
Holger Berens
Vorstandsvorsitzender des Bundesverbands für den Schutz Kritischer Infrastrukturen e. V. (BSKI)
Sicherheit ist ein grundlegendes Ziel jedes Menschen, aber auch der Politik und der Wirtschaft. Sie bedeutet mehr als das Nichtvorhandensein von Bedrohungen. Sicherheit bedeutet auch die Möglichkeit von Planungen, die sowohl das persönliche Leben als auch die Gesellschaft betreffen. Die Frage der öffentlichen Sicherheit ist in Europa in den vergangenen Jahren wieder stärker in das Zentrum politischer und gesellschaftlicher Aufmerksamkeit gerückt. Lange Zeit galt Stabilität in vielen Bereichen unseres Alltags als selbstverständlich. Energie floss aus der Steckdose, Kommunikationsnetze funktionierten zuverlässig, Versorgungsketten arbeiteten nahezu unsichtbar im Hintergrund. Die geopolitischen Entwicklungen der letzten Jahre haben deutlich gemacht, dass diese Stabilität kein Naturzustand ist – sie ist das Ergebnis kontinuierlicher Anstrengung.
Der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine hat Europa in einer Weise erschüttert, die viele Menschen zuvor kaum für möglich gehalten hätten. Energieversorgung, Lieferketten und digitale Infrastrukturen sind seitdem stärker in den Fokus sicherheitspolitischer Überlegungen gerückt. Gleichzeitig zeigen andere internationale Spannungen – etwa im Nahen Osten und im Verhältnis zwischen Israel, den USA und dem Iran –, wie schnell regionale Konflikte globale Auswirkungen entfalten können. In einer vernetzten Welt betreffen politische und militärische Entwicklungen häufig auch jene Systeme, auf die unser Alltag angewiesen ist.
Vor diesem Hintergrund wird deutlich, welche zentrale Rolle der Schutz kritischer Infrastrukturen innehat – also Versorgungssicherheit, Lebensmittelversorgung, Gas, Wasser, Energie, Daten- und Gesundheitsversorgung und vielem mehr. Diese Systeme bilden das Rückgrat moderner Gesellschaften. Wenn sie ausfallen oder beeinträchtigt werden, hat das unmittelbare Folgen für Wirtschaft, Staat und Bevölkerung.
Die Europäische Union hat auf diese veränderte Sicherheitslage mit Initiativen reagiert. Ein wichtiger Baustein sind die NIS2-Richtlinie und das KRITIS-Dachgesetz, die europaweit ein höheres Niveau der Cybersicherheit und der physischen Sicherheit in zentralen Wirtschafts- und Infrastruktursektoren schaffen sollen. Ziel ist es, Mindeststandards zu etablieren, Verantwortlichkeiten klarer zu definieren und die Zusammenarbeit zwischen Unternehmen, Behörden und europäischen Institutionen zu stärken.
Deutschland arbeitet parallel an einem eigenen gesetzlichen Rahmen, dem KRITIS-Dachgesetz. Es soll bestehende Regelungen bündeln und den Schutz kritischer Infrastrukturen sektorübergreifend weiterentwickeln. Dabei geht es nicht nur um technische Fragen der IT-Sicherheit, sondern auch um organisatorische Resilienz, Krisenvorsorge und die Fähigkeit, auf Störungen schnell und koordiniert zu reagieren.
Ein weiterer Baustein der aktuellen Sicherheitsarchitektur ist der sogenannte OPlan DEU Deutschland. Dieses Konzept beschreibt die zivil-militärische Zusammenarbeit (ZMZ) von Staat, Wirtschaft und Gesellschaft in Krisen- und Verteidigungssituationen. Ziel ist es, Abläufe und Verantwortlichkeiten frühzeitig zu klären und insbesondere die Funktionsfähigkeit kritischer Infrastrukturen auch unter außergewöhnlichen Belastungen sicherzustellen.
Aus Sicht des Bundesverbands für den Schutz Kritischer Infrastrukturen ist diese Entwicklung grundsätzlich zu begrüßen. Die Herausforderungen lassen sich nur in enger Zusammenarbeit zwischen Staat, Wirtschaft und Gesellschaft bewältigen. Kritische Infrastrukturen werden in Deutschland zu einem großen Teil von privaten Unternehmen betrieben. Deshalb ist es entscheidend, dass regulatorische Maßnahmen nicht nur Pflichten definieren, sondern auch Kooperation und Austausch fördern.
Gleichzeitig müssen wir darauf achten, die aktuelle Sicherheitsdebatte mit Augenmaß zu führen. Internationale Krisen dürfen nicht zu überstürzten Entscheidungen oder reflexartigen Reaktionen führen. Sicherheit entsteht nicht durch kurzfristige Maßnahmen allein, sondern durch langfristige Strategien, sorgfältige Planung und kontinuierliche Investitionen in Resilienz.
Gerade in Zeiten erhöhter Aufmerksamkeit ist es wichtig, zwischen notwendiger Vorsorge und unbegründeter Besorgnis zu unterscheiden. Eine resiliente Gesellschaft zeichnet sich dadurch aus, dass sie Risiken erkennt, vorbereitet handelt und zugleich ihre Handlungsfähigkeit bewahrt. Panik oder politischer Kurzschluss helfen in solchen Situationen nicht weiter.
Öffentliche Sicherheit ist zudem nicht allein Aufgabe von Behörden oder Unternehmen. Sie ist ein Gemeinschaftsprojekt. Politik muss verlässliche Rahmenbedingungen schaffen, Unternehmen ihre Systeme widerstandsfähig gestalten und auch die Gesellschaft spielt eine Rolle – etwa durch ein wachsendes Bewusstsein für digitale Sicherheit und verantwortungsbewusstes Verhalten in Krisensituationen.
Der Schutz kritischer Infrastrukturen ist keine kurzfristige Aufgabe, sondern ein dauerhafter Prozess. Er erfordert Innovation, organisatorische Lernfähigkeit und vor allem eine enge Zusammenarbeit zwischen allen relevanten Akteuren.
Öffentliche Sicherheit in einer vernetzten Welt bedeutet daher vor allem eines: aufmerksam bleiben. Risiken frühzeitig erkennen, Strukturen widerstandsfähig gestalten und zugleich die Offenheit unserer Gesellschaft bewahren. Wenn Politik, Wirtschaft und Gesellschaft diese Verantwortung gemeinsam wahrnehmen, können wir den Herausforderungen unserer Zeit mit Besonnenheit begegnen – und mit der Zuversicht, dass Sicherheit und Stabilität auch künftig gewährleistet bleiben.
Text Holger Berens, Vorstandsvorsitzender des Bundesverbands für den Schutz Kritischer Infrastrukturen e. V. (BSKI)
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