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3 Juni 2020

Daniel Albrecht: «Sucht euch Leute, die euch aufbauen – und nicht runterziehen».

Daniel Albrecht gehörte zu den grossen Namen im Schweizer Skizirkus. Doch im Jahr 2009 änderte sich sein Leben schlagartig: Bei einer Trainingsabfahrt im österreichischen Kitzbühel stürzte er beim Zielsprung so schwer, dass er sich ein Schädel-Hirntrauma zuzog. Wie er den Weg zurück ins Leben fand und wie er sich nach seiner Profikarriere neue Perspektiven erschloss, hat Albrecht «Fokus» verraten.

Daniel Albrecht, wie geht es Ihnen heute?

Es geht mir sehr gut, vielen Dank. Ich habe eine Familie gegründet und lebe in einem schönen Haus, zusammen mit meiner Frau, meiner Tochter und unseren beiden Hunden. Und auch geschäftlich habe ich mir einen neuen Weg geebnet: Mit meiner Firma «Mondhaus» bauen wir nachhaltige Wohn- und Lebensräume – für Mensch und Natur.

Das ist wirklich ein komplett anderes Metier als der Skisport.

Das stimmt. Zuerst habe ich nach meinem Unfall noch Rennen bestritten. Aber ich merkte natürlich irgendwann, dass meine Karriere in diesem Bereich zu Ende war. Darum wollte ich mich neu orientieren. Und ich hegte schon immer den Traum, ein eigenes Haus zu bauen. Bei uns im Wallis haben wir glücklicherweise noch ein bisschen Platz für Häuser (lacht). So kam ich darauf, mich in diesem Metier professionell zu verwirklichen.

Sie bauen nicht nur nachhaltige Walliser-Häuser, sondern erzählen im Rahmen von Vorträgen auch Ihre Geschichte.

Das ist richtig. Im Schnitt führe ich sechs bis sieben Vorträge pro Jahr durch. Vor allem zu Beginn war das auch eine Therapie für mich. Ich habe festgestellt, dass ich die Leute wirklich berühren konnte mit meinen Erlebnissen und habe viel positives Feedback erhalten. Wichtig war und ist mir dabei immer, dass ich an den Vorträgen meine Geschichte erzähle – nicht mehr, nicht weniger. Es handelt sich nicht um Seminare, bei denen ich den Leuten vorschreibe, wie sie mit schwierigen Situationen umgehen sollen. 

Kommen wir auf Ihre Geschichte zu sprechen: 2009 stürzten Sie in Kitzbühel mit 140 km/h und erlitten ein Schädel-Hirn-Trauma. Danach lagen Sie drei Wochen im Koma. Wie war es, als Sie wieder zu sich kamen?

Es war ein sehr befremdliches Gefühl, denn am Anfang weiss man gar nicht, was los ist und was mit einem geschieht. Ich musste mir selber Fragen stellen und Antworten suchen.

Aber Ihr Umfeld stand Ihnen da sicherlich zur Seite?

Ja, aber alles, was mir gesagt wurde, konnte ich nicht richtig einordnen. Es war so, als würde man in einer Fremdsprache mit mir kommunizieren. Mit der Zeit «taute» ich wieder auf und konnte das Gesagte verarbeiten.

Wie ging Ihre Genesung vonstatten?

Am Anfang macht man einfach das, was einem der Körper vorgibt. Diesbezüglich hatte ich Glück, denn mein Körper macht vieles automatisch richtig und sendet die entsprechenden Signale aus. Zum Beispiel gibt er Bescheid, wenn eine Pause nötig ist. Doch man muss auch in der Lage sein, die Signale des eigenen Körpers zu erkennen und richtig zu deuten.

Daniel Albrecht posiert vor einem Bergpanorama
Wie wirkt sich Ihre Verletzung heute aus?

Grundsätzlich geht es mir gut – doch der Sturz zog durchaus Folgen nach sich, die ich noch heute spüre. Zum Beispiel werde ich schneller müde als früher. Insbesondere Dinge, die nicht Teil meiner täglichen Routine sind, erschöpfen mich mehr und schneller. Das «Automatisieren» von Handlungen geht nicht mehr so einfach von der Hand, ich muss immer alles bewusst machen. Ich veranschauliche das gerne anhand des Treppenlaufens: Wenn man jeden Schritt bewusst machen muss, dann benötigt das extrem viel Energie. Dementsprechend bin ich froh, dass ich keinen Job habe, bei dem ich mit Zahlen jonglieren muss. Da wären meine Ressourcen nach ein paar Stunden aufgebraucht.

Wer stand Ihnen in dieser schweren Zeit zur Seite?

Ganz wichtig war meine heutige Frau, die damals noch meine Freundin war. Sie unterstützte mich immer und war meine erste und beste Hilfe. Später spürte ich auch, dass ich enorm viel Rückhalt und Unterstützung aus der Öffentlichkeit hatte. Das war bewegend und motivierend. Die Menschen in meinem engeren Umfeld hingegen taten sich mit der neuen Ausgangslage eher schwer.

Inwiefern?

Sie verglichen mich ständig mit dem Menschen, der ich vorher war. Und das kann einem das Gefühl vermitteln, dass man nicht mehr so gut ist wie früher. Gerade als Sportler ist das schwierig, weil man sich stets hohe Ziele steckt und generell grosse Ambitionen verfolgt. Das konnte ich auch nicht ganz loslassen: Direkt nach dem Unfall war für mich klar, dass ich gern Ski fahre und auch gut darin war – auch wenn ich anfangs gar nicht mehr wusste, auf welchem Niveau ich diesen Sport betrieben hatte. Ich wollte daher unbedingt wissen, ob ich noch Skifahren konnte und ob es mir immer noch Spass bereitete. Als ich dann zum ersten Mal wieder auf der Piste stand, merkte ich: Es ist noch immer ein fantastisches Gefühl. Ich fuhr später auch wieder am Weltcup mit, was eine wichtige und tolle Erfahrung für mich war. Doch ich musste mir auch eingestehen, dass es nicht mehr ganz reichte, um wirklich vorne mitzumischen.

Würden Sie im Nachhinein heute etwas anders machen, nach dem Unfall?

Vielleicht. Ich bin tatsächlich ein bisschen wütend auf mich. Mein ganzes Leben lang war es für mich immer enorm wichtig gewesen, selber über mein Leben bestimmen zu können. Aber nach dem Unfall war das sehr schwierig, weil mich viele Leute bremsen wollten. Das war mir anfangs egal. Leider habe ich den Fehler gemacht, zu denken, dass ich mich selber nicht mehr richtig einschätzen konnte. Darum liess ich mir von aussen vorschreiben, was ich tun sollte und wie ich vorzugehen habe. Das würde ich heute anders machen. Aus diesem Grund sind mir meine Selbstbestimmung sowie meine Selbstzufriedenheit heute noch wichtiger als früher. Meine Firma Mondhaus ist das perfekte Beispiel dafür: Ich habe mir damit meinen persönlichen Traum erfüllt. Es ist ein komplett neues Metier für mich und ich musste viel Selbstbewusstsein aufbringen, um diesen Schritt zu wagen. Und letztlich habe ich mein Vorhaben in die Tat umgesetzt. Ich habe mir die notwendigen Kontakte erschlossen, die passenden Experten ins Boot geholt und mit ihnen etwas extrem Spannendes entwickelt. 

Wie wichtig ist Ihr Familienleben für Sie?

Enorm wichtig! Als meine Skikarriere zu Ende ging, musste ich mir neue Ziele setzen. Ich dachte mir: Erfüll dir deinen Traum und bau dein Haus. Und weil meine Frau stets die wichtigste Person in meinem Leben war, ergab sich die Familiengründung ganz natürlich. Mittlerweile ist unsere Tochter drei Jahre alt. Mir ist es extrem wichtig, dass wir sie zu einem selbstständigen und selbstsicheren Mädchen erziehen. Auch wenn wir manchmal mit den Konsequenzen leben müssen, denn sie hat ihren eigenen Kopf (lacht). 

Zum Schluss: Was raten Sie Menschen, die derzeit mit einer eigenen Herausforderung zu kämpfen haben?

Das lässt sich nur schwer verallgemeinern, weil die Situation jeder einzelnen Person individuell ist. Ich kann daher nur sagen, was mir selber geholfen hat: Vertraut auf euch selbst und hört auf euren Geist und Körper. Das bedeutet nicht, dass man keine Unterstützung von aussen annehmen sollte, im Gegenteil. Aber sucht euch Leute, die euch aufbauen – und nicht runterziehen.

«Zur Person»

Daniel Albrecht wurde am 25. Mai 1983 in Fiesch geboren. 2003 wird der Skirennfahrer zu einem der erfolgreichsten Athleten in der Geschichte der Junioren-Weltmeisterschaft – er holt sich dreimal Gold und einmal Silber. 2007 wird er Weltmeister in der Superkombination und holt sich darüber hinaus Silber im Riesenslalom sowie Bronze in Teamwettbewerben. 2009 stürzt Albrecht bei einer Trainingsabfahrt mit 140 Km/h und wurde darauf drei Wochen lang im Koma gehalten. Ein Jahr später gab es bereits sein Comeback. Heute ist Albrecht Familienvater sowie Geschäftsführer der Firma Mondhaus, die sich auf den Bau nachhaltiger Häuser spezialisiert hat.

www.daniel-albrecht.ch

Interview: Matthias Mehl    
Bilder: Rob Lewis

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