Menschen fühlen sich heutzutage überreizt und sehnen sich nach Stille und Momenten, die es erlauben, innerlich zur Ruhe zu kommen. Das Kunstprojekt «Breathe with Pilatus» auf dem Luzerner Berg schafft dafür einen warmen, einladenden Rückzugsraum. Experience-Designerin Annabelle Schneider erzählt im Gespräch, wie das Projekt auf dem Pilatus entstanden ist und wie Besucher:innen das Erlebnis ganz wahrnehmen.
Annabelle, wie ist die Grundidee zum Pilatus-Kunstprojekt entstanden? Gab es einen bestimmten Moment oder Auslöser, der den kreativen Prozess in Gang gesetzt hat?
Alles begann im Januar 2024 mit einer Anfrage des Schweizer Konsulats in New York für die Design Week. Es ging darum, Schweizer Design in den USA zu repräsentieren. Mein Ansatz war jedoch, dass wir in einer Zeit leben, in der man nicht mehr einfach nur Produkte ausstellen und anschauen sollte. Wir werden in unserem Alltag von Informationen bombardiert und sind oft völlig überstimuliert. Das führt dazu, dass wir kaum noch Zeit haben, Dinge zu verarbeiten, was wiederum viele Mental-Health-Probleme auslösen kann.
Ich wollte daher einen Raum oder ein Erlebnis schaffen, in dem man zu sich selbst und zurück zur Natur finden kann. Die atmende Stoffwolke ist wie ein «Sanctuary» der Sinne, wo wir die Kraft, Ruhe und Zyklen der Natur bewusster erleben können, ohne explizit draussen zu sein.
Welche Aspekte der Schweiz spielten in diesem Konzept für New York eine besondere Rolle?
Die Schweiz ist für mich ein Inbegriff der Entschleunigung und Klarheit, besonders oben auf einem Berg zwischen Himmel und Erde. In New York gibt es diese Art von Natur und Stille nicht. Deshalb habe ich das Projekt als eine Art textile Wolke aus der Schweiz vorgeschlagen. Sie sollte organisch sein und «schnuufe». Es ist ein reduzierter, weicher, organisch geformter Raum – ein Safe-Space, der «decluttered» ist, also befreit von jeglichem visuellen Ballast.
Wie kam es zur Zusammenarbeit mit dem Pilatus?
Nach dem internationalen Erfolg, unter anderem in Barcelona und Usbekistan, wurde das Projekt auch während der Art Basel in einem Club gezeigt. Daraufhin kam das Team des Pilatus auf mich zu. Sie suchten nach einem speziellen Angebot für Gäste im Winter oder bei schlechtem Wetter. Zudem kenne ich die CEO Sandra Bütler seit fast 20 Jahren – das machte den Austausch umso angenehmer und einfacher. Wir haben in unserer bisherigen Zusammenarbeit immer ein Augenmerk darauf gelegt, Erlebnisse und Geschichten für Menschen an spezifischen Orten zu kreieren. Das ist auch bei «Breathe with Pilatus» ein zentraler Baustein.
Hat der Pilatus für dich persönlich eine spezielle Bedeutung?
Ich habe in Luzern studiert und jahrelang auf diesen Berg geschaut. Er ist ein echter Kraftort mit einer reichen Mythologie wie den Drachensagen. Früher glaubte man sogar, dass Steine aus Drachenblut Heilkräfte besässen. Das Wetter dort oben ist sehr intensiv und wechselhaft, was eine tolle energetische Verbindung zu meiner Arbeit schafft. Der Pilatus ist ein Ort, an den man sich bewusst entscheidet, hinzugehen, um näher an den Zyklen und Kräften der Natur zu sein, um sich zu erden oder um neue Visionen zu erschaffen. Genau das, was die welt in der atmenden Wolke uns auch mitgeben soll.
Können Sie das zentrale Konzept der Installation beschreiben? Was sollen Besucher:innen auf den ersten Blick wahrnehmen – und was vielleicht erst auf den zweiten?
Von aussen sieht man erst mal eine atmende, organische Form, die in den gebauten Raum gepresst ist. Sobald man hineingeht, ändert sich die Perspektive komplett. Es ist ein multisensorisches Erlebnis. Wir arbeiten mit einem speziellen Soundscape von LAF (ehemals Basscharity), einem Trio aus Luzern. Der Sound vermischt unter anderem Elemente wie Alphorn und Jodel auf eine sehr atmosphärische Weise. Man hört auch Geräusche von Blättern oder jemandem, der durch den Schnee stampft. Dazu gibt es visuelle Projektionen, die die Farben und Übergänge der Jahreszeiten zeigen, von Winter zu Frühling, Sommer und Herbst.
Und welche Rolle spielt der Duft bei dieser Erfahrung?
Der Duft ist essenziell für das Wohlbefinden und Wohlfühlen. Wir haben etwa sechs verschiedene Düfte getestet, auch gemeinsam mit meinen Student:innen an der HSLU. Die Wahl fiel auf eine Mischung, die nach Moos, nassem Stein, Wasser und Holz riecht. In unserer extrem visuellen und digitalen Welt hilft dieser Geruch dabei, die Umgebung wirklich körperlich wahrzunehmen und vom äusseren Chaos in eine innere Ruhe zu finden.
Gab es bei der technischen Umsetzung am Berg spezifische Herausforderungen?
Ja, das Projekt am Pilatus ist besonders komplex. Es ist das erste Mal, dass die Installation ortsspezifisch über zwei Ebenen gebaut wurde, die durch eine Treppe verbunden sind. Zudem gibt es zwei spezielle Ein- und Ausgänge. Diese wurden vom Fabrikanten so entwickelt, dass sie ohne klassische Schleusen funktionieren und die Luft dennoch im Inneren bleibt. Man muss sich beim Eintreten bücken, fast wie in einem Tunnel, bevor sich im Inneren die weite Stoffwolke entfaltet. Das gesamte Gebilde wird allein durch zwei externe Ventilatoren in Form gehalten.
Gibt es in der Wolke ein Handyverbot?
Anfangs habe ich über ein Verbot nachgedacht, aber gemerkt, dass es gar nicht nötig ist. Es ist ein natürliches Verhalten: Die Leute machen vielleicht zu Beginn ein Foto, aber der Boden im Raum ist extrem weich, organisch und einladend gestaltet. Man will seine Nische finden. Zudem geht man auch nur mit Socken hinein. Sobald sich die Leute hinlegen, legen sie das Handy ganz natürlich weg und lassen den Raum auf sich wirken.
Gab es Reaktionen von Besucher:innen, die dich besonders berührt haben?
Sehr viele. In Usbekistan kamen zwei Männer nach zwei Stunden mit Tränen in den Augen heraus und umarmten mich, weil die Erfahrung so kraftvoll war. Viele sagen, sie fühlen sich wie ein Kind, das sich früher Höhlen oder Festungen unter der Bettdecke gebaut hat. Andere vergleichen es mit dem Gefühl von Sicherheit im Mutterleib. Es geht zurück zu unserer Essenz, wo man einfach nur sein darf, ohne Anforderungen.
Du bezeichnest dich als Designerin und Innenarchitektin. Wie ordnest du dieses Werk zwischen Kunst und Design ein?
Das ist oft schwierig zu erklären. In der Kunstwelt heisst es oft: «Du machst Design.» Und in der Designwelt sagen sie: «Du machst Kunst.» Ich bewege mich genau dazwischen. Eine Journalistin, mit der ich kürzlich gesprochen habe, hat es gut getroffen: Wir leben in einer Zeit der verschwommenen Linien. Es geht um soziale und kulturelle Veränderungen. Wir leben digital hypervernetzt, sind aber offline oft völlig voneinander getrennt. Ich möchte Räume schaffen, die Menschen wieder zusammenbringen und eine physische Verbindung ermöglichen. Multisensorisches Design kann dabei ein nachhaltiges Erlebnis schaffen.
Wenn du die Hauptbotschaft von «Breathe with Pilatus» in einem Satz zusammenfassen müsstest, wie würde dieser lauten?
Es ist ein Raum im Raum, um zusammenzukommen, zu entschleunigen, präsent zu sein und Natur in und um uns neu zu erfahren und zu fühlen, und das an einem sehr besonderen, kraftvollen Ort – dem Pilatus.
Weitere Informationen unter pilatus.ch/breathe-with-pilatus



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