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Zürich
23 November 2020

Das Velo ist ein zentraler Baustein der Mobilität von morgen.

«Alles fährt Velo»: Im Jahr 2020 ist dieser Slogan wohl aktueller als jemals zuvor. Sei es weil das Velofahren praktisch ist, wenig Platz benötigt, gut fürs Klima ist, die eigene Gesundheit fördert, naturnahe Erlebnisse ermöglicht oder ganz einfach dem Zeitgeist entspricht: Was sich bereits in den letzten Jahren immer mehr abzeichnete, wird in Zeiten von Covid-19 nochmals deutlich verstärkt. Das Velo ist auf der Überholspur.

Es sind überall mehr Velofahrende unterwegs, sowohl im Freizeit- als auch im Alltagsverkehr. Ausflüge mit dem Velo liegen im Trend, Veloreisen werden verkauft wie selten zuvor, die SchweizMobil-Routen werden intensiv genutzt. Günther Lämmerer, Geschäftsführer von Eurotrek und Anbieter von Touren im Veloland Schweiz: «Diesen Sommer hatten wir so richtig Betrieb. Die Veloland-Routen sind in den Fokus gerückt wie noch nie». Auch die Veloindustrie boomt, die Produktion kommt der Nachfrage kaum nach. Viele Velokäufe erfolgten nach dem Motto «Jetzt erst recht», indem sich Kunden zum Beispiel ein tolles E-Bike gegönnt haben. All dies könnte ein Indiz für ein neues Mobilitätsverhalten und eine geänderte Verkehrsmittelwahl sein. «Die Mobilität wird lustvoller und effizienter, gerade auch das E-Bike ist eine Chance für ein besseres Unterwegssein», äussert sich Reto Meyer, Geschäftsführer des Schweizer Veloherstellers Tour de Suisse.

Doch ist unser Verkehrssystem für diese markant gestiegene Velonachfrage bereit? Ein Blick in die nähere und weitere Umgebung zeigt, dass Handlungsbedarf besteht. 

Die Infrastruktur: grosser Handlungsbedarf

«Konflikte zwischen E-Bikes und Velos», «Parkplatzchaos an Bahnhöfen», «50 Prozent mehr Mountainbikeunfälle als im 2019». «Velohelmpflicht für E-Bikes»: Solche Schlagzeilen suggerieren, dass Velofahren Konflikte erzeugt und zudem gefährlich ist. Dies ist nicht nur problematisch, sondern auch falsch. Indem man Velofahren als Risiko und gefährlich darstellt, verkennt man die Ursachen der Probleme. Damit wird man dem grossen Zukunftspotenzial des Velos nicht gerecht. 

Infrastruktur

Eine attraktive, sichere und zusammenhängende Infrastruktur ist das beste und effizienteste Mittel, um die Velonutzung zu fördern. Heute sieht jedoch die Realität zu oft noch anders aus: Radwege, die abrupt enden, schmale Radstreifen, wo ein Cargo-Bike kaum Platz hat, Kreuzungen, wo Velofahrende zwischen Lastwagen einspuren müssen, gemeinsam mit Fussgängern genutzte Verkehrsflächen und fehlende Veloabstellplätze an Bahnhöfen und in Einkaufszentren. Solche Beispiele zeigen, dass der Handlungsbedarf gross ist. «Mit dem Bundesbeschluss Velo und dem nationalen Veloboom muss man in die Infrastruktur investieren. Nun müssen Taten folgen», so Kathrin Hager, Präsidentin der Velokonferenz Schweiz, der nationalen Fachorganisation für Veloverkehrsplanung.

Raum für das Velo

Eine Steigerung der Velonutzung wird nur möglich sein, wenn sich ein Grossteil der Bevölkerung sicher und direkt von A nach B bewegen kann. Was fehlt? «Die Veloinfrastruktur muss besser, sicherer, breiter, homogener und einfacher werden», so Urs Walter vom Bundesamt für Strassen ASTRA. Damit das Velo als umweltfreundliches, platzsparendes und kostengünstiges Verkehrsmittel zum Tragen kommt, benötigt es mehr Platz, in Form von separaten, genügend breiten Spuren und einer vermehrten Trennung vom motorisierten Verkehr. Kurzum: Die Raumaufteilung muss man zugunsten des Veloverkehrs ändern. 

Mit dem Bundesbeschluss Velo und dem nationalen Veloboom muss man in die Infrastruktur investieren. Nun müssen Taten folgen.

Kathrin Hager
Mehr Velonutzung und mehr Lebensqualität für alle

Dies ist keineswegs revolutionär und in vielen ausländischen Ländern und Städten längst Realität. Vorzeigebeispiele in den Niederlanden und Dänemark zeigen, was sich mit einer durchdachten und konsequenten Veloinfrastruktur erreichen lässt: Mehr Velonutzung und mehr Lebensqualität für alle. Zusätzlichen Schwung gab es aufgrund von Covid-19: International gibt es zahlreiche Beispiele für rasch und unbürokratisch umgesetzte, provisorische Velomassnahmen. Auch in der Romandie bewegte sich einiges, im Gegensatz zur Deutschschweiz: im Kanton Waadt wurden grosszügigen Radstreifen auf Kantonsstrassen umgesetzt und dazu eine kantonale Empfehlung für provisorische Velomassnahmen erstellt. In der Stadt Genf wurden innert kurzer Zeit kilometerweise breite Velospuren auf zentralen Verkehrsachsen markiert. 

Das Mobilitätssystem: Neu und weiter denken 

Es mangelt aber nicht nur bei der Infrastruktur. Velofahren muss auch einfacher werden, damit mehr Menschen Velo fahren. Für einen nachhaltigen Alltags- und Freizeitveloverkehr ist es wichtig, dass man insbesondere die Veloetappe mit anderen Verkehrsmitteln vor- und nachgelagert ergänzen kann – flexibel, einfach, digitalisiert und kostengünstig. Die bestehenden Hürden und Lücken sind aktuell noch zu gross, zum Beispiel in den Bereichen Velomitnahme im ÖV, Bikesharing-Angebote, Zugänge und Abstellmöglichkeiten an den Schnittstellen oder Plattformen/Apps für die Reiseplanung. Dies gilt gerade auch für Einsteiger und Gelegenheits-Velofahrende, die ein hohes Mass an Komfort und Flexibilität bräuchten. 

Die Schweiz sollte ihr Mobilitätssystem auf eine neue Grundlage stellen, mit Angeboten digitalisierter Service-Mobilität. Die Intermodalität ist ein Teil der Infrastruktur. Deren Verbesserung birgt aber auch eine grosse Herausforderung. Das Velo spielt hierbei eine wichtige Rolle und ist Teil spannender Lösungen. 

Fazit: Handlungsbedarf auf vielen Ebenen 

Was müssen wir tun, damit der Velo-Boom auch tatsächlich nachhaltig ist? Soll das Velofahren für einen grossen Teil der Bevölkerung zwischen 8 und 80 Jahren gefördert werden, braucht es niederschwellige Einsteiger-Angebote, zum Beispiel für Familien, Kinder und Senioren. So können das Velo und Mountainbike wirklich Spass machen und weniger Unfälle passieren.

Zugang zum Velo

Attraktive und sichere Freizeitangebote ermöglichen vielen (neuen) Gruppen einen Zugang zum Velo. Es ist wichtig, diese Angebote weiter auszubauen und so mehr Leute zum Velofahren zu bringen, auch zum Alltagsvelofahren. Damit wird der aktuelle Boom nachhaltig. Erst, wenn Kinder sicher mit dem Velo zur Schule fahren können, Arbeitnehmende zum Pendeln vermehrt das E-Bike nutzen und Senioren mit dem Velo zum Sprachkurs fahren, erst dann entwickelt sich das Mobilitätssystem in eine nachhaltige Richtung. 

Bis dahin ist es noch ein weiter Weg, der über Fragen der Infrastruktur, Sicherheit etc. hinausgeht und auch Fragen des gesamten Mobilitätssystems und somit auch unseres eigenen Verhaltens betrifft. Sind wir bereit für den Schritt in eine solche Verkehrszukunft? Politik, Behörden, Transportunternehmungen und Mobilitätsanbieter sind gefordert, die Mobilität zukunftsgerecht zu gestalten: nachfrage-, menschen- und umweltgerecht.

Text Lukas Stadtherr, Stiftung SchweizMobil, Mitglied der Geschäftsleitung

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