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30 März 2020

Gender Pay Gap: polarisierend, vage und emotionsgeladen.

Fast kein anderes Thema bewegt die Geschlechter so wie die Lohnlücke. Die Statistiken dazu scheinen eindeutig. Wieso der Fall jedoch nicht ganz so klar ist, und was es bei einer Lohnverhandlung zu beachten gibt, erklärt «Fokus Moderne Frau».

«Mann und Frau sind gleichberechtigt. Das Gesetz sorgt für ihre rechtliche und tatsächliche Gleichstellung, vor allem in Familie, Ausbildung und Arbeit. Mann und Frau haben Anspruch auf gleichen Lohn für gleichwertige Arbeit.» Das Gleichstellungsgesetz von 1996 versichert Männern und Frauen gleichen Lohn für gleiche Arbeit. Doch noch immer besteht ein «Gap», eine Lohnlücke, die die Gemüter bewegt. Wie ist es möglich, dass in einem fortschrittlichen Land wie der Schweiz eine solche Differenz existiert?

Probleme in der Statistik

18 Prozent – soviel beträgt der «Gender pay gap» gemäss dem Bundesamt für Statistik (BfS). Nicht selten erhitzt dieser eklatante Unterschied die Gemüter und genauso oft wird gegen diese angebliche Diskriminierung propagiert und protestiert. «Wir Frauen verdienen für die gleiche Arbeit noch immer 18 Prozent weniger. Ein Teil davon ist erklärbar, rund ein Drittel davon ist aber mit nichts zu erklären. Es ist reine Diskriminierung!», schallt es zum Beispiel vonseiten der SP. Was die Nationalrätin Claudia Friedl mit «erklärbar» meint, ist denjenigen Teil der Statistik, den man aufgrund von verschiedenen Faktoren wie Bildungsniveau, Alter oder Anzahl Dienstjahren rechtfertigen kann. Das sind 58 Prozent des Gesamtunterschieds. Abzüglich dieses Teils sinkt die Lohnlücke noch auf 7.4 Prozent, die auch das BfS durch keine weiteren objektiven Faktoren erklären kann.

Betrachtet man die Analyse, die das BfS in regelmässigen Abständen vornimmt, werden Schwächen ersichtlich.

Kann dieser verbleibende Wert also mit der Lohndiskriminierung zu Ungunsten der Frauen gleichgesetzt werden? Nein, meint Prof. Dr. Michael Gerfin, Dozent am volkswirtschaftlichen Institut der Universität Bern. Zahlreiche weitere lohnrelevante Faktoren würden in der Analyse des BfS nicht berücksichtigt. «Die effektive Berufserfahrung wird nicht erfasst und bei den Informationen zur Ausbildung gibt es Unschärfen. Des Weiteren fehlen Indikatoren für Fähigkeiten wie beispielsweise der Sprachenkenntnis und Persönlichkeitsmerkmale wie Sozialkompetenz», führt Gerfin aus. Betrachtet man die Analyse, die das BfS in regelmäs-sigen Abständen vornimmt, werden Schwächen ersichtlich. Es bestehen methodische Probleme in den vom BfS publizierten Studien, erläutert Gerfin. «Erstens wird nicht unter-sucht, wie robust die Ergebnisse sind. Zweitens sind einige der verwendeten objektiven Faktoren wie zum Beispiel der Bildungsabschluss oder die Arbeitszeit möglicherweise selbst die Folge von Benachteiligungen auf dem Arbeitsmarkt», meint der Experte. Dies könne sogar dazu führen, dass der wahre Lohnunterschied unterschätzt würde.

Lohntransparenz schaffen

Um Ungleichheiten aufzudecken, sei es wichtig, Transparenz zu schaffen, erklärt Gerfin. Als vielversprechenden Ansatz nennt er das eigens für Unternehmen ab 50 Mitarbeiter entwickelte Logib-Tool des Bundes. Das Programm ermöglicht innerhalb weniger Minuten eine gezielte Lohnanalyse, die auf Lohnungleichheiten zwischen den Geschlechtern aufmerksam macht. Logib überprüft wichtige lohnrelevante Variablen und zeigt auf, wie gross der Unterschied ist, der lediglich auf das Geschlecht zurückzuführen ist. Es würde dazu beitragen, dass sich Firmen vermehrt dem Problem bewusst sind, sagt Gerfin.

Es ist häufig schwierig, den Schritt aus der Komfortzone zu wagen, aber genau dadurch entstehen Chancen sich nicht nur monetär, sondern auch persönlich weiterzuentwickeln.Sophia Dunker, Internal Talent Acquisition bei Robert Walters Deutschland & Schweiz

Mut zum Verhandeln

In Verbindung mit dem Lohnunterschied wird oft darauf hingewiesen, dass Frauen zu wenig verhandeln würden. Tatsächlich sind Frauen diesbezüglich immer noch zurückhaltender als Männer. 22 Prozent der erwerbstätigen Frauen fragen nach einer Gehaltserhöhung. Bei den Männern sind es stolze 42 Prozent. Dies geht aus einer Studie des englischen Marktforschungsinstituts Mintel hervor. Frauen würden sich häufig unter ihrem Wert verkaufen, weiss Sophia Dunker, Internal Talent Acquisition bei Robert Walters Deutschland & Schweiz. Es beginne häufig schon im Vorstellungsgespräch, wenn sie ihre Sprachkenntnisse oder ihr Branchenwissen niedriger einschätzten als es in Tat und Wahrheit wäre. «Ich erlebe viele männliche Kollegen, die schon mit einer ganz klaren Lohnvorstellung in ein Gespräch gehen, weibliche Bewerber sind da häufig offener für eine Verhandlung, bei welcher sie am Ende einen niedrigeren Lohn erhalten», meint Dunker.

Für beide Geschlechter gilt: Verhandeln will gelernt sein! Grundsätzlich solle man Lohnverhandlungen auf Fakten und Zahlen berufen, erklärt Dunker. «Seien Sie sich bewusst, was Sie bis jetzt geleistet haben oder was Sie sich in Zukunft für Ziele gesetzt haben. Dokumentieren Sie Ihre Erfolge über das Jahr hinweg. Das kann zum Beispiel positives Feedback von Kollegen oder Externen sein, erfolgreich abgeschlossene Projekte oder Leistungssteigerung im Vergleich zum Vorjahr», empfiehlt die Expertin. Man soll konkrete Zahlen nennen: «Es ist hilfreicher zu sagen, dass man den Umsatz im Vergleich zum Vorjahr um 20 Prozent gesteigert habe oder die Zahl der Webseitenbesucher sei um 10 Prozent gestiegen als: ‹Ich glaube, das letzte Jahr ist ganz gut gelaufen›», führt Dunker aus. Falls eine rein monetäre Lohnerhöhung nicht möglich sei, solle man nach anderen Vorzügen wie Freizeitausgleiche, Zuschüsse oder sonstige Vergünstigungen Ausschau halten.

Für beide Geschlechter gilt: Verhandeln will gelernt sein!

Raus aus der Komfortzone!

Klartext und selbstbewusstes Auftreten sind gefragt. Das schätzen auch die Chefs. Sollte der Geschäftsleiter sich aber dennoch abschätzig äussern, sage das bereits einiges über die allgemeine Wertschätzung der Mitarbeiter im Unternehmen aus, meint Dunker. In diesem Fall müsse man sich ernsthaft fragen, ob die Anstellung in so einem Betrieb noch Sinn mache. «Es ist häufig schwierig, den Schritt aus der Komfortzone zu wagen, aber genau dadurch entstehen Chancen sich nicht nur monetär, sondern auch persönlich weiterzuentwickeln. Sie können zwar mit einem Gegenangebot zu Ihrem Chef gehen, um eine Lohnerhöhung einzufordern, allerdings ist die Beziehung in den meisten Fällen dann schon so gestört, dass Sie nicht langfristig erfolgreich zusammenarbeiten können», erklärt Dunker.

Text: Sven Hoti

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