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Deutschland Digitalisierung Recht

Der Rechtsmarkt braucht seinen Elster-Moment – ohne Menschenmomente zu verlieren

09.04.2026
von SMA

Kaum ein Bereich galt lange als so kompliziert wie das Steuerrecht. Digitale Steuerplattformen haben den Zugang grundlegend verändert: Bürger:innen erstellen ihre Erklärung heute weitgehend selbstständig und digital. Im Rechtsmarkt steht eine vergleichbare Transformation noch aus – mit erheblichen Folgen für Wirtschaft, Versicherungen und Justiz. 

Anja TopollRechtsanwältin

Anja Topoll
Rechtsanwältin

Über Jahrzehnte war die Steuererklärung faktisch ein Expertenprodukt. Erst mit der elektronischen Steuerplattform Elster im Jahr 1996 entstand ein Selbsthilfeinstrument. Vorausgefüllte Daten, Plausibilitätsprüfungen und strukturierte Hinweise reduzierten Fehlerquoten und Beratungsbedarf gleichermaßen. Das Steuerrecht wurde dadurch nicht einfacher, aber nutzbar. Und ab dem 1. Juli 2026 wird es mit der App MeinElster+ noch einfacher: Abgabe der Steuererklärung mit nur einem Klick. 

Die Digitalisierung der Justiz verfolgt bislang ein anderes Ziel. Das besondere elektronische Anwaltspostfach seit 2018 und die seit 1. Januar 2026 verpflichtende elektronische Akte für Rechtsanwältinnen und Rechtsanwälte beschleunigen die Kommunikation eines Rechtsprozesses. Für Rechtssuchende verändert sich jedoch wenig. Die Systeme digitalisieren interne Abläufe, nicht den Zugang zum Recht. 

Gerade daraus entsteht ein strukturelles Marktproblem. In anderen Branchen wurden Plattformen geschaffen, die komplexe Sachverhalte digital vorprüfen, bewerten und einordnen. Im Rechtsmarkt fehlt eine solche systemische Hilfe weiterhin. Konflikte werden meist erst sichtbar, wenn sie bereits eskaliert sind: ökonomisch betrachtet der teuerste Zeitpunkt. 

Eine Schlüsselrolle könnten Rechtsschutzversicherungen einnehmen. Sie verfügen über umfangreiche Fall-, Kosten- und Vergleichsdaten aus realen Streitigkeiten. Diese Datenbasis eignet sich, um KI-gestützte Prognosen zu trainieren: Erfolgsaussichten, typische Streitwerte oder wirtschaftlich sinnvolle Vergleiche. Bislang bleibt dieses Potenzial weitgehend ungenutzt. 

Digitalisierung verschiebt damit nicht die Bedeutung anwaltlicher Tätigkeit, sondern ihren Schwerpunkt.

Gleichzeitig gerät das klassische Versicherungsmodell unter Druck. Digitale Rechtsdienstleister bieten sofortige Einschätzungen und standardisierte Lösungen an, während Versicherungsleistungen häufig erst nach Eintritt eines Konflikts greifen. Für Unternehmen und Privatpersonen entsteht damit ein erkennbarer Mehrwertunterschied: Orientierung – und zwar schon präventiv – statt nachträglicher Kostenerstattung. 

Die wirtschaftliche Konsequenz liegt nahe. Rechtsschutz kann sich vom Schadensprodukt zum Präventionsprodukt entwickeln. Digitale Vertrags- und Kündigungschecks könnten Risiken identifizieren, bevor Streit entsteht. Automatisierte Analysen von Arbeitsverträgen oder Allgemeinen Geschäftsbedingungen würden problematische Klauseln markieren und Handlungsoptionen aufzeigen. Jeder vermiedene Rechtsstreit reduziert Kosten für Versicherer und Unternehmen sowie die Belastung für Gerichte. 

LegalTech-Unternehmen verfügen bereits über leistungsfähige Technologien, stoßen jedoch auf ein Daten- und Kundenproblem. Nur ein kleiner Teil gerichtlicher Entscheidungen ist öffentlich verfügbar. Kostenpflichtige Datenbanken schließen die Lücke teilweise, bilden jedoch nicht die Breite realer Konfliktverläufe ab. Rechtsschutzversicherer besitzen dagegen praxisnahe Datensätze über Streitwerte, Verfahrensdauer und Vergleichsquoten. Erst diese Informationen ermöglichen belastbare Prognosemodelle für den Erfolg oder Nichterfolg eines Rechtsstreits.  

Ein kooperatives Modell liegt daher nahe. Versicherer könnten Daten bereitstellen, Technologieanbieter Analysewerkzeuge entwickeln und Kanzleien die Ergebnisse juristisch validieren. Daraus ließe sich ein digitales »Rechts-Cockpit« entwickeln: Dokumente würden hochgeladen, automatisiert bewertet und in Handlungswege eingeordnet: Selbsthilfe durch Musterformulare, Mediation, zur Streitschlichtung anwaltliche Beratung oder der klassische Versicherungsfall. 

Ökonomisch entspricht dies zunächst dem Effekt, den digitale Steuerplattformen hervorrufen. Diese hat die Steuerberatung nicht ersetzt, sondern verlagert: Standardfälle wurden automatisiert, komplexe Sachverhalte blieben Expert:innen vorbehalten. Ein ähnlicher Strukturwandel ist im Rechtsmarkt denkbar. 

Ganz vergleichen lassen sich Steuer- und Rechtsangelegenheiten jedoch nicht. Steuerfragen sind überwiegend rational-monetär geprägt, auch wenn sie existenzielle Auswirkungen haben können. Rechtliche Konflikte betreffen dagegen häufig persönliche Lebensbereiche wie Arbeitsplatz, Wohnung, Familie oder unternehmerische Beziehungen und sind daher emotional aufgeladen. 

Gerade deshalb bleibt die individuelle Beratung zentral. Digitale Systeme können Risiken strukturieren, Erfolgsaussichten berechnen und Handlungsoptionen vorbereiten. Die juristische Wertschöpfung entsteht jedoch im Gespräch, in der Einordnung des Einzelfalls und im Umgang mit den Beteiligten. Die entscheidenden »Menschenmomente« – Verhandlung, Konfliktlösung und Vertrauen – lassen sich nicht automatisieren. Digitalisierung verschiebt damit nicht die Bedeutung anwaltlicher Tätigkeit, sondern ihren Schwerpunkt: weg von Routinetätigkeiten, hin zu persönlicher, situationsbezogener Beratung.

Langfristig könnte daraus eine neue Marktstruktur entstehen. Bis 2030 ist ein integriertes digitales Rechtsportal (»Rechts-Cockpit«) denkbar, vergleichbar easy wie Online-Banking: strukturierte Fallaufnahme, automatisierte Ersteinschätzung, transparente Erfolgsaussichten und gezielte Weiterleitung an passende Handlungsoptionen wie Selbsthilfe, Mediation, anwaltliche Beratung oder Versicherung. Rechtsschutzversicherer würden dabei vom Kostenträger zum Koordinator eines datenbasierten Ökosystems Recht. 

Der Rechtsmarkt erhielte damit seinen »Elster-Moment«: Recht würde nicht einfacher, aber erstmals systematisch zugänglich – ohne die Menschenmomente zu verlieren, die den Kern juristischer Beratung ausmachen. 

Text Anja Topoll

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