Das ElWG hat die Karten für den Energiemarkt neu gemischt. Künftig ist es nicht nur möglich, Netzkapazitäten zu regulieren. Es ist ein Gebot der Stunde.

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Rainer Steinlesberger CEO Austria
Wer kürzlich Post von seinem oder ihrem Energieanbieter erhalten hat, wird wissend nicken. Energieanbieter versuchen aktuell Kunden, mit Flex-Tarifen zu ködern und versprechen günstigere Stromtarife, wenn Tagstrom genutzt wird. Die neuen Stromtarife sind ein notwendiger Versuch, Energieverbrauch stärker zu lenken. Denn Österreich hat, wie die meisten Länder, ein Energielenkungsproblem. Die Fortschritte beim Ausbau erneuerbarer Energien hat die ohnedies schon vorhanden Schwankungen im Stromnetz verschärft. Laut econtrol gibt es in Österreich mittlerweile rund 500.000 Photovoltaikanlagen und 1.400 Windräder, die gemeinsam mehr als 18 TWh Strom erzeugen. Die Herausforderung: PV-Anlagen erzeugen dann Energie, wenn die Sonne scheint, also tagsüber. Das ist aber auch die Zeit, wo am wenigsten Strom verbraucht wird. Windkraft ist zwar nicht an Sonnenlicht gebunden, aber an Wetterbedingungen. Dazu kommt eine dezentrale und sehr unterschiedliche Verteilung der Anlagen. Während etwa Niederösterreich eine relativ hohe Dichte an PV- und Windkraftanlagen aufweist, steht in Tirol kein einziger Windpark.
Die entscheidende Frage der Energieversorger und Netzbetreiber lautet daher: Wie orchestrieren wir Millionen dezentraler Anlagen, ohne die Netze zu überlasten oder im schlimmsten Fall einen Blackout herauszufordern?
Die Zukunft der Energie entscheidet sich nicht allein in der Erzeugung, sondern in der intelligenten Vernetzung.
Der Weg führt vom Stromnetz zum Flexibilitätsnetz
Das Stromnetz wurde für zentral gesteuerte, wenige Anlagen konzipiert, die Millionen von Haushalten und Unternehmen mit Energie versorgen. Für die neue, dezentrale Energieerzeugung mit Verbrauchern, die gleichzeitig Erzeuger sind, also sogenannte Prosumer, ist es nicht ausgelegt. Der Erfolg der Energiewende wird deshalb nicht mehr allein durch einen teuren Netzausbau oder zusätzliche Erzeugungskapazitäten entschieden, sondern durch die Fähigkeit, Erzeugung, Speicherung, Verbrauch und Netzbetrieb intelligent aufeinander abzustimmen. Neue Stromtarife und der zunehmende Einsatz von Batteriespeichern ist ein wichtiger Schritt. Der zweite passiert in der Digitalisierung und Echtzeit-Überwachung von Energieflüssen. Digitale Zwillinge, Echtzeit-Datenplattformen und fortschrittliche KI-Prognosemodelle ermöglichen es Netzbetreibern und Energieversorgern, Netzengpässe frühzeitig zu erkennen, Lasten zu verschieben und verfügbare Flexibilitäten optimal zu nutzen.
Intelligente Netze im Praxistest
Die Vorteile der intelligenten KI-Steuerung von Energienetzen sind bereits belegt. Der Technologieentwickler und -dienstleister Zühlke begleitet schon seit vielen Jahren Energieunternehmen, Netzbetreiber und Infrastrukturorganisationen bei der Digitalisierung geschäfts- und sicherheitskritischer Systeme. Gemeinsam mit Unternehmen wie die niederösterreichische EVN, den Schweizer Übertragungsnetzbetreiber Swissgrid sowie die Energieunternehmen EKZ und Alpiq tätig oder den britische Regulator Ofgem wurden Datenplattformen, Analytics-Lösungen und digitale Fähigkeiten aufgebaut, die Transparenz schaffen, Echtzeit-Monitoring und -prognosen ermöglichen, Entscheidungsprozesse verbessern und die Grundlage für die nächste Generation intelligenter Energiesysteme bilden.
Reduktion von PV-Stromspitzen
Besonders gut ist die Datenlage beim Schweizer Energieversorger EKZ, der sein Pilotprojekt OrtsNetz in der Zürcher Gemeinde Winkel gemeinsam mit der ETH Zürich und unterstützt vom Bundesamt für Energie (BFE) über drei Jahre lang wissenschaftlich begleitet hat. Zentral Elemente der Untersuchung war die Analyse, wie intelligente automatisierte Netze, dynamische Tarife und lokale Speichertechnologien das Stromnetz entlasten und die Schwankungen bei der Einspeisung reduzieren können. Das Ergebnis: Durch die Kombination aus dynamischen Tarifen und direkter intelligenter Steuerung konnte eine Reduktion der PV-Stromspitzen im Netz von rund fünf Prozent erreicht werden konnte. Aber nicht nur der Energieerzeuger profitierte von der gleichmäßigeren Verteilung. Vor allem Kunden mit flexiblen Lasten, etwa durch Elektroautos, Boiler oder Wärmepumpe konnten ihre Energiekosten durch dynamische Tarife senken.
Das Beispiel EKZ zeigt, dass es längst nicht mehr um einzelne Technologien, sondern um die intelligente Verbindung unterschiedlicher Maßnahmen geht. Die Energiewende verlangt heute gleichzeitig tiefes Verständnis für Energiewirtschaft, regulatorische Rahmenbedingungen, Engineering, Datenplattformen, künstliche Intelligenz und Cybersecurity. Daten werden zur neuen Währung für Energieversorger, Netzbetreiber, Prosumer und Endverbraucher. Wer Netzdaten, Betriebsdaten, Asset-Daten und Kundendaten intelligent zusammenführt, kann Netze effizienter betreiben, Investitionen besser steuern, regulatorische Anforderungen erfüllen und neue Energie-Services entwickeln. Die Fähigkeit, aus Daten konkrete Entscheidungen abzuleiten, wird damit zu einem entscheidenden Wettbewerbsvorteil.
Nicht nur Überwachung sondern Sicherheit
Je digitaler das Energiesystem wird, desto wichtiger wird auch seine Sicherheit. Mit der Umsetzung von NIS2 rückt eine Erkenntnis in den Mittelpunkt: Versorgungssicherheit und Cybersicherheit sind heute untrennbar miteinander verbunden. Wo früher einzelne Kraftwerke geschützt werden mussten, gilt es heute komplexe digitale Ökosysteme aus Leitstellen, Smart Metern, Wechselrichtern, Batteriespeichern, Netzkomponenten und Cloud-Plattformen resilient zu gestalten.
Energieunternehmen müssen nicht nur ihre eigene Infrastruktur schützen, sondern ganze digitale Wertschöpfungsnetzwerke vom Umspannwerk über Smart Meter und Wechselrichter bis hin zu Cloud-Plattformen absichern. Angesichts der steigenden Zahl von Cyber-Angriffen wird aber auch die Fähigkeit, Sicherheitsvorfälle über sämtliche Assets hinweg frühzeitig zu erkennen und schnell darauf zu reagieren, zu einem kritischen Erfolgsfaktor. Moderne Security Operation Center entwickeln sich deshalb zunehmend zur digitalen Leitstelle der Cyberresilienz.
Durch die kontinuierliche Überwachung von IT-, OT- und Cloud-Umgebungen können potenzielle Bedrohungen frühzeitig erkannt, bewertet und eingedämmt werden. Gerade für Betreiber kritischer Infrastrukturen wird ein schneller und koordinierter Incident Response über die gesamte digitale Systemlandschaft hinweg zu einer zentralen Voraussetzung für Versorgungssicherheit und Resilienz.
Intelligente Energiewende?
Die zentrale Frage der kommenden Jahre lautet nicht, ob die Energiewende kommt. Das langsame, aber nicht reversible Schwinden fossiler Energievorkommen gepaart mit einem weltweit immer stärkeren Energiebedarf macht den Ausbau von erneuerbaren Energiequellen zum Muss. Die entscheidende Frage lautet aber, wie intelligent wir diese Energiewende begleiten und gestalten. Wer das Stromnetz als Flexibilitätsnetz versteht, Daten als strategische Ressource nutzt und Cyberresilienz von Anfang an mitdenkt, wird die Energiewirtschaft der Zukunft prägen.
Österreich hat die Chance, dabei eine Vorreiterrolle einzunehmen. Das Land verfügt über einen starken Energiesektor, ambitionierte Klimaziele, technologische Kompetenz und eine hohe Innovationskraft. Um diese Chance zu nutzen, müssen wir Energie, Digitalisierung und Sicherheit gemeinsam denken.
Die Zukunft der Energie entscheidet sich nicht allein auf Feldern mit Windrädern oder auf Dächern mit Solaranlagen. Sie entscheidet sich in der Fähigkeit, Millionen dezentraler Ressourcen in Echtzeit zu koordinieren, Vertrauen in digitale Systeme zu schaffen und aus Daten die richtigen Entscheidungen abzuleiten.
Die zweite Phase der Energiewende hat begonnen. Der Weg führt vom Stromnetz zum Flexibilitätsnetz.
Weitere Informationen unter: zuehlke.com
Über Zühlke
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Zühlke wurde 1968 in der Schweiz gegründet, ist im Besitz von Partnern und hat Standorte in Europa und Asien. In Österreich ist Zühlke seit 2009 vertreten. Am Wiener Standort ist auch ein eigenes Elektronik- und Entwicklungslabor integriert. Zusätzlich gibt es seit Ende 2025 ein Büro am Linz Institute of Technology, LIT.

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