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Bildungssysteme im Umbruch

28.08.2021
von Fatima Di Pane

Modulare, flexible Bildungssysteme werden populärer. Doch worum handelt es sich dabei genau? Und wem nützen flexible Bildungssysteme? Wirtschaftspädagogin Sabine Seufert erklärt.

Das moderne Leben mit seinen vielfältigen und zahlreichen Verpflichtungen verlangt nach Flexibilität. Dies merkt man auch in der Bildung. Modulare Bildungssysteme, welche sich an die Bedürfnisse und Lebensumstände der Studierenden anpassen, werden immer gefragter. 

In Teile zerlegt

Doch was ist überhaupt eine Modularisierung? Darunter versteht man die Aufteilung von Lernstoff eines Lehr- oder Studiengangs in Module. «Diese können sich beispielsweise rein auf eine didaktische Dimension beziehen, sodass innerhalb eines Bildungsganges curriculare Teilziele im Sinne von Lerneinheiten entstehen, – also eine didaktische Modularisierung», beschreibt Sabine Seufert, Wirtschaftspädagogin und Institutsdirektorin des Instituts für Bildungsmanagement und Bildungstechnologien an der Universität St. Gallen. Umfassender betrachtet kann sich Modularisierung auf die Gestaltung des Curriculums und Bildungsangebotes beziehen. «Eine Extremform der Modularisierung zerlegt eine Gesamtqualifikation in Teile. Eine Abschlussprüfung wird dann hinfällig und Module fungieren als selbstständige, zertifizierbare Lerneinheiten», führt Seufert aus. Lehrgänge ohne Modularisierung haben derweil fixe Standard-Curricula.

Auch auf Gymnasialstufe?

Die Modularisierung findet man auf sämtlichen Bildungsstufen. Sie fängt schon in der Grundschule an; der Lernstoff wird in Fächer, Lernziele und Lektionen unterteilt. Modularisierung in Bezug auf die Gestaltung des Curriculums passiert jedoch vor allem in der tertiären Stufe. «In der Hochschulbildung haben wir seit der Bologna-Reform die Bildungsorganisation in Modulen, insbesondere auch um die Mobilität von Studierenden zwischen den Hochschulen zu fördern», so Seufert. «Aber auch auf den anderen Schulstufen sind Elemente einer moderaten Modularisierung anzutreffen. Die Entwicklungen gehen auch künftig stärker in diese Richtung, beispielsweise mit Differenzierungsformen, Wahl- und Pflichtmodulen.»

Auch auf Gymnasialstufe soll es mit der aktuellen Reform Überlegungen in Richtung Modularisierung geben. So steht beispielsweise die Frage im Raum, ob Maturand:innen Curricula auf ihr Wunschstudium anpassen können sollen. 

Fördert Durchlässigkeit

Auch stellt sich die Frage, warum ein modulares und flexibles Bildungssystem überhaupt wünschenswert ist. «Die Modularisierung kann dabei unterstützen, sowohl die vertikale als auch die horizontale Durchlässigkeit zu fördern», erklärt Sabine Seufert. So bietet die Modularisierung flexible Entwicklungsperspektiven, indem sie beispielsweise die Aus- und Weiterbildung stärker miteinander verzahnt, durch Nachqualifizierungen Zugangswege vereinfacht oder den Wechsel zwischen Berufsfeldern erleichtert.

«Auch gemischte Karrieren können leichter ermöglicht werden. Die gegenseitige Anerkennung von Modulen in der berufsbildenden und akademischen Bildung ist hierbei ein wichtiger Aspekt», sagt Sabine Seufert zur horizontalen Durchlässigkeit.

Individuelle Bedürfnisse

Modulare Bildungssysteme können auch dabei helfen, die Gleichstellung und die Inklusion zu fördern. «Sie ermöglichen es, Karrierewege in flexibler Form zu gestalten und gehen auf die unterschiedlichen Voraussetzungen der Lernenden ein», führt Sabine Seufert aus. «Wir haben im Bildungssystem einen Trend zur Kompetenzorientierung. Das heisst, Lernende dabei zu unterstützen, ihr Kompetenzprofil zu entwickeln und dabei ihre Potenziale entfalten zu können. Eine Modularisierung liefert hierfür curriculare Rahmenbedingungen, um stärker auf individuelle Bedürfnisse und auch Interessen der Lernenden eingehen zu können.»

Flexibilität über alles

Die Digitalisierung ist währenddessen auch Treiber der stärkeren Modularisierung im Bildungssystem. «Anforderungsveränderungen der Wirtschaft sowie auch in der Gesellschaft müssen schneller und flexibler berücksichtigt werden», so Seufert. Durch virtuelles Arbeiten überschreitet der Arbeitsmarkt Grenzen. Daher ist es notwendig, flexibel Kompetenzen über den europäischen Arbeitsmarkt abbilden zu können. Ebenfalls ist eine Entwicklung der anbieterorientierten Modularisierung zu sehen. «Digitale Bildungsangebote bieten Online-Kurse mit Nanodegrees an, mit Empfehlungen für Karrierepfade für eine personalisierte Kompetenzentwicklung», erklärt Seufert. «Und auch solch renommierte Universitäten wie das MIT bieten neuerdings MicroMasters-Programme an, deren digitale Angebote ohne Zulassungsbedingungen zur Verfügung stehen.»

Eine komplexe Umsetzung

Eine Modularisierung ist jedoch kein einfaches Unterfangen. «Eine sinnvolle Modularisierung verlangt eine anspruchsvolle strukturelle und inhaltliche Organisation von Bildungsangeboten», erklärt Sabine Seufert. Module sollten weniger als Lehreinheiten, sondern vielmehr als Lerneinheiten mit konkreten Qualifikationszielen verstanden werden. Lernaufwand und Inhalte, die zur Zielerreichung durch die ebenfalls entsprechend festgelegten Prüfungsformen führen, werden dokumentiert und im Gesamtbild des Moduls gespiegelt. «Der mit einer solchen Modularisierung verbundene Aufwand für Lehre und Unterricht ist sehr hoch. Häufig hapert es da an einer guten Umsetzung», so die Expertin. Auch werde die Modularisierung besonders in der Berufsbildung kritisiert, da die Gefahr bestehe, Berufskonzept durch Teilqualifikationen aufzuweichen, was zu einer Absenkung des beruflichen Qualifikationsniveaus führen könnte.

Eine grosse Gefahr für das Bildungssystem gehe darüber hinaus auch durch die digitalen Bildungsanbieter einher, wie beispielsweise Udacity, Coursera oder die Online-Angebote renommierter Universitäten. «Hier könnten sich durchaus disruptive Entwicklungen ergeben, sodass in der beruflichen Grund- und Weiterbildung immer stärker auf derartige Lernlösungen gesetzt wird und damit das formal organisierte Bildungssystem zunehmend untergraben werden könnte», sagt Sabine Seufert.

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