Interview von Sybille Bruetsch-Prevot

Jürg Grossen: «Die Schweiz hat es verpasst, geeignete Rahmen­bedingungen für die Elektromobilität zu schaffen»

Der Energieexperte und Politiker spricht im Interview über die umweltfreundliche Elektromobilität und das «Recht auf Laden».

Elektromobilität ist für Jürg Grossen, Präsident von Swiss eMobility, der Schlüssel zu einer klimafreundlichen Mobilität. Im Interview erklärt der Nationalrat, warum Elektroautos laut Studien bereits heute die sauberste Form des motorisierten Individualverkehrs sind, weshalb die Schweiz beim Ausbau der Ladeinfrastruktur hinterherhinkt – und warum dieses «Recht auf Laden» entscheidend sein könnte, damit sich mehr Menschen für ein E-Auto entscheiden.

Herr Grossen, den grössten Teil des CO2-Ausstosses verursachen Autos. Ist E-Mobility die ultimative Lösung?

Die Elektromobilität ist die einzige Form der individuellen Mobilität, die CO2-neutral mit erneuerbarer Energie möglich ist. Eine Ausnahme bildet höchstens das Velo, das mit eigener Muskelkraft bewegt wird. Die Schweiz hat durch Solar-, Wasser- und Windenergie bereits einen sehr sauberen Strommix, der in Zukunft sogar noch sauberer wird. Studien der Empa und des Paul-Scherrer-Instituts belegen übrigens, dass E-Mobility die mit Abstand sauberste Mobilitätsform ist, wenn alle Emissionen eingerechnet werden. Es ist schlicht nicht möglich, mit einem Verbrennungsmotor nur annähernd so umweltfreundlich unterwegs zu sein.

Welche Rolle spielt hier die Abhängigkeit vom Ausland respektive die Quellen, woher der Strom stammt?

Wir sind heute mit Öl, Gas und Uran zu rund zwei Dritteln abhängig vom Ausland. Diese Stoffe stammen hauptsächlich aus Ländern, in denen fragwürdige politische Zustände herrschen. Wenn man also vermehrt mit E-Autos fährt und mit Wärmepumpen heizt, wird diese Abhängigkeit stark reduziert. Strom können wir in der Schweiz weitgehend selbst produzieren. Natürlich sind wir ins europäische Stromnetz eingebunden, das aus verschiedenen Stromquellen versorgt wird. Auch der europäische Strom ist bereits sehr sauber – und wird Jahr für Jahr sauberer. In den Stunden, in denen die Schweiz Strom aus Europa importiert, ist der Preis fast immer tief. Und genau in diesen Tiefpreisstunden wird der Strom mehrheitlich aus Wind- und Solarenergie gewonnen. Das Stromabkommen mit der EU ist deshalb für die Schweiz sehr wichtig, es macht das Stromsystem noch sicherer und günstiger.

Jürg Grossen

Was ist mit dem Nuklearstrom?

Der gehört in den kommenden Jahren noch dazu, solange die Atomkraftwerke sicher betrieben werden können und noch zur Versorgung dienen. Dieser Strom ist CO2-mässig sauber, hat aber Risiken und Nachteile bei den Abfällen. Die vom Volk angenommene Energiestrategie sieht jedoch vor, dass die Atomkraft bis spätestens 2050 von Solar-, Wind- und Wasserenergie abgelöst wird. Und da sind wir ordentlich unterwegs. Im Jahr 2025 wurden in der Schweiz bereits 14 Prozent des Stromverbrauchs mit Solaranlagen gedeckt. Noch vor vier Jahren waren wir bei rund 4 Prozent.

Wo steht die Schweiz beim Thema Elektromobilität im europäischen Vergleich?

Hier muss man leider sagen, dass die Schweiz von anderen Ländern überholt wurde – wir sind von einer Top-fünf-Platzierung auf den 13. Rang abgerutscht.

Warum?

Die Schweiz hat es verpasst, geeignete Rahmenbedingungen für die Elektromobilität zu schaffen. Dazu gehört vor allem eine gut ausgebaute Ladeinfrastruktur. Schweizerinnen und Schweizer müssen an ihrem Wohnort das Auto laden können. Das ist die Grundvoraussetzung, dass sie sich überhaupt für ein elektrisches Auto entscheiden. In der Schweiz leben viele Menschen zur Miete oder im Stockwerkeigentum. Und als solche sind sie alle darauf angewiesen, dass sie eine Ladeinfrastruktur am Parkplatz zur Verfügung haben.

Das «Recht auf Laden» soll also schweizweit gelten?

Genau. Mit der Motion «Recht auf Laden» soll gesetzlich verankert werden, dass alle Schweizerinnen und Schweizer zu Hause Zugang zu einer Ladestation haben. Vermieterinnen und Vermieter sollen also ihren Mietenden die Ladeinfrastruktur zur Verfügung stellen müssen – die Kosten können sie wie bei anderen Investitionen auch in die Miete einrechnen.  

Sie rechnen damit, dass dadurch die Neuanschaffungen bei Elektro-Autos steigen?

Ja. Das ist nicht einfach eine Annahme, sondern das sagen alle Autoimporteure sowie der TCS und Auto Schweiz. Die fehlende Ladeinfrastruktur ist ein wichtiger Grund, weshalb noch immer mehr Autos mit Benzinmotor als Elektroautos gekauft werden. Hier brauchts nun endlich eine klare Ansage von Bundesrat Rösti. Im Sinne von: Wir wollen den Verkehr dekarbonisieren und endlich weg von den fossilen Abhängigkeiten.

Für mich ist ganz klar, dass batterieelektrische Mobilität Zukunft hat.– Jürg Grossen,
Unternehmer, Energieexperte und Politiker

Der Bundesrat erwägt ja eine E-Auto-Abgabe …

Genau, als Ersatz für die Mineralölsteuer. Bundesrat Rösti muss diese Pläne zurücknehmen oder zumindest in die weitere Zukunft verschieben. Eine weitere Hürde können wir bei der E-Mobilität nicht gebrauchen – im Gegenteil.

Swiss eMobility möchte auch dynamische Strompreise bis zu den Endverbraucherinnen und -verbrauchern.

Ja. Heute ist es so, dass Privathaushalte und KMU bis zu einem Verbrauch von 100 000 Kilowattstunden Strom den Stromlieferanten nicht selbst auswählen können und demzufolge einen fixen Strompreis haben. Sie profitieren also nicht von günstigem Solarstrom über den Tag. Dabei wäre das genau die Zeit, wo es sich lohnen würde, das Auto zu laden. Dazu sind übrigens auch Ladestationen am Arbeitsplatz oder im P+R-Parkhaus wichtig. Das Laden ist dann zu Zeiten mit hohen Preisen oder an einer Schnellladestation entsprechend teurer. Das wäre ein wichtiges Preissignal für Endverbraucherinnen und -verbraucher. In der Schweiz gibt es bisher weniger als zehn fortschrittliche Stromlieferanten, die dynamische Strompreise bis zu den Endkundinnen und -kunden haben – von über 600 notabene.

Braucht es strengere CO2-Vorgaben oder mehr marktwirtschaftliche Anreize?

Bei den CO2-Vorgaben sind wir im Gleichschritt mit Europa, das ist gut. Zu überlegen wäre, ob man Treibstoffe mit zusätzlichen Lenkungsabgaben belegen könnte, analog Heizöl. Im Rahmen des neuen CO2-Gesetzes, das ab 2030 gilt, könnten solche eingeführt werden, um den Umstellungsprozess auf E-Mobility zu beschleunigen.

Viele Automobilistinnen und Automobilisten möchten gerade bei Auslandreisen unabhängig von vorgegebenen Ladestationen sein und entscheiden sich deshalb für einen Benziner oder Hybrid. Was ist Ihr Gegenargument?

Diese Bedenken entsprechen nicht mehr der Realität. Auch mit dem Benziner legt man ja auf weiten Strecken mal eine Pause ein, muss tanken, geht essen … Ich bin schon durch ganz Europa gefahren mit dem Elektroauto: Inzwischen gibt es so viele Lademöglichkeiten in jedem Land, dass es zum Schluss überhaupt keine Zeiteinbusse mit sich bringt, wenn man das Auto laden muss. Man verbindet es einfach mit einer willkommenen Pause. Das ist wirklich überhaupt kein Hindernis mehr.

Wird Elektromobilität sozial gerecht umgesetzt oder droht eine Zwei-Klassen-Mobilität?

Das ist nicht der Fall. Gerade auf dem Occasionsmarkt gibt es sehr günstige E-Fahrzeuge. Bei der Anschaffung sind neue E-Autos zwar noch etwas teurer, aber wenn man bedenkt, dass in der Schweiz über 70 Prozent der Fahrzeuge geleast werden, fällt dieser Fakt kaum ins Gewicht. Wenn von einer Zwei-Klassen-Gesellschaft in Bezug auf E-Mobility gesprochen werden kann, dann nur in Bezug auf die fehlende Ladeinfrastruktur zu Hause.

Sehen Sie die Zukunft eher batterieelektrisch oder auch mit Wasserstoff im Individualverkehr?

Für mich ist ganz klar, dass batterieelektrische Mobilität Zukunft hat. Zum Wasserstoff: Noch bis vor ungefähr drei Jahren meinte man, bei Lastwagen brauche es unbedingt Wasserstoff. Inzwischen wissen wir, dass auch bei den Lkw alles batterieelektrisch wird – bereits mehr als 20 Prozent aller Lkw-Neuzulassungen in der Schweiz werden so betrieben. Ich durfte selbst schon mit einem elektrischen 40-Tönner mitfahren: Es ist fantastisch!

Zur Person

Jürg Grossen, 56, ist Unternehmer, Energieexperte und Politiker. Der Elektroplaner aus Frutigen im Kanton Bern sitzt seit 2011 für die Grünliberale Partei Schweiz im Nationalrat und präsidiert die Partei seit 2017. Neben seiner politischen Tätigkeit ist er Mitinhaber und Co-Geschäftsführer mehrerer Unternehmen im Bereich Elektroplanung, Gebäudetechnik und Energieinnovation.

Grossen engagiert sich seit vielen Jahren für eine nachhaltige Energie- und Mobilitätspolitik in der Schweiz. Er ist Präsident des Branchenverbands Swiss eMobility und setzt sich dort für den Ausbau der Elektromobilität sowie für bessere Rahmenbedingungen für Ladeinfrastruktur und erneuerbare Energien ein. Zudem steht er seit 2021 auch dem Solarenergie-Branchenverband Swissolar vor. 

Als Unternehmer und Politiker verbindet Grossen wirtschaftliche Perspektiven mit klimapolitischen Zielen. Seine Schwerpunkte liegen in der Förderung erneuerbarer Energien, der Elektrifizierung von Verkehr und Wärme sowie in einer effizienten und unabhängigen Energieversorgung der Schweiz.

Swiss eMobility

Swiss eMobility ist der nationale Branchenverband für Elektromobilität in der Schweiz. Der Verband setzt sich für die rasche Verbreitung elektrischer Antriebe im Verkehr und für die Entwicklung der dafür notwendigen politischen, wirtschaftlichen und infrastrukturellen Rahmenbedingungen ein. Der Verband vereint Unternehmen, Energieversorger, Mobilitätsanbieter, Forschungseinrichtungen sowie weitere Organisationen entlang der gesamten Wertschöpfungskette der Elektromobilität.

Swiss eMobility engagiert sich insbesondere für den Ausbau der Ladeinfrastruktur, innovationsfreundliche regulatorische Rahmenbedingungen sowie für den Wissenstransfer rund um nachhaltige Mobilität. Der Verband versteht sich als Plattform für Austausch, Vernetzung und Information zwischen Wirtschaft, Politik und Gesellschaft. Durch Studien, Veranstaltungen und politische Arbeit trägt Swiss eMobility dazu bei, die Elektromobilität als wichtigen Baustein für eine klimafreundliche und effiziente Mobilität in der Schweiz voranzubringen.

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11.04.2026
von Sybille Bruetsch-Prevot
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