Cloud-Strategie, Datenzugriff, regulatorische Kontrolle: Für Vorstände entscheiden diese Fragen zunehmend über Marktzugang und Verhandlungsmacht. Mirko Minnich, Co-CEO und Vorstand der Beta Systems Software AG, erklärt, warum digitale Souveränität vom IT-Thema zum Wettbewerbsfaktor wird. Beta Systems ist spezialisiert auf geschäftskritische IT-Automatisierung und der einzige europäische Softwareanbieter in diesem Segment. Ziel ist es, die Orchestrierung hybrider IT-Infrastrukturen und Business-Prozesse neu zu definieren und einen autonomen IT-Betrieb zu schaffen.
Herr Minnich, digitale Souveränität landet immer häufiger auch bei der Unternehmensführung auf der Agenda. Wie erklären Sie einem Vorstand den Kern des Begriffs?
Es geht um unternehmerische Handlungsfreiheit. Gemeint ist die Fähigkeit, Technologie bewusst zu wählen, zu steuern und bei Bedarf zu wechseln. In vielen Ausschreibungen entscheidet heute nicht mehr nur die Funktionalität, sondern auch die Frage: Wer kontrolliert die Daten und unter welchem Rechtssystem stehen sie? Wer diese Voraussetzungen nicht erfüllt, gelangt oft gar nicht erst in die engere Auswahl.
Warum ist digitale Souveränität nicht mehr nur ein Thema für die IT?
Als »Independent Software Vendor« (ISV) ist sie für uns Managementaufgabe und unternehmerische Verpflichtung zugleich. Sie beeinflusst Wachstumsperspektiven, Risikoprofile und Marktzugang. Die Leitfrage verschiebt sich gerade von »Wie betreiben wir IT?« zu »Unter welchen Bedingungen können wir überhaupt Geschäft machen?«. Kunden fordern entsprechende Nachweise zunehmend aktiv ein. Gerade in regulierten Branchen wird dies zu einem entscheidenden Auswahlkriterium. Wer Datenflüsse, Zugriffsrechte und technologische Bindungen nicht transparent darstellen kann, verliert konkrete Projekte. Dadurch rückt das Thema stärker in die Verantwortung der Unternehmensleitung.
In vielen Ausschreibungen entscheidet heute nicht mehr nur die Funktionalität, sondern auch die Frage: Wer kontrolliert die Daten und unter welchem Rechtssystem stehen sie?– Mirko Minnich,
Co-CEO und Vorstand
Woran merken Unternehmen in der Praxis zuerst, dass ihnen digitale Souveränität fehlt?
Genau in dem Moment, in dem Unternehmen etwas ändern wollen – und feststellen, dass sie es nicht können. Der Anbieter ändert die Spielregeln: Preise steigen, Lizenzmodelle ändern sich, verhandeln ist kaum möglich. Oder Deals scheitern, weil Datenhaltung und Jurisdiktion für Kunden oder Regulatoren nicht akzeptabel sind. Lock-in wird erst sichtbar, wenn man raus will.
Wo kollidieren Innovationsgeschwindigkeit und der Anspruch auf langfristige Steuerbarkeit besonders deutlich?
Die schnellsten Innovationsfortschritte entstehen häufig dort, wo technologische Bindungen am stärksten sind. Cloud-Modelle ermöglichen Tempo und Skalierung durch Standardisierung und die Nutzung externer Plattformen. Strategische Steuerungsfähigkeit erfordert dagegen Transparenz und Wechseloptionen. Daraus entsteht ein Spannungsfeld zwischen kurzfristiger Dynamik und langfristiger Beweglichkeit.
Was erschwert es Organisationen zusätzlich, diesen Zielkonflikt aktiv zu steuern?
Entscheidend sind strukturelle Faktoren und Anreizsysteme. Viele Anwendungen sind tief in Ökosysteme großer Anbieter eingebunden. Eine spätere Entkopplung führt zu hohen Umstellungskosten, technischen Altlasten und operativen Risiken. Gleichzeitig sind souveräne Alternativen häufig weniger standardisiert. Das widerspricht unserem Skalierungsmodell als Softwareanbieter und verlangsamt Vertrieb und Implementierung.
Warum reicht klassische IT-Sicherheit für diese Fragestellung nicht mehr aus?
Weil sie sich in erster Linie auf den Schutz von Systemen konzentriert. Digitale Souveränität richtet den Blick stärker auf unternehmerische Entscheidungsfähigkeit. Während IT-Sicherheit fragt, ob Systeme vor Angriffen oder Ausfällen geschützt sind, geht es hier um Einflussmöglichkeiten auf Technologieeinsatz, Datenzugang und strukturelle Bindungen. Ein System kann technisch stabil und abgesichert sein und dennoch in einer Abhängigkeit stehen, die weder transparent noch auflösbar ist, etwa bei proprietären Cloud-Diensten. IT-Sicherheit ist operativ gedacht. Digitale Souveränität ist eine ganzheitliche Frage, weil sie Geschäftsmodell, Risiko und Marktzugang betrifft.
Wie erkennt ein Kunde im täglichen Betrieb, dass Beta Systems digitale Souveränität nicht nur verspricht?
Bei unseren Lösungen entscheidet der Kunde selbst über die Betriebsumgebung. Er kann sie On-Premises, in einer Private Cloud oder bei etablierten Hyperscalern einsetzen. Eine einheitliche Codebasis und identische Funktionalität über alle Modelle hinweg sichern diese Flexibilität. Dadurch bleibt die Möglichkeit erhalten, die Infrastruktur bei Bedarf zu wechseln.
Digitale Souveränität ist für uns kein neues Schlagwort, sondern seit Jahrzehnten Produktrealität.– Mirko Minnich,
Co-CEO und Vorstand
Wovon hängt heute ab, wer digitale Wertschöpfung steuern kann?
In der öffentlichen Diskussion steht häufig der Speicherort von Daten im Mittelpunkt. Tatsächlich entscheidend ist jedoch, wer darauf zugreifen kann und unter welchen Bedingungen. Zugriff bedeutet Macht über Daten, sei es für Nutzung, Analyse oder Weitergabe. Hier entscheidet sich, wo Wertschöpfung entsteht.
Die Anforderungen Ihrer Kunden haben sich in den vergangenen zwei Jahren deutlich verändert. Wie hat Beta Systems darauf reagiert?
Digitale Souveränität hat sich vom abstrakten Compliance-Thema zu einer klaren Beschaffungsanforderung entwickelt. Besonders im öffentlichen Sektor und in regulierten Branchen fordern Kunden heute Datenverarbeitung in der EU, Transparenz über eingesetzte Technologien und nachweisbare Compliance statt reiner Selbstdeklaration. Darauf hat Beta Systems sowohl in Produktentwicklung als auch Vertrieb gezielt reagiert. Digitale Souveränität ist damit in einzelnen Projekten bereits ein entscheidender Zuschlagsfaktor.
Sie bringen sich über den Bitkom in die Debatte ein. Welche Schritte sind jetzt in Politik und Wirtschaft erforderlich, damit ein funktionierender Markt entsteht?
Entscheidend sind praktikable und marktfähige Rahmenbedingungen. Digitale Souveränität muss skalierbar werden, national wie international. Dazu braucht es klare Kriterien, etwa beim Zugriffsschutz, bei rechtlichen Zuständigkeiten oder bei Wechselmöglichkeiten. Einheitliche europäische Zertifizierungen könnten Investitionssicherheit schaffen, sofern sie international anschlussfähig bleiben. Öffentliche Auftraggeber und regulierte Industrien sollten entsprechende Anforderungen verbindlich in ihre Beschaffung integrieren. Gleichzeitig müssen der Staat und große regulierte Industrien als Ankerkunden fungieren. Nur so kann ein tragfähiger Markt entstehen.
Welche Rolle will Beta Systems in diesem Umfeld einnehmen?
Digitale Souveränität ist für uns kein neues Schlagwort, sondern seit Jahrzehnten Produktrealität: Software »Made in Europe«, ohne Backdoors oder Kill-Switches, mit klaren Zugriffsmodellen, hoher Auditierbarkeit und ohne versteckte Abhängigkeiten. Entscheidend ist für uns, dass Kunden handlungsfähig bleiben und echte Wahlmöglichkeiten haben. Dass wir das heute aktiv vermarkten, zeigt: Souveränität ist kein IT-Feature mehr, sondern ein echter Wachstumstreiber in regulierten Märkten.
Weitere Informationen unter betasystems.com
Zur Person
Mirko Minnich, Co-CEO und Vorstand der Beta Systems Software AG. Das Unternehmen positioniert sich mit europäischer Software für geschäftskritische IT-Automatisierung im Feld der digitalen Souveränität.


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