KI verändert nicht nur Geräte, sondern ganze Arbeitsweisen, doch der entscheidende Faktor bleibt der Mensch. Sind Kliniken bereit für den Wandel?

Jens Rennert
COO
Herr Rennert, wo beginnt aus Ihrer Sicht der größte Hebel für Verbesserungen im Krankenhaus der Zukunft?
Ganz klar im OP. Dort entstehen die höchsten Kosten, dort herrscht der größte Zeitdruck und dort lassen sich digitale und KI-gestützte Lösungen vergleichsweise gut implementieren. Besonders in Planung, Automatisierung und Dokumentation liegen enorme Potenziale.
Wie könnte ein digital unterstützter OP in naher Zukunft aussehen?
Die OP-Planung weiß, wer welchen Eingriff durchführt, und der Saal stellt sich automatisch darauf ein: Tischhöhe, Geräteparameter, Monitore. Das reduziert Komplexität und entlastet das Personal. Parallel übernimmt das System große Teile der Dokumentation: Es erkennt OP-Phasen, zeichnet kritische Schritte auf und generiert automatisch Berichtsbausteine.
Kann KI auch Risiken frühzeitig erkennen?
Ja. Aus großen Datenmengen lassen sich, nach gutem Training mit guten, repräsentativen Daten, Prognosen ableiten: Dauer eines Eingriffs, besondere anatomische Situationen oder Hinweise auf mögliche Komplikationen. Die Entscheidung bleibt immer beim Operateur, aber gut platzierte Warnsignale können wertvolle Unterstützung leisten.
Ein gut organisierter OP senkt Stress und verbessert die Sicherheit.
Welche Vorteile bringt KI für Patientensicherheit und Teamarbeit?
Ein gut organisierter OP senkt Stress beim Personal und verbessert die Sicherheit. KI hilft etwa bei der Bereitstellung von Instrumenten oder beim Erkennen typischer Muster im OP-Verlauf. Bild- und Videoanalyse ermöglicht Qualitätskontrolle, Schulung und liefert im Zweifel auch objektive Belege im Gutachterverfahren.
Wie gewährleisten Sie Datenschutz und Cybersecurity?
Unsere Systeme stehen in der IT-Infrastruktur der Klinik und sind nicht direkt mit dem Internet verbunden. Für das Training nutzen wir ausschließlich anonymisierte oder stark reduzierte Informationen. Temporäre Daten für Entscheidungsunterstützung werden nicht dauerhaft gespeichert. Die regulatorischen Anforderungen sind komplex, aber mit klaren Vorgaben gut handhabbar.
Interoperabilität gilt als große Hürde. Was braucht es hier?
Viele Geräte sprechen unterschiedliche »Sprachen«, manche Betriebssysteme und Schnittstellen der Bestandsgeräte in Krankenhäusern sind veraltet. Einheitliche Standards wie SDC IEEE 1073 müssen konsequent umgesetzt und perspektivisch in Ausschreibungen verpflichtend gemacht werden. Erst dann können Geräte zuverlässig Daten austauschen und neue datenbasierte Geschäftsmodelle entstehen. Das wird jedoch Zeit brauchen.
Wäre ein nationaler Gesundheitsdatenpool für Deutschland sinnvoll?
Medizinisch wäre das sehr wertvoll, andere Länder zeigen das. Aber die Akzeptanz ist hierzulande geringer. Für chirurgische KI ist ein solcher Pool derzeit nicht entscheidend, für die Pharmaforschung dagegen sehr wohl.
Wird die Digitalisierung zu einem größeren Ungleichgewicht zwischen großen und kleinen Kliniken führen?
Das Risiko besteht. Abfedern lässt es sich durch modulare, skalierbare Lösungen sowie service-orientierte Miet- oder Leasingmodelle. So können auch kleinere Häuser moderne OP-Infrastruktur nutzen, ohne hohe Investitionen tätigen zu müssen. Gebrauchte Geräte und existierende Netzwerkinfrastruktur können zudem weiterverwendet werden, was Kosten senkt und Nachhaltigkeit fördert.
Wie gewinnt man Mitarbeitende in Gesundheitseinrichtungen für den digitalen Wandel?
Indem man sie früh einbindet und echte Arbeitserleichterung schafft. Sobald Technik den Alltag verkompliziert, wird sie nicht genutzt. Darum setzen wir auf klare Automatisierung und einfache Abläufe: Eine OP startet idealerweise automatisch, sobald der Patient erfasst ist. Entlastung und intuitive Technik sind die beste Motivation.
Weitere Informationen unter riwolink.com

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