Maris Rauch alias Volane malt das, was im Alltag oft übersehen wird: Zigarettenstummel, Tampons, Körperlichkeit, Scham und kleine Irritationen, die plötzlich mehr erzählen als ein glattes Motiv. Im Interview spricht sie über Kreativität, den Volanismus, Social Media und darüber, warum Talent überschätzt wird.
Maris, was hat dich zur Kunst gebracht und was hält dich daran fest?
Was mich zur Kunst gebracht hat, kann ich gar nicht so genau sagen. Ich glaube, alle Kinder sind kreativ und ich habe als Kind nun mal viel gemalt. Ich bin über 40. Uns konnte man also kein Tablet in die Hand drücken, wenn man mit den Eltern unterwegs war. Ich musste oft mit zu Terminen und hatte immer irgendwo Zettel und Stift dabei. Damit habe ich nie aufgehört. Ich konnte mit der Malerei alles füllen: Langeweile, Sorgen, Wartezeit, völlig egal was. Über die Jahre ist Kunst für mich etwas geworden, ohne das ich nicht kann. Ich male im Wartezimmer, im stehenden Auto, manchmal sogar im Kino, wenn ich irgendwo Licht erhasche. Das hat nichts mit Desinteresse zu tun. Es fließt ganz beiläufig überall mit ein.
Was inspiriert dich im Alltag, wie findest du deine Motive und was machst du, wenn die Kreativität stockt?
Ich glaube, man verwechselt oft unterschiedliche kreative Phasen mit «kreativen Blockaden». Es gibt sehr inspirierte und eher handwerkliche Zeiten. Wenn ich viele Ideen habe, schreibe ich sie auf oder mache Referenzfotos und Skizzen. Wenn ich dann weniger Ideen habe, arbeite ich diesen Ideenpool handwerklich ab. Natürlich sind 99 Prozent aller Ideen für die Tonne. Aber das ist gut so. Von einer Idee kommt man auf die nächste, sieben schmeißt man wieder weg und am Ende wird es etwas ganz anderes. Für mich bedeutet Kreativität deshalb auch, einem Thema immer wieder aus neuen Richtungen zu begegnen, bis daraus ein unerwarteter Blickwinkel entsteht.
Manche Motive entstehen aus längeren Gedankengängen und aus einer Art quatschiger Unterhaltung mit mir selbst. Je länger ich an einem Thema herumdenke, desto eher taucht es in einem neuen Zusammenhang auf. So wird aus der Rückholschnur eines Tampons plötzlich ein Teil einer Mandarine.
Meine Inspiration kommt dabei oft aus ganz alltäglichen Sachen. Ich liebe das Profane. Beispielsweise male ich Zigarettenstummel relativ häufig, weil sie überall herumliegen und niemand sie wirklich sieht. Solche blinden Flecken des Alltags interessieren mich besonders. Dazu können etwa der weibliche Alltag mit der Periode oder auch eine Rotzfahne gehören: Beides ist Alltag, aber oft eben zu widerlich, um darüber zu sprechen. Solche Dinge mache ich gerne sichtbar. Am besten funktioniert das, wenn man sie aus dem Kontext nimmt. Dinge, die eklig zu sein scheinen, sind zumindest normal und manchmal sogar hübsch, wenn man sie aus dem Kontext zieht und neu betrachtet.
Für die Bilder baue ich meine Referenzen möglichst selbst. Ich arrangiere Gegenstände, fotografiere sie und male anschließend nach diesen Vorlagen. Für eine Gebärmutter habe ich zunächst versucht, die Form aus Kaugummi herzustellen. Der war allerdings zwei Jahre abgelaufen und zerbröselte, also wurde es am Ende Fimo. Diese Vorarbeit ist für mich bereits Teil des kreativen Prozesses. Das fertige Motiv sehe ich selten irgendwo im Alltag. Es entsteht, weil ich einen Gedanken weiterdrehe, bis aus etwas Bekanntem eine neue, leicht verschobene Situation wird.

© Maris Rauch
Viele deiner Motive bewegen sich dort, wo Alltag, Körperlichkeit und Tabus aufeinandertreffen. Warum ist dieser Zwischenraum für dich spannend?
Es ist spannend, weil so viel davon schambehaftet ist. Wenn man nicht beginnt, diese Themen zu desensibilisieren, bleibt das auch so. Wie lange soll denn eine Alltäglichkeit im Schatten stehen? Man sollte frei existieren dürfen. Heute kann man noch eher darüber sprechen, welche Viskosität der Stuhlgang hat, als darüber, dass man gerade seine Tage bekommt. Das ist schade. Ich irritiere dann auch gerne mit meinen Bildern – das macht mir tatsächlich Spaß. Wobei mir oft unterstellt wird, ich würde provozieren. Was einen provoziert, habe ich aber nicht in der Hand. Ich kann etwas Irritierendes malen, aber nichts Provozierendes.
Deine Arbeit hat eine sehr eigene Sprache. Wann hast du gemerkt, dass du deinen Stil gefunden hast, und wie ist daraus der Volanismus entstanden?
Ich wurde sehr oft gefragt, welche Stilrichtung das sei, in der ich male, und fühlte mich in keiner so richtig zu Hause. In dem größten Wahn, der mir innewohnt, habe ich dann gesagt: Gut, dann brauche ich halt meine eigene. So entstand der Volanismus. Für mich ist das die surreale Version des Alltags, das Profane, das Irritierende. Da darf jede Person mitmachen. Der Volanismus schlägt im Prinzip in die Kerbe des Realismus, nur dass der Alltag ad absurdum geführt wird.
Welche Rolle kann Kunst spielen, wenn es darum geht, gesellschaftliche blinde Flecken sichtbar zu machen?
Ich glaube, Kunst ist eine Form von Rebellion wie ein steter Tropfen, der den Stein höhlt. Mit meinen Arbeiten eröffne ich Interpretationsspielraum. Dieser führt zu Diskussionen und dazu, dass in den Köpfen verschiedene Versionen eines Bildes entstehen. Dadurch fangen Menschen an, darüber nachzudenken. Selbst wenn jemand meine Kunst nicht mag, was völlig legitim ist, führt sie oft dazu, dass diese Person denkt: Was will die Alte denn? Während manche mir einen Fetisch unterstellen, sagen andere, sie fühlen sich gesehen und gehört. So gehen die Denkweisen in verschiedene Richtungen. Kunst gibt Dingen somit eine Bühne, die sonst wenig oder gar nicht diskutiert werden.
Viele deiner Arbeiten lösen Reaktionen von Faszination bis Unbehagen aus. Woran liegt es, dass Betrachter:innen teilweise so stark reagieren?
Es sind gesellschaftliche Tabus und damit rüttle ich am Weltbild mancher Menschen. Wenn dann irgendeine Person aus dem Internet etwas malt, das man zu intim oder falsch findet, reagiert man oft erst einmal scharf. Ich habe mal ein Bild von einer Frau gemalt, die sich mit einer Schere die Schamhaare schneidet. Die Reaktionen darauf waren wild. Den einen war es zu intim, den anderen zu widerlich, weil es zu behaart war. Wieder andere fanden es gut, dass man zeigt, dass Frauen auch Haare haben dürfen. Wenn jemand denkt, Frauen müssten glatt rasiert sein, sonst sei es unhygienisch, entsteht daraus plötzlich eine Hygienediskussion. Manche Menschen können ihre Gefühle auch gar nicht richtig benennen. Sie merken nicht, dass sie überfordert, traurig oder verwirrt sind, und übersetzen das in Wut.
Social Media bringt diese Zustimmung und Ablehnung sehr direkt zusammen. Wie erlebst du diesen Raum als Künstlerin?
Auch ich bin nur ein Mensch und positive Reaktionen sind natürlich schön. Ich freue mich, wenn Leute sagen, dass sie meine Bilder mögen. Gleichzeitig gibt es Menschen, deren Meinung für mich mehr Gewicht hat als die von anderen. Bei meiner Kunst gibt es nur einen sehr kleinen Kreis von Menschen, deren Kritik mich wirklich beschäftigt. Fremde Kommentare nehme ich eher hin.
Gerade deshalb ist Social Media für mich ein wichtiger Teil meiner Arbeit. Dort kommen die unterschiedlichen Interpretationen unmittelbar zusammen. Die einen unterstellen mir etwas, andere erkennen sich in einem Bild wieder und erzählen von ihren eigenen Erfahrungen. Natürlich läuft das nicht immer wertfrei ab. Trotzdem entsteht ein Austausch, der in einem klassischen Ausstellungsraum so eventuell nicht stattfinden würde.
Dabei versuche ich, Meinungen nach ihrem Kontext einzuordnen. Es gibt einen kleinen Kreis von Menschen, bei denen ich über Kritik noch einmal nachdenken würde. Bei allen anderen gilt sinngemäß: Wenn ich von dir kein Zäpfchen nehmen oder dir keines geben würde, warum sollte deine Meinung über meine Kunst mein Handeln bestimmen? Lob lässt mich trotzdem nicht kalt. Es kann sehr bestätigend sein, entscheidet aber nicht darüber, was ich als Nächstes male.
Schönfinden und Schlecht-finden sind beides Dinge, die ich registriere. Klar kitzelt mich Schön-finden mehr. Aber auch positive Kommentare beeinflussen meine Arbeit nicht. Nur weil 1000 Menschen sagen, der Vogel sei schön gemalt, male ich deshalb nicht nochmals einen Vogel. Komplimente animieren oft dazu, etwas zu wiederholen. Das macht es mit mir bei der Kunst nicht.

© Maris Rauch
Hat sich dein Blick auf deine Arbeit verändert, seit sie öffentlich stärker wahrgenommen wird?
Bei der Malerei habe ich so etwas wie einen Lotus-Effekt, da prallt viel an mir ab. Das heißt aber nicht, dass ich grundsätzlich gegen Meinungen immun bin. In anderen Lebensbereichen habe ich meine Themen. Ich liebe Kleider, trage aber keine, weil mir schon als Kind gesagt wurde, dass ich dumm darin aussähe. Auch beim Singen bin ich unsicher, weil mir gesagt wurde, das klinge schlecht. Daran arbeite ich – Resilienz muss man lernen.
Es gibt aber eine Form von Kompliment, die richtig Eindruck bei mir hinterlässt, egal wie fremd mir die Person ist. Das sind Nachrichten von Menschen, die schreiben, sie hätten wegen mir wieder angefangen zu malen oder trauten sich wieder mehr zu. Wenn mir jemand sagt, meine Arbeit habe ihn oder sie dazu befähigt, mehr für sich einzustehen, wird mir das Herz warm. Für mich zeigt sich darin, dass Sichtbarkeit nicht nur Reichweite bedeutet, sondern auch echte Resonanz.
Deine Werke wirken oft sehr persönlich. Wie entscheidest du, was du von dir zeigst und was verborgen bleibt?
Ich würde meine Kunst und eigentlich jede Form von Kunst als sehr persönlich betrachten. Aber dadurch, dass es Interpretationsspielraum gibt, ist sie immer offen für alle. Ich habe das Bild gemalt, eröffne aber allen einen eigenen Blick darauf.
Meine Bilder sind auch deshalb persönlich, weil auf den meisten ich selbst zu sehen bin. Ich diene fast immer als Vorlage. Wenn jemand mit Bart zu sehen ist, war es meistens mein Ex-Mann oder ein Bekannter, aber im Kern bin ich oft selbst die Vorlage. Was mir wirklich heilig ist und was ich niemals malen oder ins Internet bringen würde, sind meine Kinder. Sie haben sich meinen Job und meine Präsenz im Internet nicht ausgesucht. Das obliegt mir nicht und steht mir nicht zu.
Ich glaube aber, dass Menschen durch meine Kunst eher eine Vorstellung von mir bekommen als einen echten Einblick. Sie haben eine Vorstellung von mir und meinem Alltag. Das ist völlig in Ordnung. Wir laufen immer mit Vorstellungen herum, selbst bei Menschen, die wir kennen.
Dein kommendes Buch beschäftigt sich mit dem Gedanken, Kreativität zugänglicher zu machen. Was steckt dahinter?
In dem Buch geht es darum, mit dem Talentbegriff aufzuräumen. Niemand braucht Talent. Wer malen will, braucht Zettel und Stift. Die Vorstellung, Talent sei irgendwo verborgen oder einem in die Wiege gelegt, halte ich für totalen Nonsens. Das ist ein Märchen, das einem eingetrichtert wurde, um sich und andere zu limitieren. Der Glaube daran, dass einem etwas Handwerkliches wie Malerei in die Wiege gelegt worden sein muss, begrenzt einen. Man muss es wollen und machen. Viele betreiben mehr Fehlersuche als Hingabe. Sie schauen immer nur darauf, was noch nicht perfekt ist, statt einfach zu machen.
In dem Buch lernt man Mut zur Hässlichkeit. Gerade darin steckt oft das Schöne. Je eigenwilliger etwas aussieht, desto mehr ist es deins. Das Normschöne übertrifft nicht das Individuelle. Kreativität, Malerei, Fotografie, Kunst und Handwerk kann man lernen. Es ist ein fortlaufender Prozess, in dem man sich ständig weiterentwickelt. Vielleicht mache ich in zehn Jahren etwas ganz anderes. Und selbst wenn meine Arbeit ähnlich aussieht, wird sie eine andere sein, weil auch ich dann eine andere bin. Vielleicht liegt genau darin die Freiheit von Kunst: nicht perfekt sein zu müssen, sondern immer wieder neu entstehen zu dürfen.
Weitere Informationen unter: volane.de
Zum Instagram-Profil: instagram.com/volaneart
Headerbild Maris Rauch
Schreibe einen Kommentar