Nicole Berchtold ist eines der bekanntesten Gesichter der Schweizer TV-Welt. Nach 15 Jahren G&G hat sie ihre Schulmütze wieder aufgesetzt und ihr Masterstudium in Psychologie absolviert. Im Interview erzählt sie, wie sie den Spagat zwischen Vorlesungsraum und SRF-Studio gemeistert hat und wie sie dabei Grenzen setzt.
Frau Berchtold, die Adventszeit steht an. Wie erleben Sie das? Bleibt bei Ihrem hohen Beschäftigungsgrad noch Zeit, sie zu geniessen?
Das ist immer ein Balanceakt. In dieser besinnlichen Zeit möchte man eigentlich herunterfahren und ein bisschen entspannen. Gleichzeitig ist das Jahresende immer sehr hektisch, gerade im TV-Bereich und in der Psychologie. Es ist immer ein Hin und Her, aber schlussendlich ist es im Grunde klassische Selbstregulation – man muss seine Ressourcen aktiv steuern, um nicht in den Dauerstressmodus zu rutschen.
Man kennt Sie aus dem Fernsehen nur mit einem breiten Lächeln. Kann es im Adventsstress aber auch sein, dass Sie mal stinkig werden, wenn sich jemand beim Einkaufen in der Schlange vordrängelt?
Nein, über solche Sachen rege ich mich nicht mehr auf. Besonders im Dezember muss man sich die eigene Energie gut einteilen. Da lohnt es sich nicht, Kraft für solche Dinge verpuffen zu lassen.
Ein Grund, warum Sie vor rund drei Jahren G&G abgegeben hatten, war, dass Sie Ihr Masterstudium in Psychologie abschliessen wollten. Wie haben Sie die Zeit zwischen Studium und TV erlebt?
Das war eine sehr spannende Zeit! Ich habe teilweise tagsüber Prüfungen geschrieben und am gleichen Abend eine Livesendung moderiert. Dieser Rollenspagat war schon verrückt, es hat aber auch meine Transferkompetenz gestärkt. Ich konnte zentrale Tools aus der Psychologie wie analytisches Denken, Empathie und Gesprächsführung in den Fernsehkontext transferieren.
Sie können also das Gelernte direkt anwenden?
Es ist nicht so, dass ich jetzt mit einem Röntgenblick im Interview sitze (lacht). Aber ich denke, dass ich mein Bewusstsein mit mehr Verständnis und Empathie geschärft habe. Ich habe auch ein besseres Gespür dafür, was zwischen den Zeilen steht. Was ich persönlich gelernt habe, ist, Nein sagen zu können und sich abzugrenzen. Das klingt simpel, ist aber eine zentrale Komponente psychischer Resilienz: Manchmal muss man einfach sagen, wenn etwas nicht geht. Ein Nein zu jemand anderem ist ein Ja zu mir. Die Selbstfürsorge geht oft vergessen, weil man versucht, allen Erwartungen gerecht zu werden.
Dauernde Erreichbarkeit hält unser Gehirn im Dopaminmodus und das ist auf Dauer schlicht erschöpfend. Digitale Pausen würden generell helfen, das aktuell hohe Burn-out-Risiko zu senken. – Nicole Berchtold
In Ihren psychologischen Studien haben Sie den Fokus auf Stressresilienz und Gesundheit gesetzt. Gibt es einen Trend, der Ihnen besonders aufgefallen ist?
Ja, das Arbeitsleben verändert sich stark. Flexibilität und Agilität sind heute Schlüsselbegriffe, aber sie haben ihren Preis. Viele Menschen sehnen sich wieder nach Struktur und Verlässlichkeit. In der sogenannten «New Work»-Welt geht manchmal das Gefühl verloren, einen festen Platz zu haben. Psychologisch betrachtet ist das spannend: Wir brauchen sowohl Autonomie als auch Sicherheit. Wenn eines dieser Grundbedürfnisse verletzt wird, steigt das Stresslevel. Deshalb sind Rückzugsorte, Ruhezonen oder Homeoffice-Tage so wichtig – sie schaffen Balance.
Sind da gewisse Arbeitssektoren stärker betroffen als andere?
Ja, besonders in Berufen mit hoher Verantwortung, aber wenig Entscheidungsspielraum – etwa in Pflege oder Bildung – entsteht schnell sogenannter «Job-Strain». Umgekehrt leiden kreative Branchen eher unter Unsicherheit. Entscheidend ist die Balance zwischen Freiheit und Stabilität. Und natürlich ist es auch eine Generationenfrage: Jüngere suchen Sinn und Selbstbestimmung, Ältere eher Verlässlichkeit. Beide Bedürfnisse sind legitim – sie zeigen nur unterschiedliche Wege zum Wohlbefinden. Zudem finde ich, dass die Gen Z mit der ständigen Reizüberflutung durch das Smartphone eine weitere Herausforderung zu meistern hat. Es braucht dringend mehr Bewusstsein für die digitale Hygiene. Damit meine ich bewusste Offline-Zeiten; diese sind heute fast genauso wichtig wie Ernährung und Schlaf. Ich sage meinen Klientinnen und Klienten oft: Schalten Sie Ihr «Belohnungssystem» mal ab. Dauernde Erreichbarkeit hält unser Gehirn im Dopaminmodus und das ist auf Dauer schlicht erschöpfend. Digitale Pausen würden generell helfen, das aktuell hohe Burn-out-Risiko zu senken.
In manchen Ländern gibt es schon Regelungen oder Gesetze, dass Arbeitgebende ihre Mitarbeitenden ausserhalb der Bürozeiten nicht mehr kontaktieren dürfen. Bräuchten wir das in der Schweiz auch?
Wenn jeder und jede seine eigene Verantwortung ernst nimmt, dann braucht es das eigentlich nicht. Aber viele schaffen es eben nicht allein. Insofern können solche Regelungen hilfreich sein, weil sie einen Rahmen schaffen. Die Anzahl der Menschen, die wegen psychischer Belastung bei der Arbeit ausfallen, ist enorm. Das müssen wir ernst nehmen.
Gibt es einen spezifischen Bereich, in dem Sie persönlich weiterforschen möchten?
Den digitalen Medienkonsum finde ich sehr interessant; mich interessiert, was er mit uns macht – kognitiv, emotional, sozial. Ich sehe das auch durch die Linse meiner Kinder, die 11 und 13 sind. Wie beeinflussen Algorithmen ihr Denken, ihr Selbstbild, ihre Aufmerksamkeit? In der sogenannten Cyberpsychologie entstehen gerade viele spannende Studien dazu. Ich glaube, wir werden künftig klare Regeln und noch viel mehr Aufklärung brauchen.
Haben Sie zu Hause für die zwei Buben schon Regeln festgelegt?
Wir verhandeln sie immer wieder neu, wie auf dem Märt. Die Kinder entwickeln sich, deshalb muss sich auch der Rahmen verändern. Mir ist wichtig, dass sie verstehen, was hinter den Apps steckt – die Mechanismen des Belohnungssystems und die Tricks der Plattformen. Nur so können sie langfristig selbstbestimmt damit umgehen. Komplettes Verbieten halte ich für falsch. Aufklärung und Mitreden sind der bessere Weg.
Wie sieht denn ein klassischer Wochentag im Hause Berchtold-Leuenberger aus?
Klassische Wochentage gibt es bei uns eigentlich gar nicht, weil jede Woche anders ist. Manchmal arbeite ich mehr, manchmal arbeitet mein Mann mehr. Wir bleiben immer sehr flexibel. Es kann auch vorkommen, dass ein Montag für uns zum Familientag wird oder dass wir einen Halbtag freinehmen, um zu viert etwas zu unternehmen. Sei das ein gemütlicher Abend zu Hause oder ein langer Spaziergang mit dem Hund. Und wenn es mal Engpässe gibt, dann bin ich immer froh drum, wenn meine Mutter einspringen kann.
Sie haben in 15 Jahren G&G viele Geschichten erlebt. Gibt es eine, die besonders heraussticht?
Gegen Ende meiner G&G-Zeit konnte ich vor Ort beim 70-jährigen Thronjubiläum der Queen dabei sein. Ich stand ganz nah bei Prinz William und Prinzessin Kate, Gesichter, die ich sonst nur aus dem Fernsehen kannte. Da dachte ich mir: «Wow, die sitzen jetzt einfach drei Meter von mir entfernt!» Was mich auch immer sehr berührt hat, sind die Hommagen, die wir gemacht haben, wie zum Beispiel für Clown Dimitri. So eine Persönlichkeit noch mal aufleben lassen zu können, ist eine Ehre. Solche Momente zeigen die emotionale Spannbreite als Moderatorin – von tieftraurig bis euphorisch.
Welches Rezept, das Sie bei «Landfrauenküche» entdeckt haben, steht immer noch regelmässig bei Ihnen auf dem Esstisch?
Ich habe gelernt, wie man richtig Spätzli macht. Das ist zwar einfach, aber ich konnte da wirklich einiges von den Landfrauen mitnehmen. Und ich habe mir auch den einen oder anderen Saucentrick abgeschaut, aber so zu kochen wie die Landfrauen ist dann nochmals eine ganz andere Herausforderung. Ich bewundere ihre Hingabe und Ausdauer.
Sie gelten als starke Karrierefrau und eine der beliebtesten Moderatorinnen der Schweiz. Viele junge Medienschaffende sehen Sie als Vorbild. Von welchem Fehler, den Sie begangen haben, würden Sie Newcomer:innen heute bewahren wollen?
Es ist wichtig, dass man keine Angst vor Fehlern hat. Das macht authentisch und diese Authentizität ist zentral für eine Karriere vor der Kamera. Das Publikum spürt, wenn sich jemand verstellt. Ich finde es viel sympathischer, wenn nicht alles perfekt ist. Und wer seine Arbeit liebt, bleibt auch in schwierigen Phasen resilient. Ich hatte bis zum letzten Frame bei G&G Spass – und genau das ist, was zählt.
Weitere Informationen unter nicoleberchtold.ch
Bilder © Ellin Anderegg

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