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12 August 2020

Dissoziative Identitätsstörung: Ich bin nicht eine, sondern viele.

Das Phänomen der dissoziativen Identitätsstörung (DIS) ist den meisten hauptsächlich aus Büchern und Filmen bekannt. Doch wie sieht die Realität aus? Wie entsteht eine DIS und wie lebt es sich damit? «Fokus» hat nachgeforscht.

Oscars 1958. Joanne Woodward gewinnt für ihre Darstellung einer Frau mit DIS einen Oscar als beste Hauptdarstellerin. Einen Monat zuvor wurde sie bereits mit einem Golden Globe in derselben Kategorie geehrt. Während die Kritiken zum Film «The Three Faces of Eve» zwar eher gemischt ausfielen, wurde die Leistung der Hauptdarstellerin durchgehend hoch gelobt. 2016, rund sechzig Jahre später, lässt James McAvoy in «Split» als Entführer mit DIS Kinobesuchern weltweit das Blut in den Adern gefrieren und fasziniert gleichzeitig umso mehr. 23 verschiedene Persönlichkeiten in einem Menschen – eine schauspielerische Glanzleistung, die dem Hauptdarsteller ebenfalls mehrere Preise einbrachte.

Meistens falsch diagnostiziert und nicht erkannt

«The Three Faces of Eve» und «Split» sind nur zwei Beispiele, wie uns Werke der Popkultur immer wieder in den Bann ziehen. Warum eigentlich genau? «Der Gedanke, dass ein Mensch verschiedene Persönlichkeitsanteile in sich vereinen kann, lädt zu unrealistischen Vorstellungen und daraus folgend zu fiktiven Geschichten ein», meint Dr. Jan Gysi, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie. «Leider ist die Realität für Betroffene weit weniger spannend als in Film und Literatur oft dargestellt.» Es ist laut dem Experten davon auszugehen, dass die dissoziative Identitätsstörung etwa gleich häufig ist wie die Schizophrenie, wenn man sie richtig erkennt. «Das heisst, dass 0,5 bis 1 Prozent der Bevölkerung daran leiden könnte. Meistens wird die dissoziative Identitätsstörung von Fachleuten jedoch falsch diagnostiziert und nicht erkannt», berichtet Dr. Jan Gysi.

Gemäss aktuellem Stand der Forschung müssen wir davon ausgehen, dass eine dissoziative Identitätsstörung nach schwerster Gewalt bis zum circa 14. Lebensjahr auftritt

Dr. Jan Gysi
Auftreten nach schwerster Gewalt

Bei DIS handelt es sich aber keineswegs um ein Produkt der Unterhaltungsindustrie. Denn obwohl das Phänomen zwar aufgrund der Darstellung in Unterhaltungsmedien einen hohen Bekanntheitsgrad geniesst, ist immer noch vieles darüber unbekannt. Wie beispielsweise die Ursache für das Auftreten. «Gemäss aktuellem Stand der Forschung müssen wir davon ausgehen, dass eine dissoziative Identitätsstörung nach schwerster Gewalt bis zum circa 14. Lebensjahr auftritt», erläutert Dr. Jan Gysi. Die Aufspaltung sei eine psychische Notlösung, um wiederholte schwere Gewalt zu überleben. «Bei der Diagnose einer dissoziativen Identitätsstörung sollten gemäss aktuellem Forschungsstand eigentlich Kindes- und Erwachsenenschutzbehörden sowie Polizei und Justiz aktiv werden. Dies, da bei korrekter Diagnose durch eine speziell ausgebildete psychologische Fachperson von schweren Offizialdelikten in der Vergangenheit ausgegangen und beispielsweise nach weiteren Opfern im Umfeld gesucht werden sollte.»

Massive Kritik trotz Welterfolg

Dass die breite Masse DIS lediglich aus Filmen und Büchern kennt, hat ernsthafte Konsequenzen für die Betroffenen. Auch, wie sie von anderen wahrgenommen werden. Besonders gut illustrieren lässt sich dies mit «Split». Zwar avancierte der Film zum Kassenschlager, zog zugleich aber auch Kritik von Menschen mit DIS auf sich. Allen voran die US-amerikanische Psychologin Michelle Stevens, die seit ihrer Kindheit von DIS betroffen ist. In einem offenen Brief kritisierte sie «Split»-Regisseur M. Night Shyamalan für die Darstellung eines DIS-Betroffenen. Sie sei gezwungen, mit einem Stigma zu leben, dass durch Filme wie «Split» erschaffen werde. Solche Filme seien der Hauptgrund dafür, dass viele glauben, Menschen mit DIS seien gemeingefährliche Monster. Doch das Gegenteil sei der Fall. Michelle Stevens argumentierte damit, dass die Ursache von DIS eine Vorgeschichte von schwerem und wiederholtem Kindesmissbrauch sei. In Wahrheit seien Betroffene Opfer unvorstellbarer Gewalt, die durch solche Darstellungen nur noch mehr zu leiden haben. 

Keine Gefahr für andere

Während wir in Werken wie «Split» Menschen mit DIS als gemeingefährlich erleben, sieht diesbezüglich die Realität vollkommen anders aus. «Gemäss Forschung geht von Menschen mit dissoziativer Identitätsstörung keine spezielle Gefahr aus», bekräftigt Dr. Jan Gysi. «Erfahrungsgemäss richten Betroffene ihre Wut gegen sich selbst und nicht gegen andere Menschen. Im Gegenteil, Menschen mit dissoziativer Identitätsstörung sind selbst schwer verletzt worden und brauchen unser Mitgefühl und unsere Unterstützung auf dem Weg zur Heilung.»

Über die Anzahl Persönlichkeitsanteile

Um bei «Split» zu bleiben: Hier beherbergt die Hauptfigur 23 verschiedene Persönlichkeiten – realistisch oder nur eine weitere Erfindung Hollywoods? «In der Realität sind es meist etwa fünf bis maximal zehn Anteile, welche im Alltag oder in Notsituationen die Kontrolle übernehmen können», so Dr. Jan Gysi. Daneben könne es viele weitere Anteile mit schlimmen Erinnerungen geben, die aber nach aussen nicht sichtbar werden. «Die Zahl solcher Anteile kann auch höher als 23 liegen», führt der Experte weiter aus. Zudem seien oft nicht alle Persönlichkeitsanteile in der Lage, die Kontrolle über die Handlung zu übernehmen. Die Anzahl Persönlichkeitsanteile korreliere letzten Endes vermutlich oft mit der Schwere der erlittenen Gewalt.

In der Realität sind es meist etwa fünf bis maximal zehn Anteile, welche im Alltag oder in Notsituationen die Kontrolle übernehmen können.

Dr. Jan Gysi
Alltag mit DIS

Man wacht an einem fremden Ort auf und weiss nicht, wie man dahin gekommen ist. Oder findet Notizen von sich auf, hat aber keine Ahnung, wann und warum man diese verfasst hat. Aussenstehende können sich ein Leben mit DIS nur schwer vorstellen. Wie erleben es Betroffene? «Für Betroffene ist der Alltag mit einer unbehandelten dissoziativen Identitätsstörung sehr belastend, auch wenn viele Betroffenen diese Belastung gegen aussen kaum zeigen oder verharmlosen», bestätigt auch der Experte. «Gemäss Forschung wissen wir, dass viele zusätzlich an Depressionen oder anderen psychischen Erkrankungen wie Essstörungen und Sucht leiden. Die Nächte von Betroffenen sind von posttraumatischen Albträumen geprägt, ihr Selbstbild ist oft von Selbsthass und Selbstabwertung mit Selbstverletzungen geprägt, und sie leiden an Erinnerungslücken im Alltag.»

Dies sei aber nur eine kleine Auswahl an Symptomen, viele andere Einschränkungen kämen noch hinzu. Dennoch gibt es für Betroffene eine gute Nachricht, denn DIS gilt heute als behandelbar. «Die Behandlung dauert aber in der Regel mindestens circa zehn Jahre und man muss sie auf die Bedürfnisse der Betroffenen anpassen. Wir nennen dies eine störungsspezifische Behandlung.» Mit einer normalen Psychotherapie lasse sich die Störung laut dem Experten nicht behandeln. Sie würde dann bestenfalls stabilisiert und chronifiziert.

Text Lars Gabriel Meier

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