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Die Frau Künstliche Intelligenz Interview

Dalith Steiger-Gablinger: «Ich wünsche mir, dass wir einander mehr empowern»

13.12.2025
von Ayman Duran

Dalith Steiger-Gablinger gilt als Pionierin der Schweizer KI-Welt. Sie gehört zu den meistgesuchten Keynote-Speakerinnen in ihrem Feld, hat 2016 ein eigenes KI-Unternehmen gegründet und wurde kürzlich im Oberhaus des britischen Parlaments geehrt. Im Interview erzählt sie, was hinter ihrer energetischen Person steht und wie sie ihre Vorbildfunktion einnimmt.

Frau Steiger-Gablinger, für Ihr unerschöpfliches Engagement für die Stärkung von Frauen in MINT-Feldern wurden Sie dieses Jahr mit dem Women Empowerment Award ausgezeichnet. Was treibt Sie an?

Mir ist es sehr wichtig, dass man sich gegenseitig unterstützt. Eine Wirtschaft kann nur mit einem stabilen Ökosystem leben. Es ist ein stetiges Geben und Nehmen. Und wenn ich Menschen helfen kann, indem ich meine Erfahrungen und mein Netzwerk teile, ist das ein wunderschönes Gefühl. Ich wünsche mir für die Schweiz, dass wir einander mehr empowern. Ich spüre hier leider noch zu viel Neid und Egoismus.

Sie haben bereits darüber gesprochen, dass Ihre Mutter und Grossmutter für Sie persönlich wichtige Vorbilder waren. Wie fühlen Sie sich damit, dass nun zahlreiche junge Frauen Sie als Vorbild für ihre Karriere sehen?

Ich versuche, dieser Rolle authentisch aktiv gerecht zu werden. Wenn mich Menschen um Hilfe oder Rat beten, versuche ich immer, ihnen unter die Arme zu greifen. Dadurch kam ich sogar schon mit Eltern in Kontakt, deren studierende Kinder mich gebeten haben, die Eltern zu KI aufzuklären. Junge Menschen sind unsere Zukunft! Wenn ich es nicht für sie mache, für wen dann?

Sie haben sich in Ihrer Karriere intensiv mit der KI-Forschung befasst und sind nun eine der bedeutendsten und respektiertesten Stimmen in Ihrem Feld. Würden Sie einer Person, die am Anfang der eigenen Karriere steht, empfehlen, sich so früh wie möglich zu spezialisieren?

Nein. Da kann ich auf ein Gespräch mit einem Studenten zurückgreifen, der mich etwas ähnliches gefragt hat. Im Leben bleibt genug Zeit fürs Arbeiten. Nach dem Studium gilt es, sich Zeit zu nehmen und auszuprobieren. Fail, but fail fast! Man muss verschiedene Dinge versuchen. Der richtige Job hängt von so vielen Faktoren ab – insbesondere auch von Menschen, die Passionen und Kompetenzen anderer entfalten können.

Dalith Steiger wird der Award überreicht

Dalith Steiger-Gablinger erhält den Global AI Innovation & Digital Transformation Leadership Award.

Mit SwissCognitive haben Sie ein preisgekröntes Unternehmen gegründet, das international hohes Ansehen geniesst. Was ist die Geschichte dahinter?

Die Schweiz hat keine Bodenschätze. Die einzige natürliche Ressource, die wir haben, steckt zwischen unseren Ohren und nennt sich Hirn. 2014 wurde ich an einer Tech-Konferenz in Spanien zum ersten Mal mit KI konfrontiert. Schnell wurde mir klar, dass Schweizer Firmen ihre Dienstleistungen mit KI skalieren und auch im Ausland anbieten können. Zusätzlich sind wir Schweizer mit unserer DNA von Vertrauen, Expertise und Innovation prädestiniert dafür, unser Land zur globalen KI-Boutique zu entwickeln. Mit dieser Vision haben mein Co-Founder Andy Fitze und ich 2016 SwissCognitive gegründet.

Eine der Dienstleistungen von SwissCognitive ist die Demystifizierung von KI. Was sind die am häufigsten vorkommende Missverständnisse und Ängste, die Sie von Ihrer Kundschaft hören?

Wir arbeiten an sechs zentralen Mythen: dass KI wie ein Mensch denkt, dass sie kreativ ist, dass sie Jobs klauen wird, dass sie unparteiisch ist und dass die Menschen das Denken verlernen werden. Diese Ansichten möchten wir relativieren und in Chancen verwandeln.

Eine der am meisten genannten Ängste in Bezug auf KI ist, dass die Arbeit vieler Menschen durch KI-Tools wie ChatGPT oder Sora ersetzt wird. Wie holen Sie betroffene Personen mit ins Boot?

Menschen verlieren ihre Arbeit nicht grundsätzlich wegen der Technologie, sondern wegen denen, die mit dieser Technologie die Arbeit besser machen. Zentral für mich ist auch die Tatsache, dass die Technologie Menschen mit Einschränkungen den Weg in die Arbeitswelt ermöglicht. Für die Menschen, die in der neuen Arbeitswelt wirklich keinen Platz mehr finden, heisst es, Verantwortung zu übernehmen und soziale Lösungen zu finden.

Das Wort «Intelligenz» in Bezug auf KI wird von manchen Kreisen als Fehlbezeichnung betitelt. Akademiker wie Roger Penrose und Hubert Dreyfus haben in der Vergangenheit behauptet, dass eine wahre artifizielle Intelligenz konzeptionell gar nicht möglich ist. Wie sehen Sie das?

Mir gefällt der Begriff künstliche Intelligenz tatsächlich nicht besonders. Wir nennen ein Flugzeug ja auch nicht einen künstlichen Vogel, nur weil es fliegt. In diesem Sinne halte ich eine echte, vollwertige künstliche Intelligenz, die den Menschen in all seinen Facetten kopiert, weder für realistisch noch für erstrebenswert.

Für mich geht es bei KI nicht darum, den Menschen zu kopieren, sondern ihm ein sehr leistungsfähiges Werkzeug an die Hand zu geben. Dieses Werkzeug kann uns helfen, Schwächen zu kompensieren und Fähigkeiten zu verstärken, wie etwa bei der Erkennung von Anomalien, der Entwicklung neuer Medikamente, der Qualitätssicherung, bei Aufgaben, bei denen extreme Geschwindigkeit und Präzision gefragt sind oder Aufgaben, die für den Menschen zu gefährlich sind. Am Ende steht für mich nicht die Frage, ob Maschinen eines Tages ein echtes Bewusstsein haben, sondern welchen konkreten Nutzen sie für unser Leben stiften. Wenn KI dazu beiträgt, dass wir gesünder, sicherer und vielleicht sogar entspannter leben können, dann entfaltet sie genau das Potenzial, das sie haben sollte.

Vor einigen Wochen wurden Sie ins House of Lords in London eingeladen und dort geehrt. Können Sie uns davon erzählen?

Ich wurde von der Organisation EuroKnowledge mit dem «Global AI Innovation & Digital Transformation Leadership Award» ausgezeichnet. Der Grund ist, dass ich mich sehr für den menschenzentrierten und wirtschaftlichen Einsatz von KI einsetze. Ich schlage Brücken zwischen der Geschäftswelt und der Tech-Welt. Mir liegt am Herzen, dass die Menschen die Mächtigkeit der KI verstehen. Man sagt von mir, dass ich es schaffe, die KI-Thematik verständlich und ermutigend zu erklären und die Menschen auf dieser wichtigen Transformation mitzunehmen.

Sie werden für Preise nominiert und ausgezeichnet, Sie sind das Standbein hinter einer international vernetzten Firma und eine der meistgefragten Keynote-Speakerinnen in Ihrem Feld. Wofür nehmen Sie sich persönlich immer Zeit?

Für meine Familie. Sie ist das Wichtigste in meinem Leben. Meine Töchter und ich haben eine unglaublich starke Beziehung und unternehmen sehr viel gemeinsam. Das ist ein Geschenk. Ich liebe es, Zeit mit meinen Eltern zu verbringen. Mit meinem Partner geniesse ich das Reisen in fremde Kulturen oder einfach den gemeinsamen Frühstückskaffee. Ich kann mich glücklich schätzen, dass wir einen so tollen Zusammenhalt haben. Wenn ich abschalten muss, verbringe ich Zeit mit ihnen.

In Ihrer Freizeit gehen Sie gerne Mountainbiken. Geniessen Sie ab und zu die Trennung von der digitalen Welt?

Absolut, denn das braucht meine absolute Konzentration. Da bleibt keine Kapazität mehr, um noch an andere Sachen zu denken. Mit meinem Partner gehe ich auch manchmal komplett weg vom Netz. Dieses Jahr waren wir fünf Wochen lang in Kolumbien, mit Dachzelt und Gaskocher. Da kann ich wirklich abschalten.

Und wie ist Ihre Leidenschaft zu High Heels entstanden?

Meine Grossmutter war eine sehr elegante, adrette und zackige Frau. Sie war Journalistin, Autorin, Moderatorin, sie hat Politiker interviewt und über die grossen Modeshows berichtet. Und sie hatte immer High Heels an, egal wo oder warum. Ich wusste schon früh, dass ich auch so sein wollte, denn sie sind für mich das Sinnbild der Eleganz meiner Grossmutter. Ich liebe meine Weiblichkeit, ob mit langen Haaren, schönen, lackierten Nägeln oder eben mit meinen High Heels.

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