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23 November 2020

George Clooney: «Es ist eine Bürgerpflicht, sich zu engagieren».

George Clooney ist einer der sozial und politisch engagiertesten Schauspieler in Hollywood. Derzeit versucht der Oscarpreisträger, den «Bösewichten» der Welt den Geldhahn zuzudrehen und will dafür sorgen, dass die Demokraten 2020 wieder ins Weisse Haus einziehen.

George Clooney, Sie sind Schauspieler, Regisseur, Produzent – und vermehrt auch Aktivist. Haben Sie immer noch die gleiche Leidenschaft wie früher für Ihre Arbeit in Hollywood?

Oh ja, sonst würde ich nicht zwei Jahre meines Lebens in ein Film-Projekt investieren. Aber es muss natürlich etwas sein, das mich wirklich packt.  

Ihre Filme und auch Ihre jüngste Produktion, die Serien-Adaption des satirischen Romans «Catch 22» über einen Piloten im Zweiten Weltkrieg, haben meistens einen historischen Hintergrund. Weil wir aus der Geschichte lernen können?

Aus der Geschichte zu lernen, um nicht die gleichen Fehler zu wiederholen, ist sicher wichtig. Wir versäumen es jedoch oft, unsere Fehler einzuordnen. Angeblich wollen sie sogar die Staatsbürgerkunde aus dem Lehrplan der High School streichen. Dabei: Ich habe mich persönlich nie aus meinen Erfolgen weiter entwickelt, sondern aus meinen Fehlern und Versäumnissen.

Glauben Sie, dass ein Hollywood-Film oder -Serie in der heutigen Zeit politisch etwas bewirken kann?

Kommt auf die Woche an. Wir hatten schon grossartigen, aber auch ganz miserablen Einfluss. Ich denke, dass «Birth of a Nation» in den Zwanzigerjahren den Ku Klux Klan zurückgebracht hat. Die Filme über den Vietnam-Krieg hingegen hatten einen positiven Einfluss, wie wir diese Epoche verarbeiteten. Es zu beurteilen, erfordert wohl etwas historische Distanz.

Aus der Vergangenheit wissen wir doch, dass wir besser sind, wenn wir die Zukunft mehr Menschen einschliessend als ausschliessend betrachten.

George Clooney
Gibt es in Ihren Augen gerechte Kriege? 

Ja, kann es geben. Aber das bedeutet, dass zuvor jemand etwas ganz absurd Schlimmes getan hat. Klar: Im Zweiten Weltkrieg musste der Faschismus besiegt werden. Aber woher kam der? Wenn wir sehen, wie sich heute auf der ganzen Welt Länder wie Italien, Ungarn, Polen, Brasilien und auch die USA nach rechts Richtung Autoritarismus bewegen, ist das schon besorgniserregend. Aus der Vergangenheit wissen wir doch, dass wir besser sind, wenn wir die Zukunft mehr Menschen einschliessend als ausschliessend betrachten.

Wieso scheinen wir uns rückwärts zu entwickeln?

Wenn man weit zurückblickt, gibt es auch Entwicklungen in die richtige Richtung: Es gibt heute weniger Kriege und weniger Menschen in Armut als es je gab. Aber die Momentaufnahme ist natürlich furchterregend: Die Wut auf Flüchtlinge beispielsweise. Die sehen wir über Generationen. In den USA behandeln wir Flüchtlinge manchmal gut, und manchmal schlecht. Momentan behandeln wir sie sehr schlecht. Wenn die USA sagt, sie wolle nichts mit dem Internationalen Strafgerichtshof zu tun haben und werde gar Involvierte verhaften, hat das schlimme Signalwirkung. Und wann wurden wir das Land, das Kinder von Eltern trennt, und dann wissen wir nicht, wo sie sind? Aber wir können das auch wieder korrigieren. So wie wir das mit den internierten Japanern im Zweiten Weltkrieg wieder korrigiert haben. In diesem Sinn bin ich Optimist.

Die Momentaufnahme ist natürlich furchterregend: Die Wut auf Flüchtlinge beispielsweise.

George Clooney
Sie selber engagieren sich politisch, was nicht von all Ihren Mitbürgern gern gesehen wird. Wie sehen Sie Ihre Rolle als prominente Person?

Ich finde es immer gut, wenn sich Schauspieler und andere Prominente, die eine Plattform haben, für grosse soziale Themen engagieren – besonders, wenn sie gut informiert sind. Ich finde, es ist eine Bürgerpflicht, sich zu engagieren. Ich bin in der Zeit der Bürgerrechtsbewegung, der Frauenbewegung und der Anti-Vietnam-Bewegung aufgewachsen. Ich dachte, Engagement ist normal und gehört einfach dazu. Als ich gegen den Golfkrieg war, gab es Proteste gegen mich im Kino. Das ist okay, das kann ich ertragen, ich bin ja erwachsen. Ich kann nicht die Meinungsfreiheit fordern und dann nicht wollen, dass jemand etwas Schlechtes über mich sagt. 

Aber für ein politisches Amt wollen Sie sich auch im Wahljahr 2020 nicht aufstellen lassen?

Nein, die Antwort ist seit jeher immer nein. Mir gefällt mein Leben zu gut. Ausserdem wäre ich nicht bereit, die Kompromisse einzugehen, die man auf dem Weg in die Politik eingehen muss. Mir ist lieber, ich kann jene Sachen, die mir am Herzen liegen, standhaft vertreten.

Haben Sie bereits einen Favoriten oder eine Favoritin bei den Demokraten?

Ich bin mit einigen gut befreundet. Joe Biden zum Beispiel. Er ist wirklich ein guter Mann. Buttigieg ist ein guter Redner, er interessiert mich. Ebenso Kamala Harris. Ich werde mich während den Vorwahlen wohl noch nicht sehr engagieren, weil ich sonst vielleicht bei den eigentlichen Wahlen nicht mehr helfen kann. Ich habe meine Lektion bei Hillary gelernt. Hauptsache, dieser Präsident bleibt nur eine Amtsperiode.

Ich würde von innen ändern, was mir an den Demokraten nicht passt.

George Clooney
Wie wäre es mit einem unabhängigen Kandidaten?

Das ist ein No-Go. Ich würde von innen ändern, was mir an den Demokraten nicht passt. Ross Perot war damals katastrophal für George Bush Sr.. Oder fragen Sie Al Gore nach Ralph Nader. Gore hat knapp in Florida verloren. Hätte er die Stimmen von Nader gehabt, wäre alles anders gekommen. Diese unabhängigen Kandidaten dürfen nicht das Zünglein an der Waage sein. Darüber werde ich mich immer äussern.

Sie haben mit Ihrer Frau Amal die Clooney Foundation for Justice (CFJ) gegründet. Was wollen Sie damit erreichen?

Viele Regierungen missbrauchen das Justizsystem für kriminelle Zwecke. Sie verurteilen jemanden, dabei ist ihr Richter nicht mal ein richtiger Anwalt. Wir schicken nun also Beobachter und zeichnen auf, was abgeht. Wir stellen so einen Index von 194 Ländern zusammen, USA inklusive. Es ist ein langsamer Prozess, aber es passt auch zu meinem Engagement mit «The Sentry», einer Organisation, die das Geld der Warlords aufspürt. Das macht richtig Spass.

Spass?

Sie sollten es sehen, wenn ich zu einem Chef-Banker gehe und ihm die forensischen Beweise liefere, dass ein Warlord oder korrupter Präsident 400 Million Dollar via Strohfirma in seiner Bank versteckt hat. Entweder machen sie etwas dagegen oder ich halte eine Pressekonferenz und sage der Welt, dass diese Bank Warlords mitfinanziert. 

Sehen Sie, wir haben jahrelang versucht, die Machenschaften von Bösewichten an den Pranger zu stellen, sie persönlich blosszustellen – sei es in Brunei oder im Sudan mit Omar Bashir.

George Clooney
Sie haben es also nun auf Banken abgesehen?

Sehen Sie, wir haben jahrelang versucht, die Machenschaften von Bösewichten an den Pranger zu stellen, sie persönlich blosszustellen – sei es in Brunei oder im Sudan mit Omar Bashir. Aber solchen Leuten ist nichts peinlich. Sie schämen sich nicht. Wer sich hingegen schämen kann, sind die grossen Unternehmen, die mit ihnen Geschäfte machen. Die wollen nämlich nicht mit Bösewichten assoziiert werden. Wenn wir zum Beispiel die Hotels des Sultans von Brunei boykottieren, weil er in seinem Land Homosexuelle steinigen lässt, dann tut das dem Sultan nicht weh. Aber wenn alle Finanzinstitute, die mit ihm Geschäfte machen, Brunei den Rücken kehren, dann muss er reagieren. Wir können ein Licht auf solche Umstände werfen, aber es braucht letztlich Leute in führenden Positionen, die durchgreifen. Leider bringen wir den Ball oft nicht viel weiter Richtung Tor. 

Frustriert Sie das nicht?

Schon, aber ist die Alternative, gar nichts zu unternehmen? Ich bin kein Regierungsvertreter, aber ich kann ein Licht auf etwas werfen, dass so peinlich ist, dass jemand vielleicht etwas dagegen tut. Selbst der Dalai Lama sagt, dass man meistens nichts erreicht. Der Erfolg ist schwierig, aber sicher ist es den Effort wert, es zu versuchen. Es nicht zu versuchen, ist in meinen Augen ein Verbrechen. 

Sie schauen auch in Sachen Umweltfragen in die Zukunft. Sind Sie immer noch im Verwaltungsrat des Bieler Clean-Power-Forschungs-Unternehmens Belenos?

Ja, und ich komme auch regelmässig an die Verwaltungsratssitzungen in die Schweiz. Ich verstehe zwar nicht immer alles, was die Profis da erzählen, aber es werden Fortschritte gemacht. Es dauert halt seine Zeit.

Meine Frau klagt gegen IS; es ist der erste Prozess gegen IS. Wir müssen schon aufpassen.

George Clooney
Ihre Frau Amal ist Menschenrechts-Anwältin und oft in international heikle Fälle involviert. Wie besorgt sind Sie um Ihre eigene Sicherheit und die Ihrer Familie?

Meine Frau klagt gegen IS; es ist der erste Prozess gegen IS. Wir müssen schon aufpassen. Manchmal wechseln wir das Hotel als Vorsichtsmassnahme. Aber wir wollen auch unser Leben leben. Ich habe mich nie mit der Art von Sicherheitsschutz umgeben, der mich isoliert und abschottet. Wir haben aber auch abgemacht, dass wir gefährlichere Orte meiden. Als sie auf dem Weg in die Malediven war, wo es darum ging, den bei einem Coup gestürzten Präsidenten aus der Haft zu bekommen, wurde ihr Mitarbeiter einen Tag zuvor mit einem Messer am Kopf verletzt. Es passieren schon verrückte Sachen, aber sie ist knallhart und sie wird weiterhin tun, woran sie glaubt.

Sie sollen Ihre Leidenschaft fürs Motorradfahren nach dem Unfall vor einem Jahr aufgegeben haben – auf Wunsch Ihrer Frau?

So war es nicht. Als wir vom Spital nach Hause fuhren, fragte sie einfach, ob ich denn wieder fahren wolle. Mein Produktionspartner Grant Heslov, der mit dabei war, und ich waren ziemlich aufgewühlt. Ich habe einen Typen mit 100 Sachen angefahren. In 99 von 100 Fällen würde ich jetzt nicht hier sitzen. Ich hatte unglaubliches Glück. Mir scheint, als habe ich neun Leben auf einen Schlag aufgebraucht. Nach 40 tollen Jahren auf dem Motorrad kann ich es jetzt gut sein lassen. Ich habe Zwillinge und sollte ein bisschen verantwortungsbewusst sein.

Da wir viel Zeit in Italien verbringen, haben wir uns entschlossen, dass unsere Kinder Italienisch lernen sollen.

George Clooney
Ihre Frau ist Libanesin. Sie leben in England, Italien und in den USA. Mit welcher Sprache wachsen Ihre Kinder auf? 

Da wir viel Zeit in Italien verbringen, haben wir uns entschlossen, dass sie Italienisch lernen sollen. Sie lernen ihr ABC also derzeit auf Italienisch und Englisch. Sie zählen von eins bis zwanzig auf Italienisch und ich kann’s kaum auf Englisch (lacht)! Was die Gehirnentwicklung betrifft haben sie sicher die Gene meiner Frau. Sie sind wirklich lustig und gescheit. Mit meinem Sohn kann man schon Streiche aushecken.

Was für Streiche denn?

Ich streiche Peanut-Butter auf die Seite seines Schuhs und er sagt dann zu Amal: «Momma, poo poo.» 

Sie sind bekannt für Streiche. Auf welchen sind Sie besonders stolz?

Auf die mit langer Vorlaufzeit. Ich habe ein furchtbares Gemälde irgendwo im Abfall gefunden, es signiert und es fünf Jahre aufgehoben. Dann habe ich eine Staffelei zu Hause aufgestellt mit Bildern, die ich für ein paar Dollar auf einem Strassenmarkt gekauft hatte und erzählte meinem Kumpel, dem Schauspieler Richard Kind, ich besuchte einen Malkurs und hätte die Bilder gemalt. Ich liess ihn auf dem Weg zum Abendessen bei einem Malgeschäft anhalten, damit ich ihm etwas über Pinsel vorquasseln konnte. Und dann schenkte ich ihm schliesslich das furchtbare Bild zum Geburtstag. Es sei mein ganzer Stolz und er soll es doch über das Sofa hängen. Wohl oder übel tat er das, obwohl er das Bild insgeheim ja auch schrecklich fand. Ich schickte alle Freunde vorbei, es anschauen zu gehen. Ich hab dann die Geschichte in einer TV-Talk-Show erzählt und sorgte dafür, dass er zuschaute. Ich sage Ihnen: Geduld lohnt sich. 

Interview: Marlène von Arx, Bild: HFPA/Magnus Sundholm

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