Interview von Katja Deutsch

Leon Vockensperger – Beim Sport wie beim Gründen gilt: Aufstehen und weitermachen

Der Freestyle-Snowboarder erzählt im Interview, was ihm der Wintersport fürs Leben gelehrt hat.

Snowboard-Star Leon Vockensperger stand mit zwei Jahren zum ersten Mal auf dem Brett – und war sofort geflasht. Heute zählt er zur Weltelite des Freestyle-Snowboardens und begeistert mit Style, Mut und Technik. Doch Leon ist weit mehr als ein Spitzensportler: Gründer, Model, Speaker und kreativer Kopf mit einer Mission. Neben seiner aktiven Karriere engagiert er sich in Projekten, die Kindern den Zugang zum Snowboarden ermöglichen – um der nächsten Generation etwas zurückzugeben. Aktuell bereitet er sich intensiv auf die Olympischen Spiele 2026 vor.

Leon, du bist seit fast zehn Jahren auf internationalem Niveau im Snowboard-Freestyle unterwegs. Was treibt dich nach wie vor jeden Tag an?

Ich liebe einfach den Prozess, zu merken, dass man besser wird und dazulernt. Beim Snowboarden spürst du diesen Fortschritt total direkt: Als ich 13 Jahre alt war, habe ich an einem Tag fünf neue Tricks gelernt, heute sind es vielleicht zwei – pro Saison. Das Level ist viel höher. Aber genau das motiviert mich.

Snowboarden hat mich schon immer gepackt, wahrscheinlich weil ich von Anfang an den Traum hatte, Pro zu werden. Ich wollte mit meiner Leidenschaft Geld verdienen, etwas machen, für das ich wirklich brenne. Und dass das jetzt mein Job ist, ist schon was ganz Besonderes.

Du sagst oft, Snowboarden bedeutet für dich Freiheit. Inwiefern?

Snowboarden ist für mich wie eine Ausdrucksform, fast wie Tanzen, Mode oder Kunst. Man kann Dinge zeigen, die sich nicht in Worte fassen lassen. Viele junge Menschen versuchen heute, sich ihrem Umfeld anzupassen. Dabei geht aber leider oft ein Stück der Einzigartigkeit verloren, die uns alle ausmacht. Und genau das erlaubt mir Snowboarden: mich auf meine ganz eigene Art auszudrücken.

Dein Sieg 2022 in Bakuriani war historisch: der erste deutsche Weltcupsieg eines Mannes im Slopestyle. Wie hast du diesen Moment erlebt? Und was hat sich danach für dich verändert?

Am Anfang steht immer dieses lange Hinarbeiten, das Build-up. Und wenn der Moment dann endlich kommt, ist das schon ein absoluter Höhenflug. Du stehst plötzlich ganz oben auf der Weltrangliste! Aber auch nach diesem riesigen Höhenflug kam schnell wieder die Frage: Okay, und jetzt? What’s next?

Leon Vockensperger

Ich habe gemerkt: Gewinnen ist schön und gut, aber es kann nicht alles sein. Irgendwann wollte ich mehr, nicht nur für mich selbst Erfolge feiern, sondern auch was zurückgeben. Über die Jahre habe ich mir eine Stimme aufgebaut und jetzt kann ich die nutzen, um wirklich einen Impact zu haben. Ich will Dinge ein Stück besser hinterlassen, als ich sie vorgefunden habe.

Nach den Verletzungen bei Olympia 2022 hast du dich zurückgekämpft. Was hat dir mental dabei geholfen?

In den schlimmsten Phasen hat mir am meisten geholfen, mir zu sagen: Nur noch einen Tag. Einfach heute durchziehen. Wenn man anfängt, in Monaten oder Jahren zu denken, wirkt alles aussichtslos. Aber einen Tag schafft man immer irgendwie.

Ich hatte manchmal nicht einmal diese zehn Sekunden tiefen Glücks direkt nach dem Aufwachen, weil ich eben von Schmerzen aufgewacht bin. Da hilft nur Zähne zusammenbeißen und weitermachen. Immer wieder. Irgendwann ist man plötzlich wieder über der Wolke und nicht mehr in ihr. Doch die Erinnerung daran und die Narben und Schmerzen haben mich demütig und dankbar gemacht.

Jetzt bist du dabei, dich auf die Olympischen Spiele 2026 vorzubereiten. Wie fühlst du dich dabei? Verschiebt sich langsam die Grenze von Freiheit in Richtung Stress und Leistungsdruck?

Oh, das ist eine gute Frage. Druck ist für mich etwas Positives, denn Druck kommt immer in wichtigen Situationen. Und genau darauf freue ich mich: richtig unter Strom zu stehen und dann die Chance zu haben, alles zu geben. Dieser Rausch, wenn alles funktioniert, ist einfach mega! Schon jetzt in der Vorbereitung gebe ich jeden Tag alles. Ich freue mich wahnsinnig auf die Olympischen Spiele in Italien!

Auf TikTok folgen dir über 260 000 Menschen. Wann hast du gemerkt, dass du nicht nur Sportler bist, sondern auch zu einer Marke geworden?

Den Moment, in dem ich merkte, dass ich eine Stimme habe, erlebe ich immer dann, wenn kleine Gesten etwas bewirken. Schon eine Sekunde Aufmerksamkeit kann bei anderen etwas auslösen. Wenn ich mit Kids im Lift sitze und ihre Begeisterung sehe, zeigt mir das jedes Mal: Man bewirkt oft mehr, als man denkt. Ich sehe mich manchmal kleiner, als ich bin. Das hält mich bodenständig, motiviert mich aber auch, weiterzumachen. Für mich geht es nicht um eine »Brand«, sondern darum, meine Stimme positiv einzusetzen und echten Impact zu hinterlassen.

Wonach suchst du dir die Kooperation aus? Du hast Red Bull, Burton, Powster, Samsung, Dope, PrepMyMeal, Biogena Sports, Nissan …

Früher als Kiddo bin ich echt mit meinem iPad über die Ispo in München gelaufen und habe bei jedem Stand gefragt: »Hey, do you want to sponsor me?« Ich hoffte auf ein bisschen Support, weil Snowboarden einfach zu teuer war. 2018 kam dann mein erster Profivertrag bei Burton! Danach Red Bull! Besser geht es nicht. Ich will in jedem Fall hinter den Produkten stehen. Deshalb passt auch PrepMyMeal perfekt, weil ich viel unterwegs bin und abends schnell etwas zum Essen brauche. Ich arbeite auch gern mit neueren Brands wie Dope oder Powster zusammen, wie bei meiner selbst entwickelten Signature-Goggle. Ich möchte Partnerschaften auf Augenhöhe und will mitgestalten, nicht nur ein Logo tragen.

Gemeinsam mit Patrick hast du Rent&Send gegründet, eine Plattform, über die man Sportequipment mieten und teilen kann. Wie kam es zu dieser Idee? Und was ist euer Ziel?

Da mir der Sport in schwierigen Phasen meiner Jugend enorm geholfen hat, engagiere ich mich heute bei Camps im Nachwuchsbereich, die den Zugang zum Snowboarden erleichtern. Als Coach vor Ort will ich zeigen, wie viel Freude und Selbstvertrauen im Sport steckt.

Beim Snowboarden lernst du, auf etwas hinzuarbeiten, ohne Garantie auf Erfolg. – Leon Vockensperger

Daraus entstand Rent&Send – eine Plattform, die Sportequipment für alle zugänglich macht.

Wer mietet, findet Top-Equipment bis zu 90 Prozent günstiger. Wer vermietet, baut sich ein zusätzliches Einkommen auf. Und Partner wie Shops oder Hotels profitieren von höherer Auslastung. Eine Community, in der alle gewinnen – Menschen, Marken und die Umwelt.

Wo gibt es für dich denn Parallelen zwischen Freestyle auf dem Board und dem Gründen eines Business?

Viele erfolgreiche Menschen, mit denen ich darüber gesprochen habe, unter anderem Flo Gschwandtner, Founder & Ex CEO Runtastic, sagen: Sport sei ein riesiges Geschenk. Er würde immer lieber jemanden einstellen, der Sport macht, weil die Parallelen zur Businesswelt einfach so stark sind.

Beim Snowboarden lernst du, auf etwas hinzuarbeiten, ohne Garantie auf Erfolg. Es gibt niemanden, der dir sagt, wies geht, du musst deinen eigenen Weg finden. Und oft sieht es richtig mies aus, aber du machst trotzdem weiter. Genau dieses Durchhaltevermögen brauchst du auch, wenn du ein Start-up aufbaust. Die Zahlen sprechen meistens gegen dich, so wie bei mir am Anfang meiner Karriere. Ich war älter und schlechter als die anderen, mein Coach meinte sogar: »Dein Zug ist abgefahren.« Aber ich habe mir gedacht: Nee, das stimmt nicht. Also weitergemacht, Tag für Tag, Kopf runter und trainiert.

Und genau das ist Resilienz. Rückschläge nicht als Scheitern sehen, sondern als Chance zu lernen. Jedes Mal, wenn du beim Snowboarden hinfällst, weißt du danach, wies nicht funktioniert, und beim nächsten Mal klappt es besser. Genauso ists in einem Start-up. Du fällst, du stehst wieder auf, du lernst. Und wenn du das lange genug durchziehst, wirst du irgendwann belohnt.

Das ist auch das, was ich den Kids mitgeben will: Hinfallen gehört dazu. Wichtig ist, wieder aufzustehen und weiterzumachen. Wenn sie dieses Gefühl »Boah, ich habs jetzt wirklich geschafft!« auch nur einmal erlebt haben, dann verändert das was. Das stärkt sie fürs Leben, egal ob im Sport, im Beruf oder privat.


Bilder Johannes Ritter

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17.12.2025
von Katja Deutsch
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