen effektiv verfolgen und nachweisen?
Es gibt Unternehmen, die viel über ihre Nachhaltigkeitsziele kommunizieren, diese aber nicht erreichen. Ich bevorzuge diejenigen, die Effizienz messbar machen: Wie viel Energie und Ressourcen werden eingespart? Wie viel Gewinn erzielen sie dank dieser Einsparungen? Wie wirken sich neue Geschäftsmodelle in der Kreislaufwirtschaft aus? Wir unterscheiden zwischen quantitativen KPIs auf Plattformen wie LinkedIn und geschäftlichen KPIs: zum Beispiel, wie viele Bewerber:innen und Kund:innen erreicht wurden. Jedes Unternehmen kann seine Massnahmen analysieren, den Nutzen quantifizieren und seine Fortschritte transparent darstellen.
Sie betonen oft, dass nachhaltige Lösungen profitabel sein müssen und keine Opfer erfordern. Wie können Unternehmen und Einzelpersonen wirtschaftlichen Erfolg und ökologische Verantwortung in der Praxis in Einklang bringen?
Wir suchen nach der Schnittstelle zwischen Profit und Ökologie. Nicht alles, was ökologisch ist, ist auch profitabel – und nicht alles, was industriell profitabel ist, ist sauber. So haben wir 1600 praktische Beispiele identifiziert. Wie Software für Fluggesellschaften, die jährlich 13 Millionen Euro an Treibstoffkosten einspart, Wärmerückgewinnung aus Rechenzentren oder LED-Beleuchtung, die mit Solarenergie betrieben wird. Die Fokussierung auf Effizienz steigert den Gewinn und schützt gleichzeitig die Umwelt.
Politische Rahmenbedingungen können den Übergang zu sauberer Energie entscheidend beeinflussen. Was ist Ihrer Meinung nach der grösste regulatorische oder systemische Engpass, der derzeit behoben werden muss?
Verschwendung muss verboten werden – von Energie, Wasser und Lebensmitteln bis hin zu ineffizienten Transportmitteln. Derzeit existieren effiziente Lösungen, aber sie werden oft nicht genutzt, weil regulatorische Anreize fehlen. Die Politik muss klare Signale setzen: Investitionen in Effizienz müssen attraktiv und die Nutzung von Ressourcen muss effizient sein. Nur so können wir eine moderne und wettbewerbsfähige Infrastruktur aufbauen.
Die Politik muss klare Signale setzen: Investitionen in Effizienz müssen attraktiv und die Nutzung von Ressourcen muss effizient sein. – Bertrand Piccard
Energieeffizienz wird zunehmend als langfristige Investition und nicht als Kostenfaktor dargestellt. Wie kann dieses Prinzip Ihrer Meinung nach Europa bei der Bewältigung der Klimakrise helfen und wie können Unternehmen dazu ermutigt werden, jetzt in Effizienzinitiativen zu investieren?
Erneuerbare Energien und Effizienz senken die Energiekosten der Bürger:innen, machen die Unternehmen wettbewerbsfähiger und Europa unabhängiger vom Import fossiler Brennstoffe aus dem Ausland.
Wenn Effizienz als Investition betrachtet wird, wird jedes Unternehmen, jede Stadt und jeder Haushalt zu einem Akteur der Energiewende. Effizienz spart nicht nur Energie, sondern schafft auch Arbeitsplätze und wirtschaftlichen Wert. Investitionsmodelle wie «Efficiency as a Service» ermöglichen es Städten oder Unternehmen, nur einen Teil der Einsparungen zurückzuzahlen, während Investoren die Systeme finanzieren. Dies senkt die Einstiegshürde und macht saubere Lösungen attraktiv.
Auf der COP30 ist Energieeffizienz ein zentrales Thema für die Arbeit der Stiftung. Welche konkreten Massnahmen oder Strategien würden Sie gerne umgesetzt sehen, um Energieeffizienz zu einer Mainstream-Strategie in allen Branchen zu machen?
Anstatt von Dekarbonisierung zu sprechen, was alle Länder erschreckt, die glauben, dass dies teuer und mit Opfern für ihre Wirtschaft verbunden ist, sollten wir alle Lösungen auf den Tisch legen und erläutern, wie sie allen helfen können, ihre Infrastruktur und ihre Industrie zu modernisieren. Dies wird zu einem viel positiveren Konsens führen.
Stellen Sie sich schliesslich vor, es ist das Jahr 2035 und Sie blicken zurück. Was hoffen Sie, hat sich in der Art und Weise verändert, wie die Welt Energie produziert und nutzt – und wie sieht Erfolg für Sie persönlich aus?
Ich hoffe, dass wir Energie vollständig aus erneuerbaren Quellen gewinnen: Sonne, Wind, Wasser, Biomasse und Geothermie. Effizienz wird so weit getrieben, dass keine Energie und Ressourcen verschwendet werden. Mit intelligenten Netzen und Speichern verteilen wir Energie optimal, integrieren intermittierende Quellen und speichern Überschüsse in Batterien und Wasserstoff. Erfolg bedeutet für mich: saubere, profitable Energie und eine Gesellschaft, die Effizienz als Standard versteht. Die Technologien existieren – wir brauchen nur den politischen Willen.

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