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Zürich
14 Juli 2020

Diagnose Burnout – Raus aus dem Teufelskreis.

Ganz egal, ob man das Burnout nun als Krankheit oder Gesellschaftsmode sieht. Fakt ist, dass immer mehr Menschen ausgebrannt sind und nicht mehr weiterwissen. Wenn man aber dem eigenen Körper zuhört, kann man durch ein Burnout nachhaltig sein Leben umkrempeln. Wie aus einer fast aussichtslosen Situation eine Erfolgsstory wurde.

«Ich war müde, hatte Schlafprobleme und sah im Leben nichts Gutes mehr. Ich war depressiv», erinnert sich Vanessa*. Eine Google-Suche nach den Symptomen und ein darauf folgender Arzttermin bestätigten ihr, was sie bis anhin für unmöglich hielt: Sie litt an einem Burnout. Ein langwieriger Klinikaufenthalt und verschreibungspflichtige Medikamente sowie tägliche Therapiesitzungen halfen ihr, das Burnout zu bewältigen.

Heute, vier Jahre danach, sitzt mir eine starke, selbstbewusste Frau gegenüber, die distanziert auf ihre Vergangenheit zurückblickt. Sie selbst erkenne sich in ihrem alten Ich nicht wieder. Das Burnout sei aber das Beste, was ihr passiert ist. Denn hätte ihr Körper damals nicht die Notbremse gezogen, hätte sie nie die Kraft gefunden, ihrem ungesunden Umfeld zu entkommen und nachhaltig ihr Leben umzukrempeln.

Das Burnout sei das Beste, was ihr passiert ist.

Ein gefühlsloser Roboter


Gerade erst hatte Vanessa ihre Lehre im kaufmännischen Bereich gestartet und sogleich auch ihre erste Liebe gefunden – eine toxische, wie sie heute weiss. «Ich wurde von Anfang an klein gemacht». Er trieb sie von Freunden und Familie weg und isolierte sie mit seiner Eifersucht. Sie hatte keinen mehr, an den sie sich wenden konnte. Mit der Familie zerstritt sie sich auf Drang des Partners und brach kurz darauf den Kontakt ab. Sie wurde immer einsamer. «Ich war eine unsichere Person, hatte kein Selbstvertrauen und war labil», erinnert sich Vanessa. Dies ging drei Jahre so. Hinzu kam Druck seitens des Arbeitgebers. Nach der Berufslehre wollte Vanessa im Betrieb bleiben, doch die Chefin versicherte ihr, dass sie eine erfahrene Verkäuferin bevorzugen würden. Daraufhin machte sich die frischgebackene Lehrabgängerin sehr grossen Stress. Sie wollte allen beweisen, dass sie die richtige Person für den Beruf war. Aufgrund der vielen Überstunden und des privaten Drucks geriet die damals 19-Jährige in einen Teufelskreis, der schliesslich zum Burnout führte.

Ich war eine unsichere Person, hatte kein Selbstvertrauen und war labil.

Dass etwas nicht stimmte, merkte Vanessa bald. «Aber ich ignorierte und verdrängte es». Sie sah sich als einen gefühlslosen Roboter, der kein Glück mehr empfand und nicht mehr lachen konnte. Um schlafen und entspannen zu können, griff sie auf Cannabis zurück. «Mehrere Joints am Abend waren üblich. Ich wollte mich betäuben, um endlich abschalten zu können.» Doch auch das gelang ihr nicht. Immer die Arbeit im Kopf. Beim Schlafen, beim Kochen, beim Fernsehen, beim Putzen. Sie konnte nicht mehr abschalten.

Das Aufstehen war das Schlimmste


Am Morgen aufzustehen war das Schlimmste, meinte Vanessa. «Ich weinte jeden Morgen.» Sie zog sich komplett zurück, blockte Annäherungsversuche von Arbeitskolleginnen ab. Alles kostete Überwindung. So ging es weiter, bis sie sich eines Tages die Frage stellte, für was es sich noch zu leben lohnte. Da wusste die kaufmännische Angestellte, dass sie sofort Hilfe brauchte.

Therapie in einer Tagesklinik

Der Anruf bei der Ärztin war der Wendepunkt. Damit gab sie sich selbst zu verstehen, dass sie das Problem erkannt hatte und nun endlich bereit war, zu handeln. Und wie man weiss, ist Einsicht der erste Schritt zur Besserung, auch bei einem Burnout. Die Ärztin verschrieb ihr zuerst zwei Wochen Ruhe, um zu entspannen. Als das nichts nutzte, wurde Vanessa in einer Tagesklinik untergebracht. Es gab einen festen Tagesablauf, Einzel- sowie Gruppentherapien, Bastelstunden, Entspannungsübungen und Sport. Des Weiteren mussten sich die Patienten an einen «Ämtliplan» halten. «Es war wichtig, einen normalen Tagesablauf beizubehalten, damit man nach der Therapie wieder auf den eigenen Beinen stehen kann», versichert Vanessa. Zudem wurden der jungen Zürcherin verschiedente Medikamente verschrieben: Anti-Depressiva, Beruhigungs- und Schlafmittel. Die Dosis wurde von Woche zu Woche verringert. Als ihr die Chefärztin sagte, dass sie sehr gute Fortschritte mache und bald entlassen werde, machte das Vanessa extrem glücklich. «Ich wollte nur eins: bald wieder gesund und mich selbst sein.»

Ich wollte mich betäuben, um endlich abschalten zu können.

Das langersehnte Glück

Nach dreimonatiger Therapie war Vanessa endlich genesen und konnte die Medikamente absetzen. Sie war bereit, die notwendigen Schritte in die Wege zu leiten und sich von allem zu trennen, das «nicht gut» für sie war. Sie trennte sich von ihrem Freund. Die gemeinsame Wohnung wurde gekündigt und sie zog wieder bei ihren Eltern ein. «Ich bin dankbar für das Burnout», sagt sie rückblickend. «Ansonsten wäre ich nicht da, wo ich heute bin. Ich habe mich lieben und achten gelernt und bin nun mit mir selbst im Einklang.»

Man meint, ein Jobwechsel wäre nach dem Ausbrennen imminent. Aber Vanessa arbeitete nach ihrem Burnout noch drei weitere Jahre im selben Betrieb weiter. Erst als die Filiale aus betrieblichen Gründen geschlossen wurde, wechselte die junge Frau ihren Arbeitgeber. Miteinher ging der Aufbau eines neuen sozialen Umfeldes und die langersehnte Aussprache mit der Familie. Das Verhältnis ist heute besser denn je. Auch der Zukunft sieht Vanessa positiv entgegen. Soeben startete sie eine Weiterbildung im Wirtschaftssektor. «Wenn mir das Burnout etwas gezeigt hat, dann dass ich meine Träume und Wünsche verfolgen muss», begründet sie ihren Entscheid und blickt mit Vorfreude auf ihren neuen Lebensabschnitt.

*Name von der Redaktion geändert

Text: Moreno Oehninger

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