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Innovation

Wie Spitzenforschung das Unternehmertum beflügelt

25.03.2026
von SMA

Im Gespräch erläutern Prof. Dr. Christian Rüegg, Direktor des PSI, und Dr. Christian Brönnimann, VR-Präsident des Park Innovaare, warum hierzulande Forschung und Wirtschaft Hand in Hand gehen müssen – und wie man diesen Innovationstransfer erfolgreich umsetzt. 

Herr Rüegg, das Paul Scherrer Institut PSI gilt mit einem Budget von 450 Millionen Franken als das grösste Forschungsinstitut für Natur- und Ingenieurwissenschaften in der Schweiz und ist eine tragende Säule des ETH-Bereichs. Vor welchen strategischen Herausforderungen steht das Institut aktuell?

Christian Rüegg: Wir spüren derzeit ein enormes, weltweites Interesse an Grossforschungsanlagen und tiefgreifenden Technologiethemen. Wir sprechen hier konkret von Deep-Tech-Feldern wie Quantencomputing, künstlicher Intelligenz, Fusions- und Nukleartechnologie sowie der Raumfahrt. Unsere zentrale Stärke liegt in der Kombination aus exzellenter Grundlagenforschung und hochspezialisiertem Engineering. Unsere grösste strategische Herausforderung besteht jedoch in der Selektion: Wir können theoretisch in fast jedem dieser Bereiche einen massgeblichen Beitrag leisten, müssen aber präzise auswählen, wo wir unsere Ressourcen investieren, um echte Wirkung zu erzielen. Wir sprechen uns diesbezüglich auch im ETH-Bereich ab.

Christian Brönnimann: Wenn ich das aus der Sicht des Unternehmers ergänzen darf, als Gründer und Verwaltungsratspräsident der Dectris AG: Die Schweiz exportiert einen Grossteil ihrer Produkte. Der starke Schweizer Franken ist unsere grösste Herausforderung. Für die Wirtschaft ist es daher essenziell, dass wir hierzulande in die Forschung investieren. Ein Grossteil der Arbeit am PSI ist Grundlagenforschung. Das ist kein Selbstzweck, sondern macht uns fit für die Zukunft: Schweizer Firmen können im internationalen Wettbewerb nur bestehen, wenn sie über hochgradig innovative Produkte verfügen. Hier leistet das PSI einen entscheidenden Beitrag zur Konkurrenzfähigkeit unserer Unternehmenslandschaft.

Der Transfer in die Wirtschaft ist keine Nebenaufgabe, sondern markiert eine unserer Hauptmissionen.– Prof. Dr. Christian Rüegg,
Direktor PSI

Das Spektrum des PSI reicht von Health Innovation bis hin zu Zukunftstechnologien. Wie gelingt es Ihnen, die hoch spezialisierte Grundlagenforschung unter anderem an den Grossforschungsanlagen des PSI so zu steuern, dass daraus greifbare Lösungen für gesellschaftliche Themen entstehen?

Christian Rüegg: Der Transfer in die Wirtschaft ist keine Nebenaufgabe, sondern markiert eine unserer Hauptmissionen. Dieser Prozess findet täglich auf verschiedenen Ebenen statt. Know-how wird lizenziert und es entstehen kontinuierlich Spin-offs, durch die unsere Innovationskraft direkt in den Wirtschaftskreislauf fliesst. Während die Pharmaindustrie bereits sehr stark unsere Dienstleistungen nutzt, profitieren zunehmend auch KMU von unseren Anlagen. In diesem Kontext spielt der Park Innovaare, der in direkter Nachbarschaft zum PSI liegt, eine Schlüsselrolle. Aber die Details dazu überlasse ich gerne seinem VR-Präsidenten.

Christian Brönnimann: Danke dafür (lacht). Das Ziel des Park Innovaare lautet tatsächlich, genau diesen Transfer zur Industrie zu beschleunigen und zu manifestieren. Wir haben hier einen Gebäudekomplex aus vier Bauten realisiert, der technisch hochgerüstet ist – inklusive zwei grossen Laborgebäuden und einem zentralen Reinraum sowie der Werkstatt des PSI. Firmen siedeln sich bei uns an, weil sie komplexe technische Projekte realisieren wollen und dafür die Nähe und Zusammenarbeit mit dem PSI suchen. Seit zwei Jahren sind wir in Betrieb und beherbergen bereits 30 Firmen. Die Mischung ist ideal: 40 Prozent sind Start-ups, 40 Prozent KMU, zehn Prozent machen internationale Konzerne aus und bei zehn Prozent handelt es sich um öffentlich geförderte Technologietransferzentren. Der Ort ist die physische Manifestation dessen, wie moderner Wissenstransfer heute funktionieren muss.

Das PSI versteht sich als Motor für Innovation. Wie fördern Sie den Dialog mit Schweizer Unternehmen konkret, damit Forschungsergebnisse nicht im Labor bleiben, sondern den Weg in die industrielle Anwendung finden?

Christian Rüegg: Wir haben mit den beiden Technologietransferzentren Anaxam und SwissPIC zwei neue Formate geschaffen, die den Zugang zu unseren hochkomplexen Anlagen drastisch vereinfachen. Unser Ziel ist es, die Hürden für Unternehmen stetig zu senken und den Fokus gezielt auf relevante Zukunftsthemen zu richten.

Christian Brönnimann: Im Park Innovaare vertiefen wir diese Themen durch spezifische Innovationshubs. Wir wollen die Industrie dadurch noch näher an die Forschung bringen. Ein gutes Beispiel liefert die Halbleitermesstechnik: Das Mooresche Gesetz, das die Leistungsverdopplung von Prozessoren beschreibt, beschleunigt sich weiter: Mittlerweile sind wir bei einer Verdopplung alle sechs bis neun Monate statt alle anderthalb Jahre. Der Druck auf die Halbleiterindustrie ist darum enorm. Wir haben in der Schweiz zwar keine eigene Massenfertigung von Halbleitern, aber wir besetzen entscheidende Nischen als Zulieferer. In der Halbleitermesstechnik ist das PSI Weltspitze. Wir bauen nun gezielt einen Innovationshub um dieses Thema herum auf, um Firmen anzuziehen. Das ist das Modell, das wir auch für andere Stärken des PSI verfolgen.

Spin-offs sind ein zentraler Pfeiler des Technologietransfers. Welche Rahmenbedingungen schafft das PSI, um Forschende zu ermutigen, den Schritt ins Unternehmertum zu wagen?

Christian Rüegg: Im gesamten ETH-Bereich entstehen jährlich mehr als 60 Spin-offs, allein am PSI waren es über 20 in den letzten Jahren. Unsere Pipeline ist extrem gut gefüllt. Dectris ist natürlich eines unserer erfolgreichsten Aushängeschilder, sowie die Araris Biotech AG, das erste «Unicorn» des PSI. Um diesen Prozess zu systematisieren, haben wir 2017 das «PSI Founder Fellowship» ins Leben gerufen. Dabei werden jährlich bis zu drei Forschende mit einer vielversprechenden Businessidee unterstützt. Sie erhalten maximal 18 Monate lang die Chance, ihr Produkt marktreif zu machen und einen Businessplan zu erstellen, tatkräftig unterstützt durch unser Technologietransfer-Team und die UBS.

In der Halbleitermesstechnik ist das PSI Weltspitze.– Dr. Christian Brönnimann,
VR-Präsident Park Innovaare

Christian Brönnimann: Als ich vor 20 Jahren Dectris gründete, war ich selbst Forscher. Ich habe gelernt: Technologie allein reicht nicht. Man braucht die richtigen Personen, die das Ganze umsetzen. Ich hatte anfangs keine Ahnung von Business, aber ich war bereit, Risiken einzugehen und habe mir die richtigen Leute gesucht. Vieles davon lernt man am PSI implizit: Die Zusammenarbeit und die ständige Anpassung an neue wissenschaftliche Herausforderungen bereiten einen hervorragend auf die Wirtschaft vor. Der entscheidende Punkt ist:  Man muss «all-in» gehen. Mit Stützrädern kommt man nicht weit. 

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