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Zurich
19 Mai 2019

Kultur unter freiem Himmel.

Bei wärmeren Temperaturen müssen sich Kulturliebhaber nicht drinnen verstecken. Konzert, Kino oder Oper – im Winter in warmen Sälen, im Sommer im Freien. «Fokus Outdoor» weiss, wieso man diesen Sommer Kulturveranstaltungen draussen erleben sollte.

Es ist ein warmer Sommerabend. Die Grillen zirpen und die farbigen Girlanden in den Bäumen sorgen für eine gemütliche Atmosphäre. Lachend und schwatzend wartet die Menschenmenge auf die bevorstehende Veranstaltung unter freiem Himmel. Es herrscht ein Gefühl von Zusammengehörigkeit, obwohl man sich nicht kennt.

Beruhigende Natur

Natur tut gut. Die frische Luft und das Gefühl mit der Natur eins zu sein, erdet. Nicht umsonst heisst es «den Kopf durchlüften». Seit Jahrzehnten befassen sich Wissenschaftler mit der Frage, welchen Einfluss die Natur auf die Psyche der Menschen hat. In diesem Gebiet sind die amerikanischen Forscher Vorreiter: Ursprünglich wollten sie herausfinden, wie die Wege in Nationalparks angelegt werden müssen, damit die Besucher sich wohlfühlen und möglichst zahlreich wiederkommen, später wurde das Forschungsgebiet ausgeweitet. Die Natur ist wie Medizin für den Körper. Puls und Blutdruck sinken, genauso wie der Kortisolgehalt im Blut und der Herzrhythmus wird immer flexibler. Diese Faktoren sorgen für Entspannung und Wohlbefinden. Die Konzentration steigt und die Stimmung hebt sich, vor allem weil die Farbe Grün in der Natur positive Botenstoffe im Körper auslöst.

Die Natur ist wie Medizin für den Körper.

Weg vom Alltag

Laut den amerikanischen Umweltpsychologen Rachel und Stephen Kaplan gibt es Gründe, weshalb wir uns in der Natur wohlfühlen. Zum einen ist es die sogenannte Alltags-Ferne. Losgelöst von den alltäglichen Pflichten und Sorgen kann man in der Natur Energie tanken. Zum anderen ist die Entspannung in der Natur bedürfnisorientiert. Der Rückzug in die Natur kann für jeden Menschen eine andere Bedeutung haben. Sei es Schwimmen, Wandern oder eben eine Kulturveranstaltung im Freien. Zu guter Letzt sorgt die Weite und Ästhetik der Natur für Faszination. Da fällt es leichter, die Alltagsprobleme nicht allzu eng zu sehen.

Musik unter freiem Himmel

Naturerlebnisse machen uns sozialer und toleranter. Bei Open-Air-Konzerten, hat schon manch einer Freundschaften geschlossen und die Liebe seines Lebens (oder für eine Nacht) gefunden. Das überrascht nicht, schliesslich teilt man bei Sonne, Wind und Regen mit tausend anderen Menschen den Musikgeschmack und singt aus voller Kehle zu seinen Lieblingsliedern mit. Das schweisst zusammen und man lernt ungehemmt, fast automatisch neue Leute kennen. Mit alten und neuen Freunden zusammensitzen, etwas trinken und die Stimmung geniessen: Es ist wie Camping mit Musik.

Open-Air-Fan Gianna Heinz bestätigt das: «Die Menschen machen für mich ein gelungenes Open-Air-Konzert aus. Wenn die Stimmung da ist, darf auch das Wetter regnerisch sein.» Sie erzählt weiter: «Ich war einmal an einem Open-Air, da hat ein Blitz eingeschlagen und für einen Stromausfall gesorgt. Die darauffolgenden zwei Musiker haben sich nicht aus der Ruhe bringen lassen und  trotzdem weitergespielt – ohne Verstärker. Die Zuschauer waren begeistert. Das war ein unglaubliches Erlebnis.»

Open-Air-Festivals, wie man sie heute kennt, gibt es seit den 1960er-Jahren.

Wie man sieht, ist schlechtes Wetter bei Open-Air-Veranstaltungen nicht immer ein Stimmungskiller.

Die Geschichte des Open-Air-Festivals

Seit der Antike finden schon Festivals statt. Fürste und Könige stellten damals ihren Reichtum zur Schau, indem sie Festspiele mit Musik, Theater und Wettspielen inszenierten. Die Musik wurde oft in einem rituellen Zusammenhang, vor allem in Kirchen und bei Hofe aufgeführt. Deshalb gab es bei den ersten Festivals in Westeuropa dann auch Konzerte mit religiöser Musik. Open-Air-Festivals, wie man sie heute kennt, gibt es seit den 1960er-Jahren. Die USA machten es vor: das «Newport Folk Festival» wurde dort 1959 aufgeführt und gilt als das erste grosse Festival. Es folgten weitere Freiluftfeste, bis zehn Jahre später das Woodstock-Festival stattfand. Es gilt als das bekannteste Musikfestival und ist wegen dem dazugehörigen Dokumentarfilm der 70er-Jahre fast jedem ein Begriff.

Open-Air-Festivals, wie man sie heute kennt, gibt es seit den 1960er-Jahren.

Aufgrund mangelnder Erfahrung zögerten europäische Festival-Veranstalter zunächst, derart grosse Festivals zu organisieren. Eines der ersten grossen Festivals war das «Isle of Wight»-Festival in Grossbritannien, rund 150 000 Zuschauer besuchten den Anlass. In den folgenden Jahren entwickelte sich daraufhin in Europa eine Open-Air-Kultur. So auch in der Schweiz: Hier fand 1971 das erste Open-Air-Festival in Bischofszell statt. Dies gilt als das erste und älteste Open-Air der Schweiz.

Kultur für alle

Man nehme ein wenig Natur, eine Leinwand, einen Film und das Freiluftkino kann beginnen. Ins Kino zu gehen ist der Klassiker schlechthin, im Sommer herrscht jedoch in den Kinosälen oftmals gähnende Leere. Deshalb erfreut sich das Film Schauen unter freiem Himmel seit Ende der 90er-Jahre grosser Beliebtheit. Ein Kompromiss zwischen In- und Outdoor bietet das Autokino. Auf den vorgesehenen Parkplätzen können die Besucher durch das Auto-Radio den Ton des Kinofilms empfangen und sich Klassiker ansehen. Das erste Autokino wurde 1933 in den USA gegründet und erlangte in den 50er- und 60er- Jahren Kultstatus. Es gibt kaum etwas, was mehr Amerika schreit. In der Schweiz gibt es die Autokinos in Zürich, Aargau oder Basel-Land. Genau das richtige für nostalgische Filmliebhaber.

Im Sommer kommen auch die Oper-Fans nicht zu kurz. So gibt es in der Stadt Zürich die «Oper für alle». Die Freiluftveranstaltung ist mittlerweile zu einer Tradition geworden und verzeichnet mehr als 10 000 Besucher. Mit Picknick und Klappstühlen ausgestattet, sehen sich die Besucher auf einer grossen Leinwand die Liveübertragung einer Vorführung aus dem Opernhaus an.

Egal ob Konzert, Kino oder Oper: Hauptsache man verbringt die Sommertage draussen. Kultur in der Natur verbindet die Menschen und schmeckt nach sommerlicher Freiheit.

Text: Sonya Jamil

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