Interview Porträt

50 Persönlichkeiten in einem Menschen – eine Betroffene erzählt

10.08.2020
von Lars Meier

In Leonie* leben 50 verschiedene Persönlichkeiten. Seit ihrer Kindheit lebt die junge Frau mit der sogenannten dissoziativen Identitätsstörung (DIS) – ausgelöst durch ein Erlebnis, das sich kaum in Worte fassen lässt. Ein Portrait, was nicht nur eine aussergewöhnliche Lebensgeschichte umfasst, sondern auch in Abgründe unserer Gesellschaft blickt und auf Missstände aufmerksam machen will.

Leonie ist Ende 20 und lebt irgendwo in Deutschland. Sie ist berufstätig und hat wie jeder andere Mensch Wünsche, Ziele und Träume. In der Schule wurde sie gemobbt. Oft hat man ihr gesagt, sie sei schwer erziehbar und wurde mit der Diagnose ADHS abgestempelt. Nach der Schule hat sie relativ schnell eine Ausbildung in einem Beruf begonnen, in dem sie noch heute tätig ist.

Ein Leben mit 50 verschiedenen Persönlichkeiten

Bis hierher könnte man meinen, Leonie hatte es zwar oft schwer, konnte sich aber dennoch beweisen. Doch die junge Frau ist anders als andere: Sie lebt mit einer dissoziativen Identitätsstörung (DIS). In ihr leben 50 verschiedene Persönlichkeiten. Ausgelöst wurde die Erkrankung durch eine Erfahrung in Leonies Kindheit, die nahezu jegliche Vorstellungskraft übersteigt.

In den Fängen des Bösen

«Ich war in einen Pädophilenring geraten, dessen Mitglieder sich auf Kinderprostitution spezialisierten», erzählt die junge Frau. «Im Zuge dessen wurde ich gegen Geld für Sex verkauft.» Erinnerungen an diese Zeit hat sie keine mehr. Sie wisse nur, was ihr andere erzählt haben. «Wenn du mich jetzt fragen würdest, wie meine Kindheit war, würde ich sagen, sie war okay. Zwar nicht traumhaft schön, aber dennoch okay.» Dennoch weiss sie, dass dem überhaupt nicht so war. Immer wieder erfährt Leonie neues über diese Zeit. «Ich habe beispielsweise eine Blitznarbe am Körper. Während meiner Therapie wurde mir klar, dass diese von einem Elektroschock herführen muss.»

Ich war in einen Pädophilenring geraten, dessen Mitglieder sich auf Kinderprostitution spezialisierten. Im Zuge dessen wurde ich gegen Geld für Sex verkauft. Leonie*

Niemanden fiel es auf

Obwohl die DIS Leonie bereits nahezu ihr ganzes Leben begleitet, wurde die Erkrankung erst vor einem Jahr bei ihr diagnostiziert. Das Unfassbare: Bereits zuvor ist die junge Frau oft aufgrund von Depressionen in Therapie gewesen – bei verschiedenen Ärzten. Niemand kam darauf, dass bei Leonie eine DIS vorliegen könnte. «Die Erkrankung ist tatsächlich sehr schwer zu erkennen», räumt Leonie ein. Oft werde fälschlicherweise das Borderline-Syndrom oder eine Schizophrenie diagnostiziert. «Wenn du einem Neurologen erzählst, du hörst Stimmen, sagt dieser direkt, dass du schizophren bist», hält die junge Frau fest.

Wenn du einem Neurologen erzählst, du hörst Stimmen, sagt dieser direkt, dass du schizophren bist. Leonie*

Eine klare Diagnose

Erst als Leonie aufgrund eines Umzugs an eine neue Therapeutin geriet, war der Fall klar. Später wurde die Diagnose von mehreren Ärzten bestätigt. Leonie erzählt: «Ich wollte mir einfach hundertprozentig sicher sein.» Aufgrund ihrer mehr als schlimmen Erfahrung seien auch so viele ihrer Persönlichkeitsanteile sexueller Natur, wie sie erzählt. Im gesamten sind die 50 Anteile aber breit gefächert. «Wir sind sehr unterschiedlich. Darunter hat es viele Kinder, doch es gibt wirklich alles – vom Kleinkind über den Teenie bis hin zum Erwachsenen», berichtet Leonie.

Ein Leben voller Wendungen

«Die DIS ist bei mir im Moment relativ gut unter Kontrolle, was auch auf viel Therapie zurückzuführen ist», erzählt Leonie weiter. «Es kann aber immer sein, dass neue Anteile von der einen Sekunde auf die andere zum Vorschein kommen.» Da alle ihre Persönlichkeiten von Grund auf komplett verschieden sind, kommt es in Leonies Alltag immer wieder zu speziellen Situationen. Sie berichtet: «Die Geschmäcker sind beispielsweise ganz unterschiedlich. Es gibt etwa Persönlichkeiten, die sich weigern, Fleisch zu essen. Ich aber liebe Fleisch, besonders Steaks.» So sei es ihr auch schon passiert, dass im Restaurant eine andere Persönlichkeit für sie bestellt hat und sie dann statt eines Steaks einen Salat serviert bekam.

Es gibt etwa Persönlichkeiten, die sich weigern, Fleisch zu essen. Ich aber liebe Fleisch, besonders Steaks. Leonie*

Den Kleiderschrank aufmachen und darin Klamotten findet, die man nie gekauft hat – für Leonie keine Seltenheit. «Auch Frisuren sind so ein Ding», führt sie aus. «Die Jungs machen sich gerne Gel in die Haare, die Mädels greifen zu Haarspray und tragen die Haare lieber offen.» Besonders auf Fotos sei der Unterschied jeweils unübersehbar.

Auf der Suche nach Erklärungen

Besonders in Erinnerung ist Leonie auch folgendes Erlebnis geblieben: «Eines Tages hatte ich künstliche Fingernägel. Das konnte ich mir überhaupt nicht erklären, weil ich jemand bin, der an den Fingernägeln knabbert. Da war irgendeiner meiner Anteile im Nagelstudio und hat sich die Nägel machen lassen.»

Eines Tages hatte ich künstliche Fingernägel. Das konnte ich mir überhaupt nicht erklären. Leonie*

Oft kommt es auch vor, dass Leonie von Leuten angesprochen wird, die sie gar nicht kennt – weil es einer ihrer Persönlichkeitsanteile war, der mit ihnen in Kontakt gekommen ist. Wachte sie bereits in ihrer Jugend an Orten auf, die sie nicht kannte, erklärte sie sich dies anderweitig: «Ich dachte, Alkohol sei die Ursache. Jeder hat mal einen Filmriss, ich vielleicht öfters als andere. Ist doch aber ganz normal.» Später habe sie sich eingeredet, sie sei halt verpeilt und vergesslich.

Vorwürfe statt Unterstützung

Um Laien eine DIS zu erklären, greift Leonie gerne auf eine bildhafte Erklärung zurück: «Stell dir vor, du gehst in die Küche und stösst dir den Fuss am Kühlschrank. Dann gehst du ins Wohnzimmer, hast das Ganze aber bereits wieder vergessen. Du merkst zwar, dass dir der Fuss wehtut, hast aber keinen blassen Schimmer, warum.

Dennoch tun sich Aussenstehende häufig schwer mit dem Erkrankungsbild. Oft werde Betroffenen vorgeworfen, sie würden nur simulieren, wie Leonie bestätigt: «Mit Gehirnscans kann man eine DIS zweifellos erkennen. Trotzdem heisst es oft, es sei alles nur Schauspielerei.» Das Misstrauen sei das Schlimmste, denn die Betroffenen bräuchten stattdessen Hilfe und Unterstützung.

Verzerrtes Bild

Weiterhin haben Laien aufgrund von Werken der Popkultur ein verzerrtes Bild der Erkrankung: «Ich werde keineswegs zu einer Gefahr für Aussenstehende, so wie es etwa in ‹Psycho› oder ‹Der seltsame Fall des Dr. Jekyll und Mr. Hyde› der Fall ist», hält Leonie entschieden fest. «Es gibt zwar durchaus Anteile, die nicht nett sind. Die sagen dann vielleicht etwas Gemeines und sind unfreundlich, werden aber auf keinen Fall handgreiflich oder aggressiv.»

Es gibt zwar durchaus Anteile, die nicht nett sind. Die sagen dann vielleicht etwas Gemeines und sind unfreundlich, werden aber auf keinen Fall handgreiflich oder aggressiv. Leonie*

Leonie erlebt aufgrund der DIS zwar Einschränkungen, betont aber, dass es sich bei ihr um ein gut organisiertes System handelt. «Ich habe vier bis fünf Alltagspersönlichkeiten. Ein Mann Mitte 30 geht beispielsweise arbeiten und kümmert sich auch um Papierkram und ähnliches. Eine Frau kocht, und eine andere sorgt dafür, dass die Wohnung sauber bleibt», erzählt Leonie. Auf diese Weise habe jeder seine persönliche Aufgabe.

Wie kann man als aussenstehende Person Betroffenen helfen? Auf diese Frage hat Leonie eine klare Antwort: «Verhaltet euch ganz normal und behandelt uns nicht anders als andere Menschen.» Zudem verweist sie auch auf die positiven Seiten einer DIS: «Betroffene sollen sich auch freuen. Denn wir haben in unseren Systemen Beziehungen mit ganz vielen Menschen. Egal, welche Herausforderung ansteht: Wir können viel und sind auf alles vorbereitet. Irgendjemand kommt immer gut zurecht.» Ebenso fühle sie sich praktisch nie einsam oder alleine.

Das Leben ist eine Lüge

Trotz der positiven Seiten wird Leonie nachdenklich. «Es ist halt ein richtiger Schock. Dein ganzes Leben ist plötzlich eine Lüge», beginnt sie. «Alles, was man zu wissen geglaubt hat, fällt plötzlich zusammen wie ein Kartenhaus.» Die Frage: «Wer bin ich eigentlich überhaupt?» wird zum ständigen Begleiter.

Und obwohl sie keinerlei Erinnerung mehr an ihre schlimme Vergangenheit hat, kommen häufig wieder Bruchstücke zum Vorschein. «Alltagsmomente können Trigger sein, die einen Flashback zur Folge haben», fängt Leonie an. Das könne ein Geruch sein oder eine Berührung an der Schulter. «In der Öffentlichkeit ist es sehr schwierig. Wenn ich im Bus sitze und eines der Kinder übernimmt die Kontrolle und fängt an zu schreien, halten mich die Leute dann für geistig behindert.»

Es ist halt ein richtiger Schock. Dein ganzes Leben ist plötzlich eine Lüge. Leonie*

Leonie ist ein gutes Beispiel dafür, dass eine DIS oft als Schutzmechanismus entsteht. «Wenn ein Kind etwas Schlimmes erlebt, ist die Reaktion der Psyche: «Nein, das bin nicht ich.» Im Zuge dessen kommt es zu einer Abspaltung und neue Persönlichkeitsanteile entstehen.»

Starke Konditionierung

Wie bereits erwähnt, entsteht eine DIS in den meisten Fällen bereits im Kindesalter. So wie auch bei Leonie. «Bei mir sind die meisten Persönlichkeitsanteile bis zu meinem zehnten Lebensjahr entstanden», erzählt Leonie. «Danach fast keine mehr.» Das Trauma führt auch in der Therapie immer wieder zu besonderen Situationen: «In der Therapie ziehen sich beispielsweise die Kinderanteile aus, weil die das gelernt haben. Man muss ihnen dann erklären, dass sie das nicht mehr machen müssen.» Es gebe auch Anteile in ihr, die zurück in die Traumasituation möchten. «Sie sind halt sehr stark konditioniert, so wie Roboter», meint Leonie.

Wie geht das Umfeld der jungen Frau mit der Erkrankung um? Leonie berichtet: «Meine engen Freunde wissen von der DIS und kommen auch gut damit klar. Doch meine Familienmitglieder tun sich schwer damit. Denn es impliziert aus ihrer Sicht, dass sie damals nicht gut auf mich aufgepasst haben. Sie wollen nicht viel mit der Erkrankung zu tun haben.»

Hohe Dunkelziffer

Heute ist die Wissenschaft auf einem anderen Stand als damals. Ist es für Betroffene somit leichter? «Nein», sagt Leonie entschieden. Immer noch werde die Krankheit zu wenig erkannt – wie sie es selbst erlebt hat. Auch Situationen, die sie selbst erlebt hat, sind immer noch präsent. Die junge Frau weiss: «Die Täterkreise sind grösser, als viele Leute sich das vorstellen können. Es sind richtige Netzwerke. Wenn wir Kinderprostitution hören, schauen viele nach Kambodscha oder Afrika. Doch am häufigsten ist es in Deutschland der Fall.» Statistiken und Zahlen belegen dies, betont Leonie.

Wenn wir Kinderprostitution hören, schauen viele nach Kambodscha oder Afrika. Doch am häufigsten ist es in Deutschland der Fall. Leonie*

«Es gibt einen richtigen Markt in Deutschland für Kinderhandel. Dieser ist weltweit doppelt so gross wie der für Waffen. Man muss sich das vor Augen führen: Es werden mehr Kinder als Waffen verkauft!» Pro Schulklasse leiden statistisch somit zwei Kinder unter Missbrauch. «Ich würde diese Zahl aber locker verdoppeln und verdreifachen», betont Leonie. Viele Leute würden wegschauen, somit werde das Thema auch völlig unterschätzt.

Darum liegt es der jungen Frau am Herzen, solche Taten aufzudecken. «Es ist mir wichtig, allgemein genauer hinzuschauen», sagt Leonie. «Dass Eltern und Lehrkräfte beispielsweise ein besonderes Augenmerk darauflegen, wie sich Kinder verhalten. Wer oft total verträumt ist, ständig die Hausaufgaben vergisst, kann – muss aber nicht – unter Missbrauch stehen.» Bei genauem Hinsehen könnte man eine mögliche DIS bereits viel früher erkennen.

Zukunftspläne

Ihre Vergangenheit wird Leonie ihr Leben lang begleiten. Für die Zukunft hat sie bereits Pläne, wie sie erzählt: «Ich würde gerne studieren.» Auf die Frage, was, hat sie eine klare Antwort parat. «Psychologie natürlich, was sonst!» Sie lächelt. «Ich will mich selber besser verstehen und anderen Betroffenen gerne helfen. Denn ich würde behaupten, dass ich ein Positivbeispiel bin. Die meisten Leute mit einer DIS haben beispielsweise sogar Mühe ganze Sätze zu formulieren. Bei mir ist sie aber wie bereits gesagt dank einer erfolgreichen Therapie weitgehend unter Kontrolle.»

Leider haben nicht alle Betroffene dieses Glück. Eine DIS ist weit mehr als eine Erkrankung. Es ist auch, wie das Gespräch verdeutlicht hat, oft auch ein Abbild der Abgründe unserer Gesellschaft. Bereits indem wir genauer hinschauen, können wir bereits einen wichtigen Teil im Umgang mit einer DIS beitragen.

*Name geändert

In einem anderen Artikel hat uns ein Experte einen weiteren Einblick in das Thema gegeben. Den Artikel gibt es hier.

Text Lars Gabriel Meier

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