Kompetenzen statt Titel: Lukas Scherer, Professor für Organisation und Führung am IOL Institut für Organisation und Leadership der OST, spricht über die essenziellen Fähigkeiten, die CEOs heute mitbringen müssen.

Lukas Scherer
Professor für Organisation und Führung am IOL Institut für Organisation und Leadership der OST
Herr Scherer, die allgemein bekannte Hauptaufgabe von CEOs besteht darin, Unternehmen zu führen. Doch was umfasst das genau? Und welche unternehmerischen Fähigkeiten zeichnen erfolgreiche CEOs aus?
CEOs sollten Gestalter:innen und keine Verwalter:innen sein. Die Aufgabe heutiger Führungspersönlichkeiten ist weit mehr als die reine operative Steuerung von Unternehmen. Im Kern geht es um drei fundamentale Säulen: Richtung geben, Komplexität integrieren und unbedingte Verantwortung übernehmen. Eine oder ein CEO definiert die strategischen Prioritäten, plant die Ressourcen und gestaltet die Organisation – und trägt auf diese Weise letztlich die Verantwortung für technologische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Entscheidungen. Gerade in Zeiten von KI, massivem Nachhaltigkeitsdruck sowie geopolitischer Unsicherheit ist diese Rolle anspruchsvoller denn je. Die Forschung zeigt deutlich, dass erfolgreiche CEOs nicht nur fachlich kompetent sein müssen, sondern über ein fein balanciertes Kompetenzportfolio verfügen sollten. Dazu gehören zwingend die Fähigkeit zum strategischen und systemischen Denken, Entscheidungsfähigkeit unter Unsicherheit – insbesondere in der heutigen BANI-Welt (Brittle, Anxious, Non-linear, Incomprehensible) – sowie emotionale Intelligenz. Ferner sind Kommunikations- und Narrativkompetenz, Transformationskompetenz sowie digitale und KI-bezogene Urteilskraft essenziell.
Hat sich dieses Must-have-Skillset in den vergangenen Jahren verändert?
Allerdings – und zwar signifikant. Noch vor 15 Jahren dominierten Themen wie Effizienzdenken, Controlling der Finanzkennzahlen und operative Exzellenz das Anforderungsprofil. Heute stehen zusätzliche Aspekte im Zentrum. Ein wesentlicher ist das Handling von Komplexität: CEOs führen keine isolierten Unternehmen mehr, sondern agieren in vernetzten Ökosystemen. Lieferketten, Plattformmärkte und regulatorische Dynamiken erfordern ein tiefes systemisches Denken. Im digitalen Zeitalter dürfen technologische und KI-Kompetenzen nicht fehlen: CEOs müssen zwar nicht selbst programmieren können, aber sie müssen in der Lage sein, algorithmische Risiken der KI zu beurteilen, die damit verbundene Datenethik zu definieren sowie Governance-Fragen zu beantworten. Der «Future of Jobs Report 2025» des WEF nennt nicht umsonst analytisches Denken und technologische Kompetenz als zentrale Zukunftsskills. Darüber hinaus ist kulturelle und psychologische Führung wesentlich: Hybride Arbeitsmodelle sowie die Ansprüche der Generation Z verlangen Transparenz, Dialogfähigkeit sowie Sinnorientierung. Die aktuelle Forschung zu «Leadership Identity Development» verdeutlicht, dass moderne Führung untrennbar mit Identitätsarbeit und Selbstreflexion verbunden ist. Die Rolle der oder des CEO ist heute breiter, integrativer und stärker wertebasiert als je zuvor.
Was versteht man unter skill- bzw. kompetenzbasierter Führung?
Kompetenzbasierte Führung markiert gewissermassen ein Umdenken: Führung wird nicht mehr über die Hierarchie legitimiert, sondern über nachweisbare Fähigkeiten. Statt der reinen Positionsmacht zählt das beobachtbare Verhalten. Kompetenzmodelle definieren hierfür klare Verhaltensindikatoren – etwa die Entscheidungsqualität unter Druck oder die Konfliktfähigkeit innerhalb des Top-Teams. Moderne Leadership-Programme arbeiten daher konsequent mit Simulationen, Transferprojekten, 360-Grad-Feedback und evidenzbasierten Assessments. Oder anders ausgedrückt: Kompetenzbasierte Führung fragt nicht: «Hat jemand einen Titel?», sondern: «Kann diese Person unter realen Bedingungen wirksam führen?» Das ist in dynamischen Märkten der entscheidende Faktor. Unsere CAS «New Leadership in Team- und Selbstmanagement» und CAS «KMU-Verwaltungsrat: Digitale Chancen erkennen» adressieren diese Kernthemen mit einem schweizweit einzigartigen Fokus.
Apropos Aus- und Weiterbildung: Was wird am IOL Institut Organisation und Leadership der OST gelehrt – und welche Kompetenzen erhalten Absolvent:innen?
Das IOL bewegt sich präzise im Spannungsfeld von Organisationsgestaltung, Führung und Transformation. Im Zentrum stehen Kompetenzen wie systemisches Organisationsdesign, strategische Umsetzungskompetenz und Change-Architektur, aber auch Selbstführung, Teamführung sowie Kommunikations- und Konfliktkompetenz. Wir legen grossen Wert auf evidenzbasierte Performance. Unsere Executive Education folgt dabei klaren didaktischen Prinzipien und setzt u. a. auf praxisnahe Fallstudien und Projektarbeiten im eigenen Unternehmen, Peer-Learning und intensive Reflexionsmodule sowie ein konsequentes Transferdesign. Dadurch erwerben unsere Absolvent:innen nicht nur theoretisches Wissen, sondern eignen sich ein praxisbezogen strukturiertes Kompetenzportfolio zur Gestaltung komplexer Organisationen an.
Welche künftigen Entwicklungen werden CEOs fordern – und wie reagiert Entrepreneurial Education darauf?
Die kommenden Jahre werden CEOs in fünf Feldern besonders fordern, namentlich: KI-Integration, Umgang mit Klimarisiken, geopolitische Unsicherheit, der Generationenwandel samt Talentknappheit sowie die Bewältigung von Vertrauenskrisen in einer polarisierten Gesellschaft. Die Entrepreneurial Education reagiert auf diese zukunftsweisenden Entwicklungen, indem sie immersive Lernformate fördert (Krisen-Labs und reale Transformationsprojekte ersetzen die klassische Frontalmethode), auf «Microcredentials» setzt (Kompetenzen werden modular zertifiziert, wodurch kontinuierliche Lernpfade entstehen) und Interdisziplinarität fördert (Technologie, Ethik, Nachhaltigkeit und Leadership werden integriert gelehrt). Damit tragen wir an der OST der Tatsache Rechnung, dass die CEOs der Zukunft keine reinen Zahlenstrateg:innen mehr sind – sie agieren als Systemdenker:innen, Transformationsarchitekt:innen, KI-verantwortliche Entscheider:innen und ethisch reflektierte Gestalter:innen.
Weitere Informationen unter www.ost.ch/iol

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