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50+ Jugend Gesundheit

In herausfordernden Zeiten eine gesunde Psyche fördern

30.04.2020
von Flavia Ulrich

Eine Situation wie die Coronakrise ist uns total unbekannt. Dies stellt für viele Menschen eine Herausforderung dar – vor allem die psychische Gesundheit wird dabei auf die Probe gestellt. Welche Schwierigkeiten in dieser momentanen Lage für unsere Psyche auftreten und wie man mit diesen umgehen kann.

Mit anspruchsvollen und veränderten Situationen gehen alle Menschen individuell um. Denn Unbekanntes bedeutet meist Verunsicherung und somit auch Überforderung. Einige haben eine gute Anpassungsfähigkeit, gewöhnen sich schnell um und können deshalb ungehindert ihr alltägliches Leben durchführen. Anderen fällt dies nicht so leicht – das Stichwort hier ist die Resilienz.

Doch was versteht man darunter? Die Resilienz ist die seelische Widerstandskraft und somit, laut dem Entwicklungspsychologen Michael Rutter, das Vermögen, einer Person oder eines sozialen Systems, sich trotz schwieriger Lebensbedingungen auf sozial akzeptiertem Wege gut zu entwickeln. Sie ist jedoch individuell und somit von Mensch zu Mensch verschieden.

Regeln festlegen und strukturiert weiterleben

Mit einer stark ausgeprägten Resilienz ausgestattete Menschen können in dieser Situation sogar positive Aspekte wahrnehmen. Denn die dazu gewonnene Zeit gestattet es, sich mehr mit sich selbst zu beschäftigen, die Ruhe zu geniessen oder sich neue Fähigkeiten anzueignen. Menschen mit schwächerer Resilienz fühlen sich durch die abhanden gekommene Tagesstruktur abgeschottet und verloren. Eine solche ist im Leben von uns Menschen nämlich absolut notwendig. Sie gibt uns das Gefühl von Sicherheit und den Halt, auf den man sich abstützen kann. Durch den Wegfall der Arbeit ausser Haus oder anderen Verpflichtungen, für die man sich nach draussen begeben muss, fällt diese grösstenteils weg.

Mit einer stark ausgeprägten Resilienz ausgestattete Menschen können in dieser Situation sogar positive Aspekte wahrnehmen.

Dennoch sollte man sich aneignen, solche Strukturen beizubehalten und gegebenenfalls selbst zu erstellen und in den Alltag zu implementieren. Nur schon das tägliche Aufstehen um 7 Uhr, sich frisch zu machen und den morgendlichen Kaffee zu sich nehmen, können den benötigten Halt wiederherstellen. Csilla Kenessey Landös ist Fachpsychologin für Psychotherapie und Kinder- und Jugendpsychologie. Ihrer Meinung nach sind wir in dieser Situation stark gefordert: «Es benötigt jetzt eine hohe kognitive Flexibilität, um keine Überforderung zu erleben. Neurologisch gesehen kann eine solche Situation das evolutionäre Notfallprogramm starten. Dann kann sich der Betroffene nicht mehr situationsadäquat verhalten, sondern fällt in alte Muster zurück, die nicht lösungsorientiert sind. Dies erhöht den Leidensdruck erneut.»

Eigenes Verhalten beobachten

Die Frage lautet nun: Wie merkt man überhaupt, ob die eigene psychische Gesundheit unter der momentanen Situation leidet? Es gibt hier einige Anhaltspunkte, die darauf schliessen lassen, dass diese Coronakrise an der eigenen Psyche nagt. Csilla Kenessey Landös erzählt: «Ein Anzeichen kann das Gedankenkreisen sein. Man fühlt sich dabei in seinen eigenen Gedanken gefangen und findet keinen Ausweg. Das kann auch auf das persönliche Schlafverhalten Auswirkungen haben: In der Folge lassen sich oft Ein- oder Durchschlafstörungen beobachten.» Weiterhin zeige sich ein gewisse «Dünnhäutigkeit»: Man wird in Stressmomenten schneller laut oder ist allgemein verletzlicher und emotionaler. Bemerkungen oder kleine Spässe verträgt man weniger oder gar nicht mehr. Ein drittes Zeichen für psychischen Stress ist ein verändertes Ess- und Konsumverhalten. Wenn man häufiger zu einem Glas Alkohol, einer Zigarette oder anderen Schadstoffen greift, könnte dies auf eine Belastung der Psyche hinweisen.

Allgemein kann gesagt werden, dass veränderte Verhaltensweisen gut beobachtet werden sollten. Denn diese zeigen auf den ersten Blick wie es einem geht. Bemerkt man ungesunde oder auffällige Veränderungen, sollte man auf das eigene Wohlbefinden achten und herausfinden, ob man sich besonders angespannt fühlt. Spürt man die Belastung, dann sollte zuerst im Freundes- und Bekanntenkreis Unterstützung gesucht werden. Manchmal nützt schon der Austausch mit den Liebsten, um die Stressgefühle abzubauen.

Tagebuch führen

Mit uns nahestehenden Menschen kann man jetzt in Erinnerung schwelgen und sich auf die Zeit nach der Coronakrise freuen. Schöne Fotos aus den Ferien oder das Abtauchen an unseren «Happy Place» lenkt ab und aktiviert positive Gefühle. Die Fachpsychologin hat diesbezüglich einen guten Rat: «Wichtig ist beim Erinnern, nicht in die Vergangenheit zu gehen und zu denken – damals war alles besser – denn das hinterlässt ein Gefühl der Ohnmacht, Wut und Trauer, was nicht hilfreich ist.»

Gefühle, Gedanken und Ideen sollte man sich täglich aufschreiben. So kann man nicht nur negative Emotionen abladen, sondern auch Anregungen für die Zeit danach sammeln oder positive Empfindungen zum Ausdruck bringen. Wichtig ist dies auch, um keine überstürzten Entscheidungen zu treffen, sondern die Situation abzuwarten und allfällige Änderungswünsche für sein Leben zuerst einmal auf eine solche Liste zu packen.

Mit nahestehenden Menschen kann man jetzt in Erinnerung schwelgen und sich auf die Zeit nach der Coronakrise freuen.

Schritt für Schritt

Die gewonnene Zeit kann auch dafür genutzt werden, sich eine neue Fähigkeit anzueignen oder sich nützlich zu machen und beispielsweise für andere Menschen einzukaufen. Dies hilft auch unserer Psyche. «Aus der Glücksforschung ist bekannt, dass anderen Menschen zu helfen und Dankbarkeit zu fühlen zwei Faktoren sind, die das individuelle Glückserleben erhöhen», erklärt Csilla Kenessey Landös.

Abschliessend sollte gesagt werden, dass wir in eine Leistungsgesellschaft hineingeboren wurden. Aktuell können wir jedoch nicht jene Leistungen erbringen, die wir uns gewohnt sind oder man üblicherweise von uns erwartet. Deshalb gilt das Motto: Erwartungen herunterschrauben und einen Schritt nach dem anderen nehmen.

Text Flavia Ulrich 

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