Kaum eine Branche ist so sehr von der Entwicklung künstlicher Intelligenz betroffen wie die der Juristen. Wie werden sie also in Zukunft aussehen, die juristischen Berufe?
Bevor wir uns der Frage zuwenden, wie die Erscheinungsbilder von Juristen sein werden, stellt sich die Vorfrage, ob es noch welche geben wird. Die Antwort lautet: Ja, aber spürbar weniger. Das klingt zunächst paradox, wird unsere Welt doch seit vielen Jahren mehr und mehr von rechtlichen Vorgaben geprägt. Nicht ohne Grund steht der »Bürokratieabbau« oder, wie es neuerdings öfter heißt, »Bürokratierückbau«, seit Jahrzehnten auf der Tagesordnung der politischen Akteure. Die Unternehmen ächzen unter der Last überbordender Regeln und für jede abgeschaffte Norm werden gefühlt zehn neue ersonnen. Nein, an fehlenden Vorschriften liegt der Rückgang des Bedarfs an Juristen nicht. Sondern an der Emanzipation der Laien. Schon die Erfindung des Internets hat das gemeine Volk in den Stand versetzt, auf einmal scheinbar mühelos scheinbar auf Augenhöhe mit den Profis mithalten zu können, wenn es um deren angestammtes Herrschaftswissen geht. Eigene Recherchen wurden Anwälten präsentiert, nach dem Motto: Das braucht man doch nur auf einen Briefbogen zu übernehmen, dafür kann man kein üppiges Honorar mehr berechnen.
Das war natürlich oft ein Irrtum und die überragende Mehrheit der Bevölkerung ist davor zurückgeschreckt, mit ergoogeltem Halbwissen allzu triumphierend aufzutreten, wenn man doch ahnte, dass das Eis, auf dem man dort wandelte, brüchig war. Aber nun, da das Zeitalter der KI heraufgedämmert ist, fühlen sich nicht nur mehr und mehr Menschen ermutigt, nein: sie sehen sich sogar in der Annahme schon oft bestätigt, dass künstliche Intelligenz ihnen 24/7 die Antworten liefert, die sie brauchen. Es funktioniert. Okay, noch nicht überall und verlässlich ist das auch nicht. Aber das Leben besteht doch aus einer Serie von Abwägungen. Hier etwa: Zeit und Geld für anwaltlichen, (hoffentlich) verlässlichen Rat versus sofortige, kostenfreie Ersteinschätzung des Computers. Mal wird man zur einen, mal zur anderen Variante greifen. Immer häufiger zur anderen. Aber die eine bleibt ebenso.
Die juristischen Berufe gehen einer schöneren Zukunft entgegen. Jeder Einzelne muss nur die Chancen ergreifen, die darin stecken.
Das gilt für jeden der juristischen Berufe. Wer KI befragt, braucht oft keinen Anwalt mehr einzuschalten. Wer von der KI hört, dass die Chancen gering sind, ruft kein Gericht mehr an. Wer im autonomen Fahrzeug unterwegs ist – dieser Seitenschlenker auf ein anderes großes Thema im Kontext von KI und Robotik sei gestattet –, der fährt nicht mehr zu schnell, bekommt kein Bußgeld, hat mit Verfolgung und Justiz nichts mehr zu tun. Unfälle gibt es auch nicht mehr. Kein Streit mit Gegnern. Keine Inanspruchnahme von Versicherungen. Rechtsabteilungen werden drastisch reduziert. Aber nicht auf null. Irgendwer wird am Ende die juristische Aufsicht behalten, denn wer Computer einsetzt, haftet für deren Äußerungen und das wird in Zukunft immer häufiger relevant.
Das Zwischenfazit muss also lauten: Es wird weniger Juristen geben in Zukunft. Für unsere Zunft eine schlechte Nachricht. Draußen wird nicht jeder Betrachter unzufrieden sein, werden wir doch gemeinhin als unproduktive Bremser und Bedenkenträger einsortiert (zu Unrecht natürlich!).
Rechtsanwälte werden weiterhin Begleiter ihrer Mandanten sein. Die simple, eindimensionale Rechtsfrage wird nicht mehr oft gestellt. Aber wer sein Testament verfasst, die Scheidung einleitet, sein Unternehmen verkauft, wer von der Anwaltskammer den Widerrufsbescheid über die Zulassung erhält, wessen Sozietät gerade auseinanderbricht, wer die Löhne zum Monatsende nicht mehr bezahlen kann, der wird auch noch in den nächsten Jahren den persönlichen Rat eines Rechtsanwalts suchen. Anwälte sind, wenn ich so ehrlich sein darf, nicht generell empathischer als die Maschine. Aber wir Menschen neigen – jedenfalls auf Sicht – dazu, in Situationen, wo es darauf ankommt, wo die existenziellen Weichen gestellt werden, doch eher den Rat eines erfahrenen Menschen in Anspruch zu nehmen. In ein paar Jahren ist das womöglich irrational und wieder später wird es sich vielleicht ändern, aber so weit man sehen kann, wird es so bleiben.
Wer jetzt fragt »Und dann?«, dem empfehle ich die Lektüre von Nassim Nicholas Talebs »Der Schwarze Schwan«. Dort wird mit zahlreichen Beispielen aufgezeigt, wie begrenzt unser menschliches Prognosevermögen ist. Wir rechnen, wenn eine Zukunftsvision gefragt ist, hoch, was wir in unserem Leben gesehen haben, und zwar linear. Die Entwicklung verläuft so aber nicht, weder in unseren Leben noch in der Welt. Schon gar nicht seit der Erfindung künstlicher Intelligenz. Bescheiden wir uns also damit, auf Sicht Vorhersagen zu treffen. Und da bleiben die Berufe erhalten.
Eines ist aber auch klar: Der Umbruch, der mit der KI für sämtliche nicht handwerklichen Berufe eintritt, ist im Begriff, die juristische Berufswelt massiv zu verändern. Für diejenigen, welche die Chance haben, einen der Berufe zu ergreifen – und der Rechtsanwalt ist dabei der schönste aller juristischen Berufe –, birgt das ungeahnte Chancen. Anwälte werden ihre Qualität und Geschwindigkeit, sprich ihre Serviceleistungen für ihre Mandanten, enorm steigern. Richter können sich auf das Rechtsgespräch mit den Beteiligten fokussieren und viel Gutes bewirken, Streit schlichten, vom Rechtsstaat überzeugen, der auf einmal wieder funktionsfähig wird und nicht im Morast fehlender Kapazitäten und unzureichender Kompetenz stecken bleibt. Staatsanwälte können echten Delikten effizient und effektiv nachspüren und werden von alltäglichen Bagatellen entlastet. Unternehmensjuristen können durch rasche und konstruktive Begleitung von Verträgen und Vorgängen sichtbar zum betrieblichen Erfolg beitragen.
Die juristischen Berufe gehen einer schöneren Zukunft entgegen. Jeder Einzelne muss nur die Chancen ergreifen, die darin stecken. Für sich selbst individuell, für die Berufe als Kollektiv und nicht zuletzt für unseren Rechtsstaat, der die Gesellschaft trägt.
Text Prof. Dr. Volker Römermann
Prof. Dr. Volker Römermann, CSP
- Seit 29 Jahren Rechtsanwalt mit Schwerpunkt im anwaltlichen Berufsrecht
- Vorstand der Römermann Rechtsanwälte AG
- Honorarprofessor an der Humboldt-Universität zu Berlin und Direktor des Humboldt-Center for the Legal Profession

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