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4 April 2020

«Bitcoin wird die Welt prägen».

Dr. Arthur Vayloyan, CEO von Bitcoin Suisse, erklärt die Faszination rund um Bitcoin. Worin liegen die Chancen der Krypto- und Blockchain-Technologie?

Dr. Arthur Vayloyan, wo hat Bitcoin Suisse ihren Anfang gefunden?

Niklas Nikolajsen stiess sehr früh auf das Whitepaper von Satoshi Nakamoto. Nach ersten Versuchen, ein Angebot innerhalb einer grossen Schweizer Bank anzubieten, gründete er zusammen mit weiteren Kollegen 2013 Bitcoin Suisse. Bitcoin war damals noch die einzige Kryptowährung. Die Dienstleistung bestand im Kauf und Verkauf von Bitcoins, Aufbewahrung und später auch noch Mining von Ether. Bitcoin Suisse war über lange Strecken ein kleines Startup. Weniger als fünf Personen arbeiteten Tag und Nacht mit viel Enthusiasmus für die Firma. In der Schweiz und in Europa waren wir eine der ersten Firmen, die sich mit dieser neuen Technologie beschäftigte; als Kryptounternehmen gehören wir zu den ältesten weltweit. Eine grossartige Pionierleistung. 

Wie kam es dazu?

Unternehmergeist und Wagemut. Wir investierten unablässig. Dazu gesellten sich harte Arbeit und das Risiko zu scheitern. Mit viel Enthusiasmus konnten wir die technischen Schwierigkeiten meistern und haben es – das kann man so sagen – zu einem florierenden und führenden Unternehmen gebracht: Seit 2016 ist unser Gewinn um mehrere hundert Prozent gewachsen, ebenso das Eigenkapital. Aber, die Reise hat erst angefangen.

Was kommt als nächstes?

Lassen Sie sich überraschen. Was ich aber sagen kann, ist, dass wir kürzlich bekanntgaben, eine erste Finanzierungsrunde zu lancieren. Mittelfristig planen wir den Gang an die Börse. 

Was ist eigentlich das Kerngeschäft der Firma?

Bitcoin Suisse hat verschiedene Geschäftszweige. Das Kerngeschäft liegt im Kauf und Verkauf von weit über hundert Kryptowährungen. Bei uns sprechen wir von «Trading» und «Brokerage». Das heisst, der Kunde kommt zu uns, überweist uns Geld und kauft – zum Beispiel – Bitcoins. Die dazu notwendigen Technologien haben wir mit unseren hochspezialisierten IT-Mitarbeitern selber entwickelt. Darauf bin ich besonders stolz.

Sie beschreiben eine Art Bank, liege ich richtig?

Könnte man so sagen. Da die Nachfrage nach einer sicheren und professionellen Aufbewahrung von Kryptowährungen grösser wurde, entstand ein weiteres wichtiges Geschäftsfeld. Die hochsichere Verwahrung. Die technischen Herausforderungen waren das eine, schwieriger war es, das Vertrauen in uns als Firma aufzubauen. Das dauerte wiederum Jahre, es benötigte Kontinuität und viel Ausdauer. Wir konnten uns keine Fehler erlauben. Unser Feedback von den Kunden ist sehr gut, und noch keiner hat bisher einen Franken wegen operativer Fehler verloren. 

Trotz einem wohl sehr hart umkämpften Markt?

Der Markt ist zwar noch jung, aber doch sehr kompetitiv, ja.

Wie liegt Bitcoin Suisse verglichen mit seinen Konkurrenten?

Wir wollen eine führende Rolle einnehmen, wenn es um die Entwicklungen im Bereich Krypto geht. Uns ist es wichtig, die Krypto- und Blockchain-Industrie voranzubringen und unseren Kunden gleichzeitig die bestmöglichen Produkte zu bieten.  Mit anderen grossen Firmen gehen wir Partnerschaften ein, die wiederum für ihre Kunden die Vorteile von Kryptowährungen nutzen wollen. Es geht hier auch um das Stichwort Tokenisierung, zum Beispiel mit Emaar, eines der grössten Immobilienunternehmen der Welt.

Wo geschieht dies bereits?

In Zug und Zermatt beispielsweise kann man seine Steuern und Gebühren mit Bitcoin bezahlen, alles dank Bitcoin Suisse. Das waren für uns sensationelle Meilensteine. Und aktuell arbeiten wir an einem Projekt mit Worldline, dem führenden Zahlungsanbieter in Europa. So sollen in der Schweiz potentiell 85 000 Händler Zahlungen mit Bitcoin akzeptieren. Europaweit sprechen wir von 450 000 Händlern, global von über einer Million. Schauen Sie, was wir gerade erleben ist eine fast schon unglaubliche Weiterentwicklung einer sich immer stärker beschleunigenden Digitalisierung, und so gesehen ist Bitcoin einfach ein Kind seiner Zeit. Und da kommt noch so viel mehr.

Ursprünglich studierten Sie physikalische Chemie, führten dann die Abteilung Private Banking Schweiz. Wie kamen Sie in die Finanzindustrie?

Das Finanzwesen hat mich schon früh interessiert. Aus diesem Grund habe ich bewusst das Wirtschaftsgymnasium besucht. Mit 16 sind mir dann die Bücher von Frederik Vester in die Hände gekommen. Der Autor war ein Biochemiker aus München. Ich war so fasziniert von den sich offenbarenden Möglichkeiten, dass ich mich kurzum entschlossen habe, Chemie zu studieren. Mein Diplom und das Doktorat habe ich aber dann in physikalischer Chemie abgeschlossen, beeinflusst durch einen genialen Professor. Noch während den Abschlussarbeiten kam die grosse Frage auf: Wie geht es nun weiter? Und während dieser Suchphase bin ich über eine Zwischenstation im IT-Consulting schliesslich im Finanzwesen gelandet. Zurück zu meinen ursprünglichen Interessen.

Inwiefern beeinflusst Sie Ihr naturwissenschaftlicher Hintergrund heute noch?

Es hat mein analytisches Denken geschult. Von der Chemie im Speziellen habe ich gelernt, komplizierte Sachverhalte bildhaft zu veranschaulichen und zu vereinfachen. Das hilft mir noch heute.

Wie bereichert Bitcoin Suisse die Schweizer Wirtschaft?

Die Schweiz ist erfolgreich, weil sie offen ist für Innovation. Bitcoin Suisse bereichert den Innovationsplatz Schweiz mit konkreten Ideen und als Innovator. Ohne einen liberalen Finanz- und Wirtschaftsplatz ginge das nicht. Die Schweiz hat früh gelernt, dass man ohne Offenheit keine Chance hat. Bitcoin Suisse ist ein Beispiel dafür, was alles möglich ist in diesem Land. 

Und wie sehen Sie die Zukunft von traditionellen Finanzinstituten? Wird Bitcoin, das einen Wertaustausch ohne Intermediäre ermöglicht, Banken gefährden?

Die grösste Gefahr für die Banken sind sie selbst. Wenn sich eine Bank nicht als Innovationshub versteht und wach bleibt, ist es möglich, dass sie abgehängt wird. Wenn aber eine Bank eine offene Innovationskultur pflegt, dann bieten diese neuen Technologien enorme Chancen. 

Gibt es dennoch Regulationen beim Handel mit Bitcoins in der Schweiz?

Im Parlament wird aktuell ein Rahmengesetz zur Anpassung der existierenden Gesetzeslandschaft an die neuen Technologien diskutiert. Ziel ist es, einen Rechtsrahmen zu schaffen, der die Arbeit im Bereich kryptobasierter Vermögen erlaubt. Ein grosses Kompliment gebührt unserem Bundesrat, der diese Bestrebungen dezidiert vorantreibt. 

Was passiert eigentlich mit Bitcoin-Anlagen, wenn demjenigen, der das Passwort besitzt, etwas zustösst?

Dies ist ein Merkmal des dezentralen Systems: Falls man das Passwort zur elektronischen Brieftasche verliert, oder letztlich der Zugriff zum sogenannten Private Key fehlt, dann gibt es keine Instanz auf dieser Welt, die helfen kann. Man ist also gut beraten, den Zugang zu seinem Wallet auch über den Tod hinaus zu organisieren. Bei kleinen Beträgen ist alles noch relativ harmlos. Bei grossen Beträgen kommen dann erfahrene Dienstleister wie Bitcoin Suisse ins Spiel.

Bitcoin erlebte Ende 2017 ein Allzeithoch. Seither ist der Kurs stark gefallen, um nun wieder markant zu steigen. Warum dieser Verlauf?

Im Kern ist es eine Frage von Angebot und Nachfrage. Gekoppelt mit der Tatsache, dass Bitcoin ein komplett neuer Technologieansatz war und immer noch relativ jung ist, kann man sich auch die hohen Volatilitätsschwankungen nachvollziehbar erklären. Unsere Arbeitshypothese ist, dass es mit den Kursen eher bergauf geht. Die anstehenden technischen Entwicklungen sind sicher eine Erklärung dazu. 

Wie prognostizieren Sie die zukünftige Kursentwicklung?

Die Zukunftsaussichten sind positiv, sehr sogar. Immer mehr Geschäfte und Privatpersonen beschäftigen sich mit Bitcoin. Es wächst eine neue Generation heran, für die digitales Geld und die Möglichkeiten, die sich damit eröffnen, selbstverständlich sein wird. Unzählige institutionelle Anleger drängen in den Markt. Auch hier ist die Tendenz steigend.  Wir stehen aber noch ganz am Anfang, das Potential ist riesig. 

Wir stehen demnach kurz vom grossen Bitcoin-Durchbruch? Weshalb sind Sie so zuversichtlich?

Bitcoin hat sich etabliert. Es ist die Mutter aller Kryptowährungen, es gibt tausende Nachahmer. Besonders wichtig war Ethereum, die zweite grosse Blockchain. Mit Ethereum wurde nicht nur ein dezentrales Zahlungsmittel geschaffen, sondern man konnte darauf auch viel komplexere Applikationen programmieren, und alles dezentral. Täglich kommen neue Anwendungen dazu. 

Bitcoin ist komplett algorithmisch gesteuert. Wie funktioniert das?

Vergangene Transaktionen werden in Blöcke gepackt. Bei jedem Block gibt es neugeschöpfte Bitcoins. Das geschieht aufgrund eines programmierten Mechanismus und ist so codebasiert geregelt, dass die maximal angesteuerte Anzahl an Bitcoins endlich ist. Es gibt nicht unendlich Bitcoin. Heute sind zirka 18 Millionen Bitcoins im Umlauf und ungefähr 2140 wird die maximale Anzahl leicht unter 21 Millionen erreicht sein. Wenn es eine begrenzte Menge gibt, aber eine steigende Nachfrage, hat das einen positiven Effekt auf den Gegenwert. Der eigentliche Clou: Bitcoin erlaubte es zum ersten Mal, Werte digital zu transferieren, peer-to-peer, ohne einer Drittpartei. Auf der Bitcoin-Blockchain ist jede Transaktion, die es jemals gab, ersichtlich. Und sie ist unveränderbar – niemand kontrolliert Bitcoin. Dies ändert die Art, wie wir im digitalen Zeitalter Wert austauschen. 

Welche technologischen Entwicklungen werden Krypto in Zukunft prägen?

In der Blockchain-Technologie werden momentan grosse Fortschritte gemacht. Ethereum, zum Beispiel, durchläuft gerade eine grosse Renovation, auch Bitcoin selbst wird in sehr wesentlichen Teilen technisch modifiziert. Das sogenannte «dezentralisierte Finanzsystem» wird die Zukunft massgeblich mitprägen. 

Facebook lancierte unlängst Libra. Was ist das? 

Libra ist ein Husarenstück, das Anerkennung verdient. Mit Libra wurde der Welt schlagartig noch einmal bewusst, dass es so etwas wie Kryptowährung überhaupt gibt. Keine andere Kryptowährung hat die Diskussion derart befeuert wie Libra. 

Wie wird es Bitcoin beeinflussen?

Es ist leider nicht förderlich, dass ausgerechnet Facebook hinter Libra steckt. Facebook hat ein riesiges Reputationsproblem und eine katastrophale Geschichte im Umgang mit privaten Daten. Fakt ist aber auch, dass – trotz allem – über 2 Milliarden Menschen Facebook nutzen. Viele Nutzer leben mit der Tatsache, dass die Privatsphäre nicht wirklich respektiert wird. Die Intransparenz ist dabei ein grosses Problem. Und noch etwas: Libra hat mit einer dezentralen Währung nichts zu tun. 

Debatten zum Thema Bitcoin sind oft emotional. Warum bewegt Bitcoin die Gemüter?

Ich verstehe oft nicht, warum die Gemüter derart hochkochen. Aber diese Emotionalität kann auch darauf hinweisen, dass sich in diesem Thema etwas Wichtiges verbirgt. Glauben Sie mir, Bitcoin und die Blockchain-Technologie werden unsere Welt fundamental prägen. Und wir als Unternehmen wollen dabei eine führende Rolle spielen. 

Interview: Antonia Vogler

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