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19 Februar 2020

Es twittert sich was zusammen.

Schenkt man der anerkannten KIM-Studie von 2016 Glauben, ist die Sache noch viel schlimmer als wir alle dachten: Kinder können nicht mehr ohne Facebook, Instagram, Snapchat & Co. Krach oder Seelenfrieden ist hier die Frage für viele Eltern. Wenn doch nur die goldene Mitte gefunden werden könnte.

Die aktuelle KIM (Kindheit, Internet, Medien)- Studie hat es tatsächlich in sich. 43 Prozent aller 10- und 11-Jährigen besitzen bereits ein eigenes Smartphone; bei den 12- bis 13-Jährigen sind es gar satte 61 Prozent. Dazu kommt, dass Kindern oft Zugang zum Tablet oder Smartphone eines Elternteils haben, sowie natürlich auch zum Familienfernseher. Ist dies nun mal Teil der heutigen Kultur? Wer Zugang zum Web hat, hält heute die Welt in den Händen. Die Neuigkeiten der letzten Stunden sind nur einen Klick entfernt. Dazu kommt eine Vielzahl von nützlichen Apps: Wörterbücher, Onlineausgaben von Tageszeitungen, sowie Radiostationen aus aller Welt stehen dem Smartphone-Nutzer zur Verfügung.

Die Welt von Samsung und iPhone bietet aber auch vor allem Zugang zu geteiltem Vergnügen. Facebook, Instagram, Snapchat, WhatsApp, Twitter und YouTube sind bei Kindern allen Alters dabei besonders beliebt. Wem der Zutritt zum virtuellen Spielplatz von den Eltern verwehrt wird, riskiert immer mehr auch im «echten Leben» ausgeschlossen zu werden. Waren Eltern, die beim Wort «Social Media» die Nase rümpfen denn einmal so anders? Wohl kaum: Ein mancher hing stundenlang an der Strippe, damit die beste Freundin in den Geschmack einer detaillierten Schilderung des vergangenen Abends kommen konnte.

Plötzlich Freunde

Der fundamentale Unterschied zu damals liegt wohl darin, dass man für eine Nachricht oder einen Anruf heute weder Adressen, noch Telefonnummern zu kennen braucht. Kaum ein Profil ist heutzutage nicht öffentlich zugänglich. Wer sich seiner Sicherheitseinstellungen bewusst ist – was bei Kindern zugegebenermassen weniger der Fall sein sollte – weiss einen Grossteil seiner Daten geschickt zu verbergen. Eine rudimentäre Version des Profils bleibt aber zwingend online, und mit ihm das Anzeigebild. Ein jeder kann demnach einem auf den sozialen Medien aktiven Kind eine Freundschaftsanfrage schicken, oder als «Follower» Zugang zu seinem Profil verlangen. Der Drang virtuelle Freunde und Abonnenten zu sammeln ist meist stärker als die leise Stimme die einem davon abrät.

Wem der Zutritt zum virtuellen Spielplatz von den Eltern verwehrt wird, riskiert immer mehr auch im «echten Leben» ausgeschlossen zu werden.

Das vielerwähnte Cybermobbing ist ein weiterer, nicht weniger schmerzhafter Dorn im Elternschuh. Während Fernsehen und Computerspiele «lediglich» Suchtpotential haben – für Kinder, sowie auch für Erwachsene, wohlgemerkt – können die sozialen Netzwerke nicht durch eine Handbewegung zum Schweigen gebracht werden. Die virtuelle Welt schläft nie. Genauso wenig wie die beängstigenden Gedanken, die einem nach einer unangenehmen Auseinandersetzung auf dem Schulhof nicht aus dem Kopf gehen. Denn das Grauen dauert an, in Form von hochgeladenen Fotos, aber vor allem auch durch gepostete Kommentare – und ausbleibende «Likes».

Im selben Boot

Fakt ist, wer online nicht beliebt ist und zu wenige «Likes» oder «Followers» einheimst, der bleibt oft auch im wahren Leben auf der Strecke. Um dem vorzubeugen, ist elterliche Hilfe unabdinglich. Aufgrund seiner durchaus handfesten Auswirkungen haben Social Media bei Kindern beträchtliches Suchtpotential. Als Eltern stellt man sich zudem zu Recht eine Litanei von Fragen. Denn oft ist der Früheinstieg des Kindes auf Facebook auf das Verhalten seiner Eltern zurückzuführen. Letztere sind sich ihrem eigenen Drang, zum Smartphone zu greifen, oft nicht bewusst. Installiert man beispielsweise die App «Forest», in der man virtuelle Bäume pflanzt, die solange gedeihen wie man beim Arbeiten die Finger vom Handy lässt, wird einem schmerzhaft bewusst, wie undenkbar der eigene Verzicht aufs Smartphone wäre.

Eine andere schwarze Wolke, die über dem Social- Media-Himmel schwebt, sind Fake News. Die Clinton-Trump Präsidentschaftskampagne ist der beste Beweis dafür, dass sie verheerende Folgen haben können. Hätten Millionen von Facebook-Nutzern nicht Lügenmärchen über die demokratische Kandidatin gelesen, geglaubt und geteilt, sässe heute vielleicht keine Föhnfrisur an der Spitze des Amerikanischen Staates. Kinder sind besonders gutgläubig, wenn sich lustige Videos und schlagkräftige Headlines durch den Newsfeed ziehen. Sie sind noch so gern die Ersten, die diese vermeintlichen Scoops auf der Facebookseite ihrer Freunde auftauchen lassen.

Des Rätsels Lösung

Ist der einzige Ausweg aus dem Schlammassel wirklich das strikte Verbot? Ab einem bestimmten Alter ist dies bestimmt nicht mehr empfehlenswert und schürt nur die Neugier. Um weiterhin am Geschehen teilhaben zu können, würden Sohn und Tochter nur zum Smartphone des besten Freundes, oder dessen Vaters ungesichertem Laptop greifen. Laut von mir befragten Eltern soll viel mehr Kommunikation das Zauberwort sein: Wer also noch nicht mit «Retweets», «Followers» und «Likes» bekannt ist, der büffelt nach dem Lesen dieses Artikels am besten erst einmal seinen Social-Media-Jargon. Was man nicht kennt, ist nur schwer verhandelbar.

Der Drang virtuelle Freunde und Abonnenten zu sammeln ist meist stärker als die leise Stimme dieeinem im Flüsterton davon abrät.

Steht das Kind noch am Anfang seiner Schulzeit und ist drauf und dran, eine Vielzahl neuer Welten zu entdecken, sollte sich die Frage der Nutzung von sozialen Medien von selbst klären, so lange die Haltung der Eltern konsequent ist. Klar können in gewissen Momenten einige Partien Candy Crush auf dem Handy der Mutter gespielt werden. Doch der Zugang zu Internet selbst sollte klar reglementiert und von Erwachsenen begleitet sein. In diesem Sinne existiert auf mehreren Plattformen auch die Möglichkeit verknüpfter Accounts. Dadurch können die Eltern bei Bedarf etwas Kontrolle zurückgewinnen.

Sobald Kinder aber älter werden fährt man besser, wenn man ihnen die Gefahren, die im Dickicht des World Wide Webs lauern, so gut wie möglich erklärt – und dabei nicht vergisst zuzuhören. Denn wenn Sohn und Tochter unsere Kompetenzen im Umgang mit Social Media teilen, können sie sich dieser Welt nähern wie wir: mit sicherem Abstand.

Text: Selin Olivia Turhangil

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