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Nachhaltigkeit Energie

Dekarbonisierung: Vom politischen Ziel zur realen Transformation

17.12.2025
von Aaliyah Daidi

Auf den Dächern der Städte glitzern Solarpanels in der Sonne, in den Quartieren drehen sich Windturbinen leise im Wind und moderne Wärmepumpen versorgen die Wohnhäuser mit klimaneutraler Wärme. Die früher so vertrauten Öl- und Gasheizungen sind fast vollständig verschwunden. Auf den Strassen sieht man fast nur noch Elektroautos – der öffentliche Verkehr fährt mit grünem Strom, Fabriken arbeiten mit Wasserstoff oder Strom aus erneuerbaren Quellen. Die einstigen Versorgungsängste gehören der Vergangenheit an: Energie ist sauber, verfügbar und erneuerbar. Diese neue Energie- und Infrastrukturrealität ist das Resultat einer konsequenten Dekarbonisierung – einer tiefgreifenden Transformation von Energieversorgung, Mobilität, Industrie und Gebäuden.

Doch bis dieses Szenario Realität werden konnte, war ein enger, gut orchestrierter Wandel notwendig – einer, der gerade jetzt ins Stocken geraten könnte.

Warum Dekarbonisierung dringlicher denn je ist

Die gesetzten Klimaziele – national wie international – sind klar: Für die Schweiz steht bis 2050 das Ziel «Netto-Null» Emissionen. Doch der Schritt vom Ziel zur Umsetzung fällt schwer. Der reale Umbau von Gebäuden, Verkehr, Industrie und Energieversorgung schreitet vielerorts langsamer voran als nötig.

Die Abhängigkeit von fossilen Systemen bleibt hoch: Heizungen, Verkehr, Industrieprozesse – sie alle basieren noch weitgehend auf Öl und Gas. Kommen dann steigende Energiepreise, geopolitische Krisen oder Versorgungsengpässe hinzu, wird deutlich, wie verletzlich ein auf fossilen Importen basierendes System ist. Genau solche Schocks haben in den vergangenen Jahren das Bewusstsein geschärft: Die Risiken von Preisschwankungen und Versorgungsinstabilität sind real – und sie betreffen Wirtschaft und Bevölkerung gleichermassen.

Verschiedene Studien zeigen, dass eine umfassende Dekarbonisierung realistisch ist – wenn alle Optionen ausgeschöpft werden.

Gleichzeitig wächst der Druck, die Emissionen rasch zu senken. Denn nicht allein neue Energiequellen sind gefragt – Effizienzsteigerungen, neue Technologien, nachhaltige Infrastruktur und saubere Prozesse sind ebenso entscheidend. Ohne ein systematisches und gesamtheitliches Vorgehen droht ein Flickwerk aus halbherzigen Massnahmen, das das Netto-Null-Ziel in weite Ferne rückt.

Der Hebel: Elektrifizierung und erneuerbare Energie

Ein zentraler Pfeiler der Dekarbonisierung ist die Elektrifizierung – und zwar dort, wo heute fossile Energieträger dominieren: in Wärmeversorgung, Mobilität und Industrie. In der Schweiz beruht der Strommix bereits heute überwiegend auf emissionsarmen Quellen: Wasser- und Kernkraft dominieren, erneuerbare Energien werden ausgebaut.

Damit Strom als klimafreundlicher Energieträger das Rückgrat der Dekarbonisierung bilden kann, müssen erneuerbare Energien massiv ausgebaut, Speichertechnologien gefördert und der Netzbau vorangetrieben werden. Die Herausforderung liegt darin, dass der Strombedarf in Zukunft deutlich steigen wird – durch Wärmepumpen, elektrische Mobilität, neue industrielle Prozesse und Energieeffizienz-Technologien.

Nur mit einer konsequenten Kombination aus erneuerbaren Energien, Energieeffizienz und intelligenter Netz- und Speicherinfrastruktur lässt sich der Umbau wirtschaftlich und klimafreundlich realisieren. Damit werden Stromnetz, Gebäude, Verkehr und Industrie zu einem integrierten System – mit dem Potenzial, die Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen endgültig zu überwinden.

Die drei Säulen der Transformation

Die Dekarbonisierung betrifft keineswegs nur Strom. Besonders relevant sind drei grosse Sektoren:

Industrie: Rund ein Viertel der CO2-Emissionen der Schweiz entstehen durch industrielle Prozesse. Hier kann Reduktion über Energieeffizienz, Umstieg auf sauberen Strom und neue Technologien wie CO2-Abscheidung und -Speicherung erfolgen. Viele Unternehmen sind bereits engagiert: Einige haben sich verpflichtet, ihre Emissionen mir wissenschaftsbasierten Zielen zu senken.

Gebäude: Der Sektor verzeichnet Fortschritte: Der Ersatz von Öl- und Gasheizungen durch Wärmepumpen, besserer Wärmeschutz und effizientere Energienutzung führen zu sinkenden CO2-Emissionen. Die Dekarbonisierung des Gebäudeparks ist damit auf gutem Weg – doch der Bestand ist gross und der Umbau muss konsequent weitergehen.

Mobilität: Der Verkehrssektor ist für einen beträchtlichen Teil des Energieverbrauchs und der CO2-Emissionen verantwortlich. Der Umstieg auf Mobilitätskonzepte ist somit entscheidend.

Nur wenn alle drei Sektoren gleichzeitig angepackt werden – mit klugen Strategien und klaren Rahmenbedingungen – kann die Dekarbonisierung gelingen. Ein isoliertes Vorgehen genügt nicht.

Kosten, Infrastruktur, Politik und Akzeptanz

Trotz der vielversprechenden Ansätze gibt es erhebliche Hindernisse. Der Ausbau erneuerbarer Energien erfordert Investitionen in Infrastruktur – Netze, Speicher, erneuerbare Anlagen. Dazu kommt der Bedarf an qualifiziertem Fachpersonal: Handwerk, Planung, Ingenieurwesen – ohne genügend Fachkräfte verzögern sich die Umsetzungen massiv.

Hinzu kommen politische und regulatorische Herausforderungen: Eine abgestimmte nationale und kantonale Energiewende braucht klare Vorschriften, koordinierte Planung und verlässliche Fördermechanismen. Unterschiedliche kantonale Regelungen, lange Bewilligungsverfahren oder unsichere Rahmenbedingungen können den Wandel ausbremsen.

Und nicht zuletzt braucht es gesellschaftliche Akzeptanz: Veränderungen im Alltag – etwa Wärmepumpen statt Heizung, Elektroautos statt Verbrennern, neue Windräder oder Solarfelder – verlangen ein Bewusstsein für die langfristigen Vorteile und Kompromissbereitschaft. Ohne gesellschaftliche Unterstützung bleibt Dekarbonisierung ein Projekt für wenige.

Innovation, Resilienz und neue Gesellschaftsmodelle

Trotz der Hürden bietet der Weg zur Dekarbonisierung enorme Chancen. Unternehmen, die frühzeitig investieren, können Kosten sparen – etwa durch Energieeffizienz oder geringere Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen.

Neue Technologien und Geschäftsmodelle entstehen: Wärmepumpen, Elektromobilität, Energiespeicher, Sektorkopplung, CO2-Abscheidung, nachhaltiges Bauen – all das eröffnet Märkte und Arbeitsplätze. Gleichzeitig erhöht sich die Resilienz gegenüber externen Energiekrisen und Preisschocks: Eine diversifizierte, dezentrale Energieversorgung mit erneuerbaren Quellen macht weniger abhängig von Importen und globalen fossilen Rohstoffen.

Wenn Wirtschaft, Politik und Gesellschaft gemeinsam handeln, kann Dekarbonisierung nicht nur Klimazielen dienen – sie kann einen Grundstein legen für eine nachhaltige, stabile und zukunftsfähige Energie- und Wirtschaftsordnung.

Der Weg bis 2025

Verschiedene Studien zeigen, dass eine umfassende Dekarbonisierung realistisch ist – wenn alle Optionen ausgeschöpft werden: Ausbau erneuerbarer Energien, Elektrifizierung, Energieeffizienz, Speicherung, Sektorkopplung, CO2-Abscheidung und nachhaltige Infrastruktur.

Je nach sozio-ökonomischem, technologischem und politischem Kontext schwanken die Kosten und der Aufwand – doch die Richtung ist klar: Eine Kombination aller Hebel führt am effizientesten zu Netto-Null.

Das anfängliche Bild aus dem Jahr 2035 war kein Wunschtraum, sondern ein realistischer Pfad – erreichbar, wenn entschlossen gehandelt wird. Wenn erneuerbare Energien ausgebaut, Wärme, Mobilität und Industrie konsequent elektrifiziert und neue Technologien genutzt werden, kann die Schweiz tatsächlich zu einem Vorbild der Dekarbonisierung werden. Dann verschwinden fossile Heizungen, Erdöl und Gas sind Relikte der Vergangenheit und Energie wird sauber, sicher und unabhängig.

Doch dieses Szenario bleibt fragil – solange die Dekarbonisierung Stückwerk bleibt oder die Umsetzung verzögert wird. Nur wenn Politik, Wirtschaft und Gesellschaft gemeinsam und zielgerichtet handeln, kann dieser Wandel Wirklichkeit werden. Das Ziel ist keine Utopie, sondern eine notwendige Transformation – für Klima, Umwelt und Zukunft.

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