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9 August 2020

Regretting Motherhood: Wenn Frauen das Muttersein bereuen.

Eine Mutter zu sein, ist das grösste Glück im Leben einer Frau – so jedenfalls vermittelt es uns die Gesellschaft. Was aber, wenn klar wird, dass man das Muttersein bereut? Seit 2015 existiert eine eigene Bezeichnung für dieses Phänomen: Regretting Motherhood. Was hat sich in den letzten fünf Jahren diesbezüglich verändert und wie wirkt sich das Bereuen der Mutterschaft auf ein Kind aus?

«Ich fühle mich in der Mutterrolle nicht wohl. Vielmehr empfinde ich sie als Gefangenschaft.» «Mutterschaft habe ich mir ganz anders vorgestellt. Sie erfüllt mich nicht.» «Ich kann zu meinem Kind einfach keine Bindung aufbauen, geschweige denn Liebe ihm gegenüber aufbringen.» Diese Sätze können fallen, wenn es um «Regretting Motherhood» geht. Das Phänomen bezeichnet Mütter, welche ihre Mutterschaft bereuen – ein gesellschaftliches Tabuthema. Erst seit 2015 hat die Angelegenheit einen Namen. Er geht auf die gleichnamige Studie der israelischen Soziologin Orna Donath zurück. Im Zuge dieser führte sie Interviews mit 23 Landsfrauen, welche ihre Mutterschaft bereuen.

Eine israelische Studie, aber eine deutsche Debatte

In Israel veröffentlicht, löste die Studie aber im mehrere tausend Kilometer entfernten Deutschland eine nie zuvor dagewesene Debatte aus. Während in Israel «Regretting Motherhood» nur etwa eine Woche für Furore sorgte, hielt die Debatte in Deutschland über mehrere Monate hinweg an. Beiträge mit dem Hashtag #regrettingmotherhood fluteten die sozialen Medien; in Foren tauschen sich bis heute Betroffene aus. 

In Israel veröffentlicht, löste die Studie aber im mehrere tausend Kilometer entfernten Deutschland eine nie zuvor dagewesene Debatte aus.

«Regretting Motherhood» erobert die Popkultur

Es dauerte nicht lange, bis weitere Werke auf die Studie folgten: Im Februar 2016 veröffentlichte Sarah Fischer mit «Die Mutterglück-Lüge» ihre eigene Erfahrung mit dem Bereuen von Mutterschaft. Noch im selben Monat legte die Journalistin Esther Göbel ihr Buch «Die falsche Wahl: Wenn Frauen ihre Entscheidung für Kinder bereuen» vor, in dem sie die gesellschaftlichen Hintergründe beleuchtet. Das Phänomen fand sogar seinen Weg in die Popkultur: So bezeichnet Bestsellerautorin Charlotte Roche ihren 2015 erschienenen Roman «Mädchen für alles» als Verarbeitung von Orna Donaths Studie. Auch «Lasse» von Verena Friederike Hasel nimmt sich dem Phänomen an und schildert es in einer fiktiven Erzählung.

Mütter unter Druck

Paula Diederichs aus Berlin ist Sozialpädagogin, Therapeutin für Körperpsychotherapie sowie Trainerin und Supervisorin mit dem Spezialgebiet Schwangerschaft, Geburt und frühe Kindheit. Sie berichtet: «Vor einigen Jahren war Orna Donath hier in Berlin. Sie hat erzählt, dass israelische Frauen nochmals unter einem ganz anderen Druck stehen, wenn es um das Gebären von Kindern geht. Im Zuge dessen wird sie öffentlich massiv kritisiert; Zustimmung erhält sie nur anonym.» Um die Kritik zu verstehen, muss man aber etwas tiefer graben. Grund ist ein festes Erwartungsbild, das wir in uns tragen. «Das Thema Mutterschaft geht oftmals mit einer Art Heiligenschein einher. Mutterschaft wird immer als etwas Gutes und Tolles dargestellt», so Paula Diederichs. Nichtsdestotrotz sei dieses Bild ein Mythos. «Denn es gibt auch eine dunkle Seite der Mutterschaft – eben jene, bei der sich die Frau nicht mit der Mutterrolle identifizieren kann oder sogar ihr Kind nicht haben möchte», wie die Expertin ausführt.

Ein idealisiertes Bild

Dieses idealisierte Bild sei auch der Grund, wieso «Regretting Motherhood» ein Tabuthema ist. «Jede Mutter möchte eine gute Mutter sein, wenn nicht die beste, denn dies ist verhaltensbiologisch fest in uns verankert», weiss die Expertin. Gelingt dies nicht, kommt es zu massiven Konflikten – nicht nur mit sich selbst, sondern auch seitens der Gesellschaft. «Wir leben in einer Leistungsgesellschaft. Mutterschaft erfordert Leistung, auch wenn nicht auf eine lineare Art und Weise wie es in der Berufswelt der Fall ist», fasst Paula Diederichs zusammen.

Väter bereuen auch

«Regretting Fatherhood» findet vergleichsweise wenig bis keine Beachtung. Auch hier liegt der Grund in der Verhaltensbiologie. «Da die Frauen die Kinder austragen, ist diese Beziehung von Anfang an viel enger und intensiver. Weiterhin lautet der ganz pauschale Tenor so, dass Männer eher ungern über Gefühle sprechen», kommentiert Paula Diederichs. «Es ist zudem wichtig zu betonen, dass Väter aber nicht weniger Emotionen dieser Art in Bezug auf ihre Vaterschaft hegen können.» Auch sei Mutterschaft in der Forschung viel präsenter als Vaterschaft.

Licht im Dunkel

«Wenn man ein Tabuthema ins Licht rückt, bringt dies stets gesellschaftliche Prozesse in Gang», hält Paula Diederichs fest. «Der Studie ist grosse Wichtigkeit zuzuschreiben, denn sie hat auch mehrere Preise gewonnen und das öffentliche Bewusstsein gefördert.» Nichtsdestotrotz kann die sie auch Verunsicherung hervorrufen. Frauen, die Mutter werden wollen, können durch «Regretting Motherhood» verunsichert werden, ob sie wirklich für die Mutterrolle geschaffen sind. «Eine grosse Rolle spielt das derzeitige Lebenskonzept. Denn das Leben mit Kindern stellt eine einschneidende Veränderung dar», so die Expertin.

Besonders strukturierte Menschen können damit hadern. «Der Alltag mit Kindern gleicht oft dem ‹Prinzip Chaos›: Man kann zwar Pläne schmieden, muss aber damit rechnen, dass diese über den Haufen geworfen werden.» Zudem bedeutet Erfolg im Job nicht unbedingt auch Erfolg als Mutter. So gäbe es gemäss der Expertin Fälle, in denen Frauen berichten: «Ich leite ein Unternehmen mit mehreren hundert Mitarbeitenden, stosse aber in der Mutterrolle an meine Grenzen.»

Ich leite ein Unternehmen mit mehreren hundert Mitarbeitenden, stosse aber in der Mutterrolle an meine Grenzen.

Müttern helfen

Wie kann man Müttern helfen, die das Muttersein bereuen? «Es ist wichtig, die Gefühle ernst zu nehmen, darüber zu sprechen und keineswegs zu verurteilen», rät Paula Diederichs. Zudem ist es wichtig, mögliche Gründe für das Empfinden zu klären. Ist es der Job, der mir fehlt? Fühle ich mich eingeschränkt, fremdbestimmt? «Man kann auch eine Art Konzept entwickeln, damit die Mutter sich besser fühlt – etwa, dass das Kind an bestimmten Tagen von jemand anderem betreut wird. Reicht das nicht, gibt es natürlich auch drastischere Massnahmen. Paula Diederichs berichtet: «Ich hatte einmal Kontakt mit einer Frau, die ernsthaft darüber nachgedacht hat, das Kind zur Adoption freizugeben.»

Warum das Kind Schaden nimmt

Wie geht man vor, um dem Kind wenn möglich keinen Schaden zuzufügen? «Das ist per se nicht möglich», antwortet die Expertin entschieden. «Lehnt eine Mutter ihr Kind ab, gilt es, authentisch damit umzugehen. Denn das Kind spürt die Ablehnung. Vermittelt man aber den Eindruck, alles sei in bester Ordnung, dann verunsichert dieser ambivalente Bindungsstil das Kind.» Man solle die Mutter ermutigen, zu ihren Gefühlen zu stehen und in den Momenten, in denen sie Liebe spürt, ihm diese auch entgegenbringen kann. «Es ist wichtig, dass das Kind auch von Bezugspersonen betreut wird, bei denen es sich wohl fühlt», führt Paula Diederichs aus. Das Schlimmste sei, wenn man die negativen Gefühle totschweigt.

Ich hatte einmal Kontakt mit einer Frau, die ernsthaft darüber nachgedacht hat, das Kind zur Adoption freizugeben.

Paula Diederichs
Synchronisierung oder Animation

«Regretting Motherhood» verformt so auch die Psyche des Kindes. Das Kind stellt sich die Frage: «Was habe ich an mir, dass meine Mama mich nicht liebt?» «Das Selbstbild verformt sich im Zuge dessen», ergänzt die Expertin. «Bei depressiven Müttern und ihren Kindern ist folgendes zu beobachten: Entweder synchronisiert das Kind den Zustand oder es versucht, die Mutter zu animieren. Was eintritt, hängt entscheidend vom Charakter des Kindes ab.»

Über seine Gefühle zu sprechen ist das A und O. Dass es ein Tabuthema darstellt, macht es noch schwieriger. Doch genau deswegen ist ein offener Diskurs umso wichtiger. Denn wie eingangs erwähnt, hängt das Phänomen auch entscheidend von dem Bild ab, dass die Gesellschaft von Müttern hat. Dieses zu durchbrechen, ist ein erster Schritt. Orna Donath hat mit ihrer Studie eine Tür geöffnet – hindurchgehen müssen wir aber selber.

Text Lars Gabriel Meier

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