Mit Simone Ruckstuhl steht bereits die vierte Generation an der Spitze der Ernst Ruckstuhl AG. Sie übernimmt das Steuer des Familienbetriebs in einer Zeit, in der sich die Automobilwelt radikal verändert. Im Interview erklärt die CEO, warum Werte wie Vertrauen, Transparenz und persönlicher Kundenkontakt ihr wichtigster Kompass sind.

Simone Ruckstuhl
CEO
Frau Ruckstuhl, Sie führen seit Juli 2025 die Ernst Ruckstuhl AG in vierter Generation. Wie gelingt Ihnen der Spagat zwischen Wahrung des traditionsreichen Erbes und der Aufgabe, den Garagenbetrieb in die Moderne zu führen?
Interessanterweise empfinde ich das gar nicht als Spagat. Denn für mich ist Tradition kein Hindernis, sondern das Fundament, auf dem ich aufbauen kann. Unser Name ist ein Versprechen – er steht für Jahrzehnte gewachsenes Vertrauen und Ansehen. Persönlich gibt mir das die Freiheit, mich nicht erst beweisen zu müssen, sondern direkt am Inhalt zu arbeiten. Die eigentliche Herausforderung liegt vielmehr in der Branche selbst: Die Zeit des «bequemen Händlertums» ist vorbei. Wir spüren den Druck der Importeure auf die Margen und die steigenden Kosten im Aftersales massiv. Meine Aufgabe lautet, unsere Tradition wirtschaftlich wetterfest zu machen. Das bedeutet unter anderem, unsere Strukturen kritisch zu hinterfragen, während wir gleichzeitig den Kern dessen bewahren, was uns ausmacht.
Die Automobilbranche gilt nach wie vor als klassische Männerdomäne. War Ihr Weg an die Spitze des Familienbetriebs von Anfang an vorgezeichnet?
Überhaupt nicht. Mein Weg war alles andere als linear: Ich habe Soziologie studiert und mich zunächst im Musikjournalismus bewegt. Später übernahm ich die Geschäftsführung des Radios 3Fach. Dort sprang bei mir der Funke für das Thema «Führung» so richtig über. Durch meinen Werdegang verfüge ich über eine besondere Perspektive auf die Garagenwelt, was ich als grossen Vorteil erachte.
Es geht darum, Veränderung zu gestalten, ohne Verunsicherung zu säen.– Simone Ruckstuhl,
CEO
Mit Marken wie Genesis und Leapmotor setzen Sie auf neue, hochtechnologische Player. Nach welchen Kriterien kuratieren Sie Ihr Portfolio, um in einem immer unpersönlicheren Markt unverzichtbar zu bleiben?
Wir beobachten, dass Marken, die neu in den Markt eintreten, extrem digital agieren – oft mit minimalen physischen Kontaktpunkten. Das funktioniert für eine techaffine Klientel hervorragend. Aber unser Markenkern bei Ruckstuhl ist ein anderer: Wir setzen auf die persönliche Komponente. In der digitalen Ära, in der alles anonymer wird, schätzen unsere Kundinnen und Kunden das Persönliche. Wir kuratieren also nicht nur Fahrzeuge, sondern Erlebnisse. Am Ende macht weniger das spezifische Markenlogo den Unterschied, sondern unsere besondere Unternehmenskultur.
Apropos Unternehmenskultur: Der Fachkräftemangel ist das Dauerthema in der Branche. Wie positionieren Sie die Ruckstuhl Garagen als moderne Arbeitgebermarke für die nächste Generation?
Wir erleben hier eine interessante Diskrepanz. Unsere Lehrstellen für 2026 sind bereits besetzt und für 2027 haben wir schon erste Interessenten – ein Mangel an Nachwuchs sieht anders aus. Das Problem ist eher strukturell bedingt: Wir kämpfen einerseits gegen eine Überakademisierung nach dem erfolgreichen Lehrabschluss und andererseits gegen ein veraltetes Bild des Mechanikerberufs. Denn heute geht es in der Werkstatt weniger ums «Schrauben» als um hochkomplexe Systemtechnik. Das kann eine Abweichung zwischen Erwartung und effektivem beruflichen Alltag bewirken, was zu Unzufriedenheit und dadurch frühzeitigen Abgängen führen kann. Als Arbeitgeberin müssen wir dem Fachnachwuchs vor allem Sinnhaftigkeit bieten. Mein Ziel ist es daher, ein Umfeld zu schaffen, in dem Motivation unter anderem aus Mitgestaltung entsteht.
Wie sehen Sie die «Garage der Zukunft»?
Die Kundschaft informiert sich heute praktisch zu 100 Prozent digital, Interessentinnen und Interessenten erscheinen bestens informiert bei uns. Aber: Die physische Komponente wird nicht verschwinden. Denn je komplexer die Technologie – denken Sie an die Erklärungsbedürftigkeit von Leapmotor –, desto wichtiger wird der physische Ankerplatz. Die Garage ist kein reiner Verkaufsraum mehr, sondern ein Service-Hub sowie ein Ort des Vertrauens. Diesen bieten wir auch in Zukunft.
Welches Skillset muss eine CEO heute mitbringen, um ein Familienunternehmen sicher in die Zukunft zu steuern?
Mein Führungsstil unterscheidet sich deutlich von dem meines Vaters, der das Unternehmen noch als klassischer «Patron» führte. Heute geht es um Austausch und Involvierung. Ich muss Menschen einbinden, die über Spezialwissen verfügen, das ich selbst nicht in jeder Tiefe haben kann. Zuhören ist für mich die wichtigste Führungskompetenz geworden. Es geht darum, Veränderung zu gestalten, ohne Verunsicherung zu säen. Das erfordert Transparenz, eine klare Strategie und auch die Grösse, sich bei anspruchsvollen Prozessen externe Hilfe zu holen. Führung ist für mich dementsprechend keine One-Woman-Show, sondern Teamwork auf Augenhöhe.
Weitere Informationen unter ruckstuhlgaragen.ch

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