KI-Agenten zwischen wachsendem Einsatz und anhaltender Skepsis.
Immer mehr Unternehmen setzen Künstliche Intelligenz (KI) ein, obwohl sich viele mit der Entwicklungsgeschwindigkeit der Modelle überfordert fühlen. KI-Agenten können heute selbstständig anspruchsvolle Aufgaben erledigen. Aber wie garantiert man, dass sie innerhalb der zugedachten Tätigkeitsfelder bleiben? Viele Unternehmen haben darauf noch keine Antwort gefunden. Gut jedes vierte Unternehmen mit mindestens zehn Beschäftigten setzte 2025 KI ein, zeigen Daten des Statistischen Bundesamtes. Sie dokumentieren einen bemerkenswert schnellen Anstieg: Innerhalb von zwei Jahren hat sich der Anteil der KI-Nutzer in der deutschen Wirtschaft mehr als verdoppelt.
Doch während viele Unternehmen noch damit beschäftigt sind, generative KI in ihren Arbeitsalltag zu integrieren, kann KI schon viel mehr. Ein KI-Agent erhält eine Aufgabe, wählt die passenden Arbeitsschritte, greift auf geeignete Daten und digitale Werkzeuge zu und erfüllt den Auftrag innerhalb definierter Grenzen autonom.
Die Kosten für die KI-Transformation werden nur von einer Minderheit der Befragten als Hindernis betrachtet.
KI-Agenten brauchen klare Spielregeln
Wie schnell sich dieser Wandel vollzieht, zeigen internationale Befragungen. In der jährlichen »AI at Work«-Studie der Boston Consulting Group (BCG) gaben 2025 noch 13 Prozent der Befragten an, dass ihr Unternehmen KI-Agenten in Arbeitsabläufe integriert habe. 2026 waren es bereits 30 Prozent. Weitere 50 Prozent berichteten von Experimenten oder Pilotprojekten.
KI-Agenten stellen Unternehmen jedoch vor ganz andere Herausforderungen als generative KI: Bei Chatbots und Copiloten stellen Menschen eine Anfrage, prüfen das Ergebnis und entscheiden, was zu tun ist. Agenten hingegen tun all das eigenständig. »Die Frage ist heute nicht mehr, ob eine KI eine bestimmte Aufgabe autonom erledigen kann – das kann sie. Aber Unternehmen müssen die Rahmenbedingungen, also Daten, Prozesse und Verantwortlichkeiten, so organisieren, dass sie einem KI-Agenten diese Aufgabe übergeben können«, sagt Philipp Polterauer, Managing Director und Leiter des Fachbereichs Digital & AI bei Inverto, einer Tochter von BCG.
Nach seiner Erfahrung sind viele Unternehmen darauf noch nicht vorbereitet: »Die meisten industriellen Großkonzerne sind – mit einigen wenigen Ausnahmen – noch damit beschäftigt, sich zu sortieren und grundlegende Fragen der generativen KI zu klären, insbesondere Cyber Security, Tech Stack und rechtliche Themen. Die Skalierung von Agenten wird noch viel umfassendere Fähigkeiten erfordern.«
Ein funktionierender KI-Pilot ist noch keine KI-Transformation
Die Fraunhofer-Institute für Arbeitswirtschaft und Organisation sowie für Intelligente Analyse- und Informationssysteme warnen davor, die technische Leistungsfähigkeit der KI-Modelle mit Einsatzreife gleichzusetzen. Sie empfehlen Unternehmen, zunächst mit kleinen Projekten in abgegrenzten Umgebungen zu starten, die Datenqualität sicherzustellen, Kontrollmechanismen aufzubauen und Mitarbeitende früh einzubeziehen.
Philipp Polterauer betont: »Die Einsatzmöglichkeiten sind nahezu unbegrenzt. Die Frage, welches Tool das Richtige ist, ist erst einmal zweitrangig. Viel wichtiger ist es, zunächst die Einsatzgebiete festzulegen und alle dort vorhandenen Prozesse maschinenlesbar zu formulieren. Daraus lässt sich dann ableiten, welche KI-Lösungen die Aufgaben am besten erfüllen.«
Er empfiehlt, sich auf konkrete Wertbeiträge zu konzentrieren. Dabei sollte der messbar erzielbare Vorteil im Vordergrund stehen: »Fokus auf Value Cases statt Use Cases.« Oft stellt sich heraus, dass Prozesse zwar in den Köpfen der Mitarbeitenden eindeutig, aber nirgendwo präzise erfasst sind.
Die Autor:innen des aktuellen acatech-Whitepapers »Generative KI und KI-Agenten in Unternehmen. Vom Assistenten zum Akteur« empfehlen Unternehmen, verbindliche Leitlinien, Qualitätsmanagement und Prüfstandards aufzubauen. Unbedingt nötig sei es auch, Zugriffsrechte zu begrenzen und Eingriffsmöglichkeiten für kritische Situationen zu schaffen. Und: Die Mitarbeitenden benötigen neue Kompetenzen, um erfolgreich mit KI-Agenten zu arbeiten.
Warum viele Unternehmen noch skeptisch sind
Die meisten Verantwortlichen haben das verstanden, zeigt die BCG-Studie »Build for the Future«. Nur rund zehn Prozent des Erfolgs einer KI-Transformation liegen demnach in den Algorithmen, 20 Prozent in der Technologie und 70 Prozent in Menschen, Organisation und Prozessen. Als größte Hürden für eine erfolgreiche Integration von KI nennen die Befragten fehlende Expertise im Umgang mit unstrukturierten Daten und Datensilos ohne Austauschmöglichkeiten zwischen den Abteilungen.
Wenn Unternehmen KI nicht einsetzen, liegt es zumeist an großer Skepsis gegenüber der Technologie, hat das Statistische Bundesamt analysiert: Von den Firmen, die bislang nicht mit KI arbeiten, nennen 72 Prozent fehlendes Wissen als Hinderungsgrund. Weiterhin bemängeln die Skeptiker unklare rechtliche Konsequenzen bei Fehlern oder äußern Datenschutzbedenken. Zudem zweifeln die Teilnehmenden an der Kompatibilität der Modelle mit der vorhandenen Hard- und Software und haben Probleme mit der Verfügbarkeit oder Qualität der benötigten Daten. Die Kosten für die KI-Transformation werden nur von einer Minderheit der Befragten als Hindernis betrachtet.
Bedenken sind berechtigt, sollten aber nicht zum Verzicht auf KI führen
Die Bedenken der Skeptiker sind berechtigt, findet Inverto-Experte Polterauer, doch sollten sie nicht dazu führen, dass Unternehmen auf die großen Potenziale von KI-Agenten verzichten: »Verantwortlichkeiten müssen klar definiert werden, und zwar nicht nur innerhalb des Unternehmens, sondern auch zwischen Unternehmen und dem Anbieter des Tools, um Rechtssicherheit zu schaffen. Welche Anforderungen ein KI-Agent an Datenqualität und Prozesstransparenz stellt, ist aber letztlich eine Lernaufgabe, auf die Unternehmen sich einlassen sollten, weil sie mit Hilfe der Agenten erhebliche Effizienzgewinne generieren können.«
Die Einsatzmöglichkeiten von KI-Agenten in Unternehmen sind vielseitig. In der BCG-Studie »Build for the Future« liegt die KI-Adoption in Supply Chain und Vertrieb bei jeweils 44 Prozent, in Produktion und Kundenservice bei jeweils 43 Prozent. Im Finanzbereich sind es 40 Prozent. Schlusslicht der Skala ist der Einkauf mit lediglich 35 Prozent.
»Unabhängig vom Einsatzgebiet sollten Unternehmen zunächst die Prozesse auswählen, bei denen Nutzen und Entscheidungslogik klar sind und die Datenbasis vorhanden ist. Zudem sollten sie festlegen, wo menschliche Kontrolle notwendig bleibt. Wenn man hier die Logik der KI-Agenten verstanden hat und die Modelle erfolgreich implementiert hat, kann man an komplexere Aufgaben herangehen«, rät Experte Polterauer.
Noch wirken KI-Agenten für viele Unternehmen kompliziert und unberechenbar. Doch sie ziehen mit hoher Geschwindigkeit in Arbeitsabläufe ein. Auch die Zweifelnden sollten sich mit den Möglichkeiten von KI-Agenten befassen – gesunde Skepsis ist schließlich die beste Voraussetzung für den sicheren und kontrollierten Einsatz.
Text Ina Ullrich
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