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Zürich
21 Oktober 2020

Unsere persönliche WG: Leben mit beinahe 100 Menschen.

Nach dem letzten Porträt über eine an der Dissoziativen Identitätsstörung (DIS) erkrankte jungen Frau erreichten uns zahlreiche Reaktionen – eine unter anderem von Jayna*, welche an derselben Krankheit leidet und ihre Sicht der Dinge ebenfalls mit unserer Leserschaft teilen wollte. Jayna ist anfangs 30, ihren Aufenthaltsort kann sie nicht mit uns teilen – denn die Verantwortlichen für ihre Krankheit dürfen sie nicht finden.

«Ich bin nur auf der Welt, weil ich Teil eines Handelsdeals war.» So beginnt Jayna ihre Erzählung. Ihre Mutter sei bereits an Männer verkauft worden, unter anderem für Sex und satanistische Rituale. Jaynas «Vater» sei eigentlich der Endkäufer ihrer Mutter gewesen. Teil des Kaufdeals: Jaynas Mutter gebärt dem Erzeuger eine Tochter, die ihre Nachfolge antreten soll. So kommt es, dass Jayna mehr oder minder direkt in einen Kindeshandelsring hineingeboren wird, sich praktisch von Geburt an schwerstem Missbrauch ausgesetzt sieht. Körperlich, psychisch und sexuell. Sie wird im Verlauf ihrer Kindheit für Sex und satanistische Messen und Rituale benutzt – sowohl von ihrem «Vater» als auch von andern.

Mit 15 Jahren gelingt ihr die Flucht, sie begibt sich freiwillig in ein Heim und will strafrechtlich gegen die Täter vorgehen. Wenig später: Die Mutter wird komatös ins Spital eingeliefert und erliegt wenig später Hirnblutungen, alles deutet auf einen natürlichen Tod hin. Aber Jayna ist überzeugt: Da steckte ihr «Vater» dahinter. Oft genug hat er die Mutter misshandelt und sie als Druckmittel benutzt, um Jaynas Schweigen sicherzustellen.

Hollywood? Leider nicht

Nach diesem Vorfall musste Jayna fliehen. Mehrmals ist sie umgezogen, hat auch ganz offiziell Namen und Identität gewechselt. Und trotzdem: Erst seit Kurzem traut sie sich wieder nach draussen – zu gross war die Angst, einem der zahlreichen Involvierten über den Weg zu laufen. Was erst einmal klingt wie ein Filmskript, ist leider traurige Realität. Und das nicht nur bei Jayna. Wie Beispielsweise der Fall Bergisch Gladbach zeigt, ist organisierter Kindesmissbrauch auch oder gerade «hier» viel weiter verbreitet befürchtet. Im Verlauf des Gesprächs mit Jayna kommt dieser Punkt der Glaubwürdigkeit auch immer wieder zu Sprache. Viel zu oft werde sie, wie auch andere von DIS betroffene Personen, in Frage gestellt. Dies sei extrem verletzend.

Dass ich multipel bin, war Absicht; das ist leider in solchen Kreisen oft der Fall – weil dann gibt es nur wenig bis keine Gegenwehr oder Erinnerungen.

Jayna
Endlich eine Diagnose – fast 30 Jahre nach dem Auslöser

Zu Beginn ihrer «Klinik-Karriere» war Jayna eigentlich wegen einer Borderline-Persönlichkeit in Behandlung. Später gesellte sich eine komplizierte posttraumatische Belastungsstörung dazu. Dann, vor circa drei Jahren, war sie wieder einmal in der Klinik – die Flashbacks waren nicht mehr auszuhalten. Während diesem Klinikaufenthalt kam es jedoch zu einem Schlüsselerlebnis, beim Einkaufen im Supermarkt mit einer Freundin. Diese machte sie auf eine neuartige Joghurtsorte aufmerksam, woraufhin Jayna – so wurde es ihr zumindest erzählt – patzig wie ein Kleinkind entgegnet haben soll: «Iiiiih, bääh das schmeckt mir nicht, das will ich nicht.» Sie führten also ihre Einkäufe fort.

Einige Minuten später passierten die beiden dasselbe Regal nochmals und Jayna machte nun ihrerseits die Freundin auf die neue Geschmacksrichtung aufmerksam. Und diese meinte dazu: «Willst du mich veräppeln oder bist du bekloppt? Gerade noch hast du gesagt, das sei überhaupt nicht dein Geschmack.» Jayna aber erinnerte sich nicht daran und überhaupt, wie soll sie denn wissen wie der Joghurt schmeckt, wenn sie ihn noch nie probiert hat? Allerdings wurde ihre Freundin von einem Passanten sekundiert – es konnte sich also nicht einfach um einen schlechten Witz handeln. Da sie zurzeit ja sowieso in einer Klinik war, entschied sich Jayna dann dazu, dies anzusprechen. Und nach langen Tests, Gesprächen und Interviews stand dann schlussendlich die Diagnose fest: Dissoziative Identitätsstörung.

Jaynas Leben mit DIS

Abgesehen davon, dass Jayna mittlerweile aufgrund ihrer Krankheit arbeitsunfähig ist und ihr Alltag von Therapie-Terminen bestimmt ist statt von Arbeitszeiten, führt die junge Frau eigentlich im Grossen und Ganzen ein normales, selbstständiges Leben. Zumindest bis es ans Schlafen geht: Des Öfteren erlebt sie, dass morgens die Fitnesstracker, welche sie zum Überwachen ihres Schlafs benutzt, anzeigen, dass «sie» mal wieder aktiv war nachts. Da hat sich ein Mitbewohner der WG – welche sie als Metapher für ihr multiples Innere benutzt – offensichtlich nicht an die Nachtruhe gehalten.

Die WG

Gebeten die Krankheit jemandem zu erklären, der noch nie davon gehört hat, meint Jayna: «Die Entstehung der DIS würde ich ganz klar so erklären: Die Persönlichkeit, wird gesagt, entwickelt sich normalerweise bis zum 6./9. Lebensjahr. Wenn aber das Kind, so wie wir, sehr viel Leid ertragen musste, dann ist das Gehirn im Stande – dadurch, dass sich die Persönlichkeit noch nicht fertig gebildet hat – sich zu spalten. So werden mehrere Persönlichkeiten entwickelt, damit das ganze Leid, beziehungsweise die Erinnerungen daran, nicht ein einziger ertragen muss. So kann sich dennoch etwas Alltagsfähiges bilden.» Die erläuterte Krankheit äussere sich bei ihr, abgesehen von den multiplen Persönlichkeiten, durch körperliche Dissoziation, Flashbacks, Albträume und auch körperliche Flashbacks, bei welchen man den ganzen Schmerz von damals wieder erleiden müsse. Eine lange Liste an Unangenehmen – und eines der Hauptsymptome wurde noch nicht richtig erwähnt. Die Multiplizität, die mehreren Persönlichkeiten. Oder wie Jayna es nennt: Die WG.

Der Körper ist schlussendlich, so erklärt Jayna, nur eine Hülle, ein Haus, in welches nach und nach verschiedene Menschen, beziehungsweise Persönlichkeiten eingezogen sind. In ihrem Fall sind dies beinahe 100 Mitbewohner. Zum Glück, wie sie sagt, seien aber nur knapp 30 sehr aktiv bei ihr. Wer sich dafür interessiert, wie sich das für Jayna anfühlt, kann dies hier in einem Gastbeitrag, den sie für «Fokus» verfasst hat, nachlesen. Wenn sich jemand noch genauer für die gespaltenen Persönlichkeiten interessiert, dann gibt es hier einen kurzen Beitrag, in welchem einige von Jaynas Persönlichkeiten genauer vorgestellt werden.

Ich bin nie alleine, ich hab’ mein Team, das mich berät. Und auf das kann ich mich zu 100 Prozent verlassen.

Jayna
DIS – Fluch oder «Segen»?

Auf die Frage, ob sie denn ihre Krankheit nur als Einschränkung empfinde, oder es teilweise ihr Leben auch bereichere, meinte Jayna: «Je nach Situation empfinde ich die DIS als Einschränkung oder als Bereicherung.» Beispielsweise wenn die Dissoziation draussen, in der Öffentlichkeit geschieht, so kann dies für sie sehr belastend sein, unter Umständen sogar gefährlich. Denn: Eine von Jaynas Persönlichkeiten hat eine Gehbehinderung, die auch physiotherapeutisch behandelt wird. Kommt diese «nach vorne», kommt es zu Stürzen, was auch teilweise Verletzungen nach sich ziehen kann.

Verängstigte Frau vor mehreren Spiegelbildern

Aber zur Krankheit gehören ja nicht nur unbedingt die Persönlichkeiten. Jayna führt aus: «Gerade die Flashbacks und die Albträume, das sind schwere Einschränkungen. Eine Zeit lang hat der leichteste Geruch, die leichteste Berührung gereicht und ich war wie gefangen in meinen Erinnerungen. Und das ist widerlich, denn im Endeffekt kriegt man das Geschehene von früher – an welches man sich vielleicht aufgrund der Abspaltungen nicht mal aktiv erinnern kann – mit voller Kraft nochmals reingedrückt zum Erleben. Und wer bitte will denn bitte so grausame Dinge nochmals erleben?»

Doch sie sieht auch positive Seiten an ihrem Krankheitsbild. Trotz den Einschränkungen, den vielen, teils schweren Einschränkungen, konstatiert sie: «Ich bin nie alleine, ich habe mein Team, das mich berät. Und auf das kann ich mich zu 100 Prozent verlassen».

Ratschläge für Betroffene…

Betroffenen, die noch gar nichts von ihrem «Glück» wissen, sprich potenziell uns allen, rät Jayna in erster Linie aufmerksam zu sein. Denn es können nur ganz kleine Momente sein, in welchen sich das Ganze bemerkbar macht.

Besteht anschliessend tatsächlich ein Verdacht, so legt Jayna denjenigen ans Herzen, «dran zu bleiben und zu forschen beziehungsweise nachforschen zu lassen, worum es sich handelt.» Denn man kann nur an etwas arbeiten, wenn man weiss was es ist, es einen Namen trägt und dadurch greifbarer wird.

Wenn dann tatsächlich die Diagnose «Dissoziative Identitätsstörung» vorliegt, dann gibt Jayna der betroffenen Person folgende Ratschläge: «So schnell wie möglich alle Kontakte zu Tätern, täterähnlichen Strukturen und Leuten abbrechen.» Ansonsten kann nicht richtig an der Krankheit gearbeitet werden. Ausserdem könnte es auch gefährlich werden, denn weiter rät sie dazu, für das eigene Recht zu kämpfen. Und schlussendlich müsse man die Diagnose, die Krankheit und somit auch sein «Team» akzeptieren. Denn, wiederholt sie, man kann nur an etwas arbeiten, wenn man es kennt und akzeptiert.

…und für Aussenstehende

Sie rät der allgemeinen Bevölkerung, sich mehr mit dem Thema auseinanderzusetzen und richtet zudem eine Bitte an die Menschen: «Informiert und erkundigt euch. Und bitte, sprecht mit multiplen Menschen wie mit «normalen» Menschen.» Weiter hält sie fest: «Falls ein Kind (Kind-Persönlichkeit) aktiv ist, redet mit ihm nicht wie mit einem Erwachsenen, denn das ist es ja nicht. Das merkt man auch, wenn das vorne ist.» Bekannte von Betroffenen hält sie zudem dazu an, anzusprechen, falls eine Persönlichkeit «nach vorne» kommt, welche nicht bekannt ist. Denn es ist möglich, dass gewisse Persönlichkeiten so schüchtern sind, dass nicht einmal die erkrankte Person von ihr weiss.

Ich erhoffe mir, dass die Menschen, welche das lesen, einen anderen, Blick darauf kriegen, was eigentlich los ist. Und ich wünsche mir, dass die Leute aufhören, so mit uns Betroffenen umzugehen oder über uns zu denken, wie sie es derzeit noch oftmals tun.

Jayna
Irrtümer und Stereotypen

Was sehr verletzend ist für Jayna und auch andere Betroffene, sind gewisse Irrtümer und Stereotypen, welche die breite Bevölkerung der Krankheit und betroffenen Personen gegenüber hegen. So stelle beispielsweise der Film «Split» die Krankheit weitestgehend falsch dar, der Körper verändert sich definitiv nicht wenn die Persönlichkeit wechselt. Und genauso wenig stimmt es, dass «wir entstanden wären, um etwas Böses zu wollen.» Jayna führt weiter aus: «Wer sich nicht auskennt, der sieht solche Filme und denkt sich ‹Oh Gott, das sind ja komplette Monster›. Das stimmt nicht und ist einfach nur verletzend.»

Was sie ausserdem oft höre, wenn sie von den verschiedenen Persönlichkeiten spricht ist «Oh, dann bist du ja schizophren». Auch das stimmt natürlich nicht. Laut Jayna gibt es viele Unterschiede zwischen der DIS und Schizophrenie, unter anderem, dass von letzterer Krankheit betroffene Menschen die Stimmen von aussen hören würden, während jemand mit DIS sie aus dem Innern hört und weiss, dass sie zu ihm selbst gehören. Ausserdem lassen sich die Persönlichkeiten bei der DIS wissenschaftlich nachweisen. So wurde bei bestimmten Betroffenen in einer Persönlichkeit mittels Allergietest Allergien festgestellt, welche andere Persönlichkeiten dieses Systems nicht haben.

Doch das mit Abstand schlimmste Vorurteil für Jayna ist, wenn manche Menschen die Existenz dieser Krankheit anzweifeln und behaupten, das sei doch sowieso nur erfunden oder gelogen. Das ist natürlich verständlich, insbesondere wenn man sich den Auslöser der Krankheit nochmals vor Augen führt.

Zum Schluss dieses Portraits soll nochmals Jayna zu Wort kommen, und zwar mit einem Zitat, weshalb sie sich für diesen Artikel zur Verfügung gestellt hat: «Ich erhoffe mir einfach, dass die Menschen, welche das lesen, einen anderen, einen besseren Blick darauf kriegen, was eigentlich los ist. Ich will, dass die Leute gegenüber den Auslösern dieser Krankheit nicht weiter die Augen verschliessen. Und ich wünsche mir, dass die Leute aufhören, so mit uns Betroffenen umzugehen oder über uns zu denken, wie sie es derzeit noch oftmals tun.»

*Name geändert

Noch mehr zum Thema gibt es hier.

Text Patrik Biberstein

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