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«Alle können die Prinzipien der nachhaltigen Entwicklung im Alltag anwenden»

15.12.2020
von Andrea Tarantini

Heutzutage wissen wohl alle, dass es erforderlich ist, angesichts der Klimaveränderung und deren Konsequenzen zu handeln. Aber wie steht es in der Schweiz um die nachhaltige Entwicklung auf nationalem und internationalem Niveau? Was hat sie nach der Verabschiedung der Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung durch die Generalversammlung der Vereinten Nationen erreicht?

2015 hat die Generalversammlung der Vereinten Nationen die Agenda 2030 verabschiedet, die einen wichtigen Paradigmenwechsel darstellt. Was implizieren die 17 Ziele für nachhaltige Entwicklung (eng. Sustainable Development Goals, SDGs)? Wie positioniert sich die Schweiz auf nationalem und internationalem Niveau in Bezug auf eine nachhaltige Entwicklung? Jacques Ducrest und Daniel Dubas, beide Delegierte des Bundesrates für die Agenda 2030, beantworten diese Fragen. Sie befassen sich tagtäglich mit der Aussenpolitik der Schweiz und berichten über die Umsetzung der Agenda 2030. Darüber hinaus berichten sie auch über die Innenpolitik, die Strategie für nachhaltige Entwicklung des Bundesrates und das Verhältnis zu den Kantonen und Gemeinden.

Wie würden Sie heute die globale Situation in Bezug auf die Klimapolitik beschreiben?

Daniel Dubas: Es besteht dringender Handlungsbedarf. Denn es droht eine massive Klimaveränderung, die schwerwiegende Konsequenzen für die Menschheit bergen wird. Das Klimaübereinkommen von Paris liefert einen guten internationalen Rahmen. In der Schweiz haben der Bundesrat und das Parlament mit dem CO2-Gesetz Massnahmen vorgeschlagen, die eine massive Emissionsreduktion von Treibhausgasen einleiten. Allerdings handelt es sich hierbei nur um einen ersten Schritt: Das Ziel ist es, Netto Null Emissionen bis 2050 zu erreichen.

Was ist nachhaltige Entwicklung?

Jacques Ducrest: Die nachhaltige Entwicklung ist kein Sektor wie Finanzen, Umwelt, Wirtschaft, Bildung oder Energie. Es ist vielmehr eine Querachse, welche die Bedürfnisse der Bevölkerung befriedigen will, indem drei Dimensionen in Einklang gebracht werden: Die Umwelt, das Soziale und die Wirtschaft. Jeder Sektor muss diese Dimension der Nachhaltigkeit eingliedern.

Die nachhaltige Entwicklung ist kein Sektor wie Finanzen, Umwelt, Wirtschaft, Bildung oder Energie. Jacques Ducrest

Was repräsentierte die Agenda 2030, als sie verabschiedet wurde?

J.D.: Die Agenda 2030 repräsentierte eine unglaublich wichtige Etappe, nicht nur in Hinblick auf die nachhaltige Entwicklung, sondern auch auf den Multilateralismus. Erst gab es die Millenniums-Entwicklungsziele (eng. Millennium Development Goals, MDG), die eine Antwort auf die Nöte der ärmsten Länder geben wollten. Im Unterschied dazu sind die 17 SDGs universell und werden auf alle Staaten angewandt – auf der Nord- sowie der Südhalbkugel. Wir alle können zu deren Umsetzung beitragen. Die Agenda 2030 setzt Prioritäten für eine nachhaltige Entwicklung bis zum Jahr 2030 und weist der Weltgemeinschaft den Weg, wie man die grossen und weltweiten Herausforderungen gemeinsam angehen kann. Zu diesen Herausforderungen gehören extreme Armut, der Klimawandel und Gesundheitskrisen.

Sind die Ziele nicht zu zahlreich und ambitiös?

D.D.: Die Agenda 2030 reflektiert die Komplexität unserer Welt und hebt die Notwendigkeit einer echten Transformation hervor, die über eine simple Anpassung bestimmter Praktiken hinausgeht. In diesem Sinne sind die SDGs zahlreich und ambitiös, aber notwendig. Denn wir brauchen in vielen Bereichen einen wichtigen Fortschritt.

Wie kann der Fortschritt überprüft werden, sowohl in der Schweiz als auch international?

J.D.: In der Schweiz haben wir das Indikatorensystem MONET 2030, das einen Überblick über die nachhaltige Entwicklung bietet. Auf internationaler Ebene haben sich die Staaten verpflichtet, regelmässige Berichte vorzulegen. Im Rahmen des Hochrangigen Politischen Forums für Nachhaltige Entwicklung der Vereinten Nationen in New York, legen tatsächlich jedes Jahr etwa 50 Staaten ihren freiwilligen Bericht zur Umsetzung der Agenda 2030 vor. Peer-Review-Initiativen sind im Begriff lanciert zu werden. Diese ermöglichen eine bessere Objektivität der Berichte. Dieses Jahr wurde die Schweiz beispielsweise von Finnland eingeladen, ihren Bericht zu kommentieren.

Was wurde auf globaler und nationaler Ebene in den letzten fünf Jahren erreicht?

J.D.: Jedes Jahr publiziert die UN einen Bericht über die nachhaltige Entwicklung. Im letzten Jahr hat eine unabhängige Gruppe von Experten ebenfalls den «Global Sustainable Development Report 2019» herausgegeben. Dieser erschien vor der aktuellen Gesundheitskrise und zeigt auf, in welchen Bereichen die Welt eher gut voranschreitet: Grundschulbildung und Senkung der Kindersterblichkeit. Ebenso präsentiert das Dokument die Bereiche, in welche die internationale Gemeinschaft noch erhebliche Anstrengungen angehen muss wie die Reduktion extremer Armut, Kinderarbeit, politische Teilnahme von Frauen, Förderung erneuerbarer Energien und so weiter. Es werden auch die Bereiche aufgezeigt, in welchen sogar Rückschritte zu erkennen sind: Klimawandel, Biodiversität, Überfischung und weiteres. Die derzeitige Pandemie wird diesen Befund leider nicht verbessern.

D.D.: Die Schweiz war sehr aktiv in den Verhandlungen der SDGs und hat es geschafft, deren Formulierung zu beeinflussen. Sie ist auch in Bezug auf mehrere Ziele relativ fortgeschritten. Beispielsweise können wir Fortschritte in der Gleichstellung der Geschlechter feststellen. Erst kürzlich haben wir eine Bestandsaufnahme sowie einen vom Bundesrat validierten Bericht zur Umsetzung der Agenda 2030 in der Schweiz durchgeführt. In diesem Bericht wird ersichtlich, dass wir vor einigen grossen Herausforderungen stehen. Besonders in den Bereichen Konsum und Produktion, Klima, Energie, Biodiversität und Chancengleichheit besteht noch Handlungsbedarf.

Die Schweiz war sehr aktiv in den Verhandlungen der SDGs und hat es geschafft, deren Formulierung zu beeinflussen. Daniel Dubas

Was kann die Schweiz auf dem internationalen Parkett erreichen?

J.D.: Die Schweiz beteiligt sich aktiv an den Vertragsstaatenkonferenzen des Übereinkommens von Paris und setzt sich auch für eine Vorbildsfunktion ein. Der Bundesrat strebt die Klimaneutralität ab dem Jahr 2050 an. Das Übereinkommen von Paris erlaubt internationale Kooperationen, um Emissionen durch Klimaprojekte im Ausland zu kompensieren. In diesem Rahmen hat die Schweiz kürzlich ein Abkommen mit Peru unterzeichnet, das ermöglicht, die auf diese Weise erzielten Emissionsreduktionen an das nationale Ziel der Schweiz anstelle von Peru anzurechnen. Dies ist die weltweit erste Vereinbarung dieser Art im Rahmen des Übereinkommens von Paris.

Wie können unsere Unternehmen zu einer nachhaltigen Entwicklung beitragen?

D.D.: Die Unternehmen spielen eine wichtige Rolle in der Umsetzung der Agenda 2030 und der Bundesrat wünscht, dass sie verantwortungsvolle Praktiken in der Schweiz und im Ausland adoptieren. Das impliziert ein formelles Engagement der Unternehmensführung und vor allem auch eine systematische Herangehensweise. Ein Unternehmen muss sich die Frage stellen, was seine ökonomischen, ökologischen und gesellschaftlichen Auswirkungen sind und diese mit geeigneten Instrumenten angehen – nicht nur im eigenen Betrieb, sondern auch in seinen Lieferketten. Schliesslich muss es transparent und glaubwürdig über seine Praktiken der nachhaltigen Entwicklung berichten.

Welche Rolle spielen die die Kantone und Gemeinden?

D.D.: Die meisten Kantone haben eine Person, die für nachhaltige Entwicklung verantwortlich ist. In der Westschweiz sind einige Kantone sehr aktiv und haben eine neue Strategie basierend auf den 17 SDGs validiert. Viele Behörden zeigen durch ihr Handeln starkes Engagement.

Wie können alle auf individueller Ebene zu den SDGs beitragen?

D.D.: Alle können die Prinzipien der nachhaltigen Entwicklung in ihrem täglichen Leben anwenden. Niemand ist perfekt, aber wir können durch unser Verhalten und unseren Lifestyle handeln. Persönlich versuche ich, meinen ökologischen Fussabdruck zu reduzieren, indem ich regionale, saisonale und zertifizierte Produkte konsumiere. Generell reise ich per Zug und auf beruflichen Reisen in Europa hatte ich noch nie ein Auto, sondern ich steige häufig aufs Fahrrad. Das sind zwar nur kleine Gesten, aber sie machen einen Unterschied.

In der Westschweiz sind einige Kantone sehr aktiv und haben eine neue Strategie basierend auf den 17 SDGs validiert. Daniel Dubas

J.D.: Die Agenda 2030 ist ein grosses Haus, in dem wir alle leben: die Staaten, die Kantone, die Gemeinden, NGOs, die Wirtschaft, die Finanzen, die Innovation, die Forschung, die Lesenden und ich. Also können wir können alle dazu beitragen, dass das Dach des Hauses stabil ist und wir mit guten Bedingungen leben. Auch ich reise mit dem Zug und ich konsumiere so weit möglich regionale Produkte. Im Bereich der Lebensmittel sind noch echte Anstrengungen erforderlich. Jedes Jahr produzieren die Schweizer Haushalte etwa eine Million Tonnen an Lebensmittelabfällen. Auf dieser Ebene können wir noch viel beitragen, indem wir beispielsweise regelmässig und in vernünftigen Mengen einkaufen.

Denken Sie, dass alle Mitgliedsstaaten der UN die SDGs bis 2030 erreichen werden können?

J.D.: Wir sind alle optimistisch, obwohl das Jahr 2030 näher rückt und es eine grosse Herausforderung für die internationale Gemeinschaft ist, die meisten der SDGs zu erreichen. Daher müssen wir versuchen, dass wir so nahe wie möglich kommen und nicht durch eventuell auftretende Krisen an Boden verlieren. Per Definition ist nachhaltige Entwicklung ein langfristiger Prozess, den wir in unsere Leben, Politik und Strategien integrieren müssen.

Wir sind alle optimistisch, obwohl das Jahr 2030 näher rückt und es eine grosse Herausforderung für die internationale Gemeinschaft ist, die meisten der SDGs zu erreichen. Jacques Ducrest

Wie sehen Sie die Zukunft der Schweiz?

D.D.: Die Schweiz hat eine hohe Lebensqualität, die es zukünftig zu erhalten gilt. Damit wir das erreichen, müssen wir die mit unserem Lebensstil verbundenen Treibhausgasemissionen und den Verbrauch natürlicher Rohstoffe deutlich reduzieren. Doch dies erfordert eine nachhaltige Wirtschaft und Chancengleichheit für alle.

Interview Andrea Tarantini
Übersetzung aus dem Französischen Kevin Meier
Bilder ZVG

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