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Zürich
22 Oktober 2020

Männer zwischen Karriere und Familie.

Trotz harter Erwerbstätigkeit beider Elternteile kommt das Paar doch auf keinen grünen Zweig: Auch wenn beide Eltern ein hohes Arbeitspensum leisten, ist am Monatsende oft kaum mehr Geld übrig. Lohnt sich demnach ein Zweiteinkommen überhaupt?

Die Schweiz mit ihren hohen Kita-Kosten, der Steuerprogression bei zwei Einkommen, ansteigenden Krankenkassenprämieren und den hohen Wohnungsmieten bietet schlechte Voraussetzungen für die Mittelschicht. Ein Hortplatz in einer Schweizer Kindertagestätte mit Mittagessen und Nachmittagsbetreuung kostet pro Kind und Tag im Schnitt 70 Franken. Eine private, gut ausgebildete Kinderbetreuung kann pro Monat bis zu 4 500 Franken kosten. Um diese Auslagen decken zu können, arbeiten immer mehr Frauen weiter nach der Geburt.

Laut dem Bundesamt für Statistik zeigte sich in Paarhaushalten zwischen 1997 und 2013 eine Erhöhung der zeitlichen Gesamtbelastung für Väter und Mütter in der Schweiz.

Laut dem Bundesamt für Statistik zeigte sich in Paarhaushalten zwischen 1997 und 2013 eine Erhöhung der zeitlichen Gesamtbelastung für Väter und Mütter in der Schweiz. Auf 68 bis zu 70 Stunden pro Woche belief sich die Arbeit von Eltern kleiner Kinder. Das macht zehn Stunden am Tag, sieben Tage lang. Vereinbarkeit von Familie und Beruf bedeutet also Arbeit ohne (Wochen-)Ende? Nicht immer – das berichten zwei Väter in der Stadt Zürich.

Zweiteinkommen lohnt sich durchaus

Franco C.*, Ende 40, ist zweifacher Vater und arbeitet 100 Prozent. Seine Frau ist in einem 50-Prozent-Pensum tätig. Seine kleinen Kinder sind pro Woche jeweils zwei Tage in einer Kindertagesstätte. Im Monat kommt er so auf 2 500 Franken Kita-Ausgaben – nicht gerade wenig. Er findet, dass die Kita-Ausgaben allgemein nicht mehr als 20 Prozent des Einkommens betragen sollten. Die grössten Ausgaben gehen bei ihnen für Lebensmittel, Ferien und das Auto weg. Ein Tag pro Woche arbeitet er im Home-Office, um so bei den Kindern zu sein. Mit den Kindern verbringt Franco seine Freizeit jedes Wochenende und auch für sich selbst bleiben Werktags je drei Stunden Freizeit übrig. Das Zweiteinkommen lohnt sich in seiner Familie.

Auch Marco L.* kann sich nicht beklagen bezüglich Zweiteinkommen. Er, anfangs 30, ist dreifacher Vater und arbeitet 100 Prozent. Seine Frau Ursina arbeitet 40 Prozent. Beide sind zufrieden mit dieser Aufteilung. Anders als es häufig auf dem Land der Fall ist, erhält man in der Stadt Zürich Subventionen für die Kinder. Sein jüngster Sohn ist zwei Tage pro Woche in der Krippe. Dafür bezahlt das Ehepaar 200 Franken im Monat – ein äusserst preiswertes Angebot. Marco arbeitet in der Frühschicht und beginnt jeweils zwischen 03:00 und 04:00 Uhr. Um 14:00 Uhr ist er dann wieder zuhause und kann seine Kinder von der Schule abholen und manchmal auch seine Frau von ihrem Arbeitsplatz. Samstags und sonntags arbeiten gehört bei ihm jedoch häufig auch dazu. Für sich selbst findet er genügend Freizeit, um in einem Sportverein aktiv zu sein und zu musizieren.

Vater spricht mit Kind
Teilzeitarbeit

In den Köpfen der Schweizer ist traditionelles Arbeiten immer noch weit verankert. 100-120 Prozent zu leisten, ist für die meisten Schweizer Väter in allen Branchen ein Muss. Das Bedürfnis, zuhause zu sein, ist weniger präsent. Der Selbstwert wird durch die Berufsidentität gewonnen. Ferien und spezielle Ereignisse sind fast die einzigen Zeitpunkte, an denen die Beziehung zu den Kindern gepflegt wird. Der Gegenpol kommt aber genauso vor bei Vätern, die im Alltag der Kinder als emotionale Bezugsperson mitspielen und präsent sein wollen. Diese können und wollen sich nicht mehr ausschliesslich über die Arbeit auszeichnen. 

Ein 80-Prozent-Pensum oder darunter ist bei vielen Vätern ein verborgener Wunsch oder ein Vorhaben fürs Alter.

Ein 80-Prozent-Pensum oder darunter ist bei vielen Vätern ein verborgener Wunsch oder ein Vorhaben fürs Alter. Der Zürcher Vater Franco meint dazu: «Ab 50 Jahren würde ich gerne auf ein 50-Prozent-Arbeitspensum reduzieren». Vater Marco meint: «Wenn ich es mir finanziell leisten könnte, würde ich schon jetzt 20-40 Prozent runterschrauben». Seine 40 Prozent berufstätige Frau Ursina entgegnet lächelnd, dass sie dafür erhöhen würde. Das Bedürfnis nach Teilzeit wird aber seitens der Unternehmen häufig ausgeschlagen, weil sich angeblich Stellenprofile nicht so leicht anpassen liessen. Misstrauen bezüglich der Arbeitsmotivation sowie Mobbing von Arbeitskollegen sind keine Seltenheit, nicht zuletzt, weil es an der Männlichkeit nagt, da der Vater nach traditionellen Rollenbilder als Ernährer der Familie gilt. Gemäss diversen Forschungen sind Teilzeit-Angestellte jedoch wesentlich produktiver als Vollzeit- Angestellte. 

Vereinbarkeit Familie und Beruf in Zukunft

Im nächsten Jahrzehnt wird sich vermutlich noch stärker herauskristallisieren, dass die Vereinbarkeit von Familie und Beruf nicht nur mehr ein Mutterthema ist, sondern ebenso den Vater angeht. Eine Wende zurück in die konservative Arbeitsteilung wird kaum mehr möglich sein. Eine Revision der staatlichen Unterstützung, beispielsweise für Weiterbildungen zur Wiedereingliederung in den Arbeitsmarkt, wäre eine Idee. Bei bis zu 70 Stundenwochen wird ein Systemwechsel zwangsläufig durchgeführt werden müssen, um die Burnouts nicht an die Spitze zu treiben. Man nehme sich das wirtschaftlich starke Skandinavien mit seiner 37-Stundenwoche als Inspiration. Die Arbeitszeit sank, doch der Umsatz stieg an.

*Namen der Redaktion bekannt

Text Alessandro Poletti

 

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