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Zürich
26 Januar 2021

Monika Stampfli: Weil Armut keine Jahreszeiten kennt.

Was wünschen wir uns für den Winter? Ausgedehnte Skitouren, einen Fondueabend im Freundeskreis, besinnliche Stunden auf dem Sofa mit einem Buch und vielleicht einem Glas Wein in der Hand. Ein Editorial von Monika Stampfli, Geschäftsführerin der Winterhilfe Schweiz

Der Winter kann traumhaft sein und nach einem so heissen Sommer wie diesem geniessen wir ihn umso mehr. Auch ich freue mich jedes Jahr über den ersten Schnee und die Dunkelheit, die mich dazu bringt, einen Gang hinunterzuschalten. Seit März 2017 hat der Winter für mich jedoch eine neue Dimension erhalten. Zu diesem Zeitpunkt nämlich habe ich meine Stelle als Geschäftsführerin der Winterhilfe Schweiz angetreten. Und gelernt, dass der Winter nicht nur Wohlbehagen mit sich bringt, sondern die Probleme von Armutsbetroffenen in der Schweiz – das sind jene Menschen, um die wir uns bei der Winterhilfe kümmern – verstärkt.

Die alleinerziehende Mutter möchte mit ihren Kindern schöne Weihnachten feiern, hat aber kein Geld für Tannenbaum und Geschenke. Bei der Grossfamilie bleibt es im Winter zu Hause ungemütlich kalt, weil eine zu hohe Heizkostenabrechnung das enge Budget sprengen würde. Der Rentner verlässt das Haus lieber nicht, weil er sich weder einen Mantel noch vernünftige Schuhe leisten kann.

Auch ich freue mich jedes Jahr über den ersten Schnee und die Dunkelheit, die mich dazu bringt, einen Gang hinunterzuschalten.

Monika Stampfli, Geschäftsführerin der Winterhilfe Schweiz
Unsichtbare Armut

Sie alle leiden zwar während des ganzen Jahres unter – oft unsichtbarer – Armut, spüren diese jedoch in der Winterzeit besonders. Vielleicht wundern Sie sich, dass ich über Armut in der Schweiz schreibe. Aber die gibt es wirklich. Eben oft unsichtbar und leise. Arm zu sein bedeutet, nicht am landesüblichen Lebensstandard teilhaben zu können. Und das betrifft in der Schweiz immerhin mehr als 615 000 Menschen. Im letzten Geschäftsjahr konnten wir dank der grossartigen Unterstützung unserer Spenderinnen und Spender rund 32 000 dieser Menschen beistehen. Die alleinerziehende Mutter, die ich eingangs erwähnt habe, wurde von ihrer regionalen Winterhilfe an die Weihnachtsfeier eingeladen und erhielt Geschenkgutscheine im Wert von 200 Franken für einen Detaillisten. Die Grossfamilie hat eine günstigere Wohnung gefunden – die Winterhilfe zahlte den Umzug. Und der armutsbetroffene Rentner hat von uns ein Kleiderpaket mit warmer Kleidung nach Hause geschickt bekommen. Sie sehen, unsere Leistungen haben einen praktischen Nutzen und sollen integrierend wirken.

Warum die Winterhilfe «Winterhilfe» heisst, auch wenn wir ganzjährig helfen? 1936 wurde unsere Organisation mit dem Ziel gegründet, Arbeitslosen und ihren Familien über den strengen Winter zu helfen. Wir verteilten Kohle, Kartoffeln und Lagerobst. Zudem strickten fleissige Frauenhände (damals war Stricken ausschliesslich Frauensache) unzählige Wollsocken – die Winterhilfe wusste damals wie heute, bei wem die grösste Not herrschte und brachte die Socken und Mäntel direkt in die Haushalte. Noch heute hören wir von Spenderinnen und Spendern oft, dass sie uns unterstützen, weil sie einst Hilfe von uns erhielten. Denn wie schon Celia Lyton Thaxter sagte: «In einem dankbaren Herzen herrscht ewiger Sommer

Ihre Monika Stampfli,
Geschäftsführerin der Winterhilfe Schweiz

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