Sami Ben Mahmoud
Gesundheit Interview Sport

Kampfsport fürs Gemeinschaftsgefühl

30.04.2020
von Fatima Di Pane

Mit elf Jahren betrat Sami Ben Mahmoud zum ersten Mal eine Kampfsportschule. Heute ist er der erfolgreichste Wushu-Athlet der Schweiz und vermittelt sein Wissen weiter, selbst in Zeiten des Lockdowns.

Sami Ben Mahmoud, wie hat sich Ihr Alltag durch den Lockdown verändert?

Er ist einerseits lockerer, aber auch gestresster. Von heute auf morgen nicht mehr unterrichten zu können, ist speziell. Man fragt sich, wie lange die Situation andauert und wie lange man sie tragen kann. Andererseits ist es schön, dass ich so viel Zeit mit meiner Familie verbringen kann.

Wie halten Sie Ihren kleinen Sohn während des Lockdowns bei Laune?

Mein Sohn freut sich sehr darüber, dass ich zu Hause bin. Wir spielen viel und verbringen Zeit draussen. Er macht auch oft bei den Online-Trainings mit. Es ist lustig zu sehen, was er alles schon aufnimmt. Er lässt einen die Zeit schnell vergessen.

Sami Ben Mahmoud
Sami Ben Mahmoud

Sie bieten momentan gratis Online-Boxstunden an. Was hat Sie dazu inspiriert?

Vor dem Lockdown habe ich Witze darüber gemacht, dass ich wohl bald online unterrichten müsse. Ich bin eigentlich nicht der Typ dafür, aber als der Lockdown dann eintrat, wurde schnell klar, dass wir etwas machen müssen.

Wir leben von Gruppenkursen, und ohne Trainings gibt es keine Einnahmen. Wir sind auf die Solidarität der Mitglieder angewiesen, dass sie ihre Abos weiterlaufen lassen. Dies führte dazu, dass wir uns entschieden haben, die Trainings gratis und offen für alle zu machen. So können wir den Leuten, die gezwungen sind, zu Hause zu bleiben, etwas zurückgeben.

Inwiefern unterscheidet sich die Online-Boxstunde vom Face-to Face-Unterricht, aus Trainersicht?

Für mich ist es ganz anders. Die Kamera erlaubt nicht dasselbe Gespür für die Menschen. Man motiviert die Leute über eine Linse, das ist manchmal schon komisch. Aber ich bekomme gute Rückmeldungen und wir haben Spass.

Schlussendlich geht es auch nicht darum, den nächsten Weltmeister zu finden, sondern um das Gemeinschaftsgefühl. Alle Teilnehmer müssen ihre Kamera einschalten, so können wir alle uns einander sehen und zusammen boxen. Somit entsteht das Gefühl, dass wir in der Gruppe etwas unternommen haben, obwohl wir alle allein zu Hause sind.

Können Sie von dieser Erfahrung als Trainer etwas mitnehmen?

Absolut. Anfangs habe ich nicht gedacht, dass es über eine Kamera möglich ist, die Leute derart zu motivieren. Aber die Teilnehmer sind begeistert, ich bekomme positive Rückmeldungen, auch von Menschen, die zuvor nie etwas mit Kampfsport am Hut hatten. Ich finde es schön, dass ich Menschen Freude machen kann.

Anfangs habe ich nicht gedacht, dass es über eine Kamera möglich ist, die Leute derart zu motivieren.

Mit elf Jahren haben Sie mit Kampfsport begonnen. Was hat Sie zum Kampfsport geführt?

Ich habe zu viel ferngesehen (lacht). Die Kampffilme mit Jackie Chan und Bruce Lee haben mich fasziniert. Ich habe gedacht, ich könne auch bald so herumfliegen, wie in den Filmen (lacht). Schliesslich bin ich in die Kampfsportschule gegangen, ohne viel über den Sport zu wissen. Ich habe dann schnell gemerkt, dass in den Filmen nur getrickst wird. Ich habe erkannt, dass der Kampfsport ein harter Weg ist. Es dauert lange, bis man sich etwas angeeignet hat. Mit 17 Jahren habe ich dann begonnen, an Wettkämpfen anzutreten und das mache ich bis heute.

Was mögen Sie an der chinesischen Kampfkunst besonders?

Sie ist sehr facettenreich. Sie beinhaltet Selbstverteidigung, das chinesische Kickboxen Sanda, Kung Fu, Formen mit Waffen und das sanftere Tai Chi. Man hat nie ausgelernt.

Man verändert sich und findet laufend andere Aspekte interessant. Wenn man älter ist, landet man vielleicht beim Tai Chi, was für die Gelenke schonender ist. Schlussendlich ist es aber immer noch die gleiche Sportart. Auch ist Kampfkunst, wie das Wort sagt, eine Kunst. Jeder drückt sich etwas anders aus. Danach bin ich süchtig.

Es ist ein guter Ausgleich für Menschen, die nicht bloss den Körper trainieren wollen, sondern auch den Geist und das Hirn.

Sami Ben Mahmoud und sein Sohn
Bild: Matthias Jurt /  Luzerner Zeitung

Was haben Sie vom Kampfsport fürs Leben gelernt?

Der Kampfsport hat mich um 180 Grad gedreht. Grundsätzlich vermittelt Kampfsport Werte, die dich als Kind fürs Leben prägen: Disziplin, Ehrgeiz, den Willen, Neues zu lernen und zu planen. Bei Wettkämpfen muss man sich beispielsweise strukturieren, ehrlich zu sich sein und einen Plan ausarbeiten. Viele machen das automatisch, wenn es um die Karriere geht, aber im Sport gibt es viele Illusionen. Der Kampfsport hat einen klaren Weg und das hat mich für die Zukunft geprägt.

Welchen Menschen würden Sie Kampfsport ans Herz legen?

Ich finde, Kampfsport ist grundsätzlich für jeden geeignet. Es ist ein guter Ausgleich für Menschen, die nicht bloss den Körper trainieren wollen, sondern auch den Geist und das Hirn. Im Gym Gewichte zu stemmen ist eine ausschliesslich körperliche Leistung. Im Kampfsport geht es aber auch um Technik und Meditation. Daher ist es für jeden geeignet, der einen körperlichen und mentalen Ausgleich zum Alltag sucht. 

Fälschlicherweise wird Kampfsport oftmals mit Gewalt in Verbindung gebracht. Schläge, blaue Augen und Prügeltypen; das ist das typische Bild. So ist es aber nicht. Vor allem Kinder können viel lernen. Ich unterrichte Kinder ab vier Jahren, eine lustige Truppe. Dort geht es nicht darum, dass sie lernen zu kämpfen oder sich zu verteidigen. Ich hoffe, dass ein Vierjähriger nie in eine Schlägerei gerät (lacht). Es geht um Disziplin, Respekt und Körperbeherrschung. Die eigenen Grenzen zu kennen und sie zu überwinden.

Fälschlicherweise wird Kampfsport oftmals mit Gewalt in Verbindung gebracht.

Sie hatten mehrere Trainingsaufenthalte in China. Welche Eindrücke haben Sie mitnehmen können?

Das erste Mal war ich 2005 für einen Monat in China. Es hat mich umgehauen. Es war wie eine andere Welt, ein anderes Universum. Man kann China nicht mit westlichen Ländern vergleichen. Auch sportlich hat es mir die Augen geöffnet und mir gezeigt, was alles nötig ist, um im chinesischen Kampfsport ein hohes Niveau zu erreichen. Kampfkunst ist in China Nationalsport. Die Athleten fangen jung an und werden vom Staat bezahlt, damit sie die Sportart ausüben können. Das ist ihr Job. So haben sie natürlich eine andere Ausgangslage als in der Schweiz, wo man sich im Kampfsport als Einzelner durchkämpft. Seit 2005 war ich fast jährlich zu Trainingsaufenthalten in China. Über die Jahre habe ich viele Freundschaften schliessen können, was mich sehr freut.

Ich möchte weitergeben, was ich gelernt habe, damit die nächste Generation schneller an den Punkt kommt, an dem ich jetzt bin.

Was sind ihre persönlichen Ziele im Kampfsport?

Einerseits möchte ich den Nachwuchs motivieren. Ich möchte weitergeben, was ich gelernt habe, damit die nächste Generation schneller an den Punkt kommt, an dem ich jetzt bin. Auch will ich weiterhin unterrichten und die Sportart bekannter machen und unter die Leute bringen. Ich möchte die Menschen davon begeistern, jung und alt.

Worauf freuen Sie sich am meisten, wenn der Lockdown vorbei ist?

Ich freue mich darauf, alle wieder zu sehen. Ich unterrichte Gruppen und vermisse das direkte Unterrichten. Es ist etwas anderes, jemandem über die Kamera Anweisungen zu geben. Leute sehen, sie umarmen und wieder Trainingsluft schnuppern; darauf freue ich mich.

Weitere Informationen

Wer Lust aufs Mitmachen bekommen hat, findet unter wu-academy.ch und unter frauen-boxen.ch weitere Infos. Gab es jemals eine bessere Zeit, eine neue Sportart auszuprobieren?

Unter swisswushu.ch/vc sind Wushu-Angebote aus der ganzen Schweiz zu finden.

Interview Fatima Di Pane, Bilder zvg

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