Die Schweiz will bis 2050 klimaneutral sein, die EU schon zehn Jahre früher. Dafür braucht es deutlich mehr Energie aus Sonne, Wind und Biomasse. Gleichzeitig gelten rund die Hälfte der natürlichen Lebensräume und ein Drittel aller Arten als bedroht. Weil neue Energieanlagen Platz beanspruchen, geraten Naturräume zusätzlich unter Druck. Klimaschutz und Naturschutz scheinen sich zu widersprechen, gehören in Wahrheit aber in dieselbe Strategie. Entscheidend ist, wo und wie neue Energie entsteht.
Die Ausgangslage wirkt widersprüchlich, ist aber lösbar. Fossile Energien müssen rasch ersetzt werden, sonst verschärft sich die Erderwärmung und belastet die Natur weiter. Gleichzeitig darf der Ausbau erneuerbarer Anlagen nicht zu zusätzlichen Eingriffen führen. Forschende betonen, dass der Verlust an Arten und Lebensräumen hierzulande vor allem auf intensive Bodennutzung, Zersiedelung und landwirtschaftlichen Druck zurückgeht. Energieinfrastrukturen spielen bisher nur eine Nebenrolle, können Belastungen aber verstärken, wenn sie schlecht geplant oder ungünstig platziert werden.
Damit rückt weniger die Frage ins Zentrum, ob erneuerbare Energien ausgebaut werden sollen, sondern wie. An erster Stelle stehen Effizienz und Sparmassnahmen. Danach folgen Anlagen, die bestehende Infrastruktur nutzen: Dächer, Fassaden, Verkehrsbauten. Und dort, wo neue Flächen nötig sind, braucht es klare ökologische Kriterien und eine Raumplanung, die Natur, Landschaft und Akzeptanz gleichermassen berücksichtigt.
Solarenergie: Nutzen, was schon gebaut ist
Photovoltaik ist die am schnellsten wachsende Stromquelle der Schweiz. Schon heute deckt sie mehr als zehn Prozent des Stromverbrauchs, Tendenz steigend. Ihr grosser Vorteil: Der überwiegende Teil lässt sich ohne Eingriff in die Natur realisieren. Auf Gebäuden, über Parkplätzen oder an Lärmschutzwänden liefert sie Strom, ohne zusätzliche Flächen zu beanspruchen und Lebensräume zu verdrängen.
Wenn Effizienz, bestehende Infrastruktur und geeignete Standorte Priorität erhalten, rücken Energiewende und Biodiversität näher zusammen.
Komplexer sind Solaranlagen auf Freiflächen. Sie verändern Mikroklima, Schattenwurf und Vegetation. Studien zeigen jedoch, dass auf intensiv genutzten oder versiegelten Böden neue Lebensräume entstehen können, wenn unter und zwischen den Modulen auf Pestizide verzichtet und extensiv gepflegt wird. Strukturreiche Bepflanzung, Stein- und Asthaufen oder Blühstreifen schaffen Rückzugsräume für Insekten und Kleintiere.
Besonders vielversprechend ist die Agri-Photovoltaik. Forschungsgruppen wie Agroscope testen Anlagen, bei denen Module erhöht über Obst-, Beeren- oder Gemüsefeldern stehen. Sie schützen Kulturen vor Hitze und Starkregen, reduzieren den Wasserverbrauch und ermöglichen gleichzeitige Produktion von Strom und Lebensmitteln – ohne zusätzliche Landnutzung. Voraussetzung bleibt eine sorgfältige Auswahl der Standorte sowie agronomisch abgestimmte Systeme.
Windenergie: Winterstrom mit Blick auf Vögel und Fledermäuse
Windkraft spielt in der Schweiz bisher eine geringe Rolle, könnte aber einen wichtigen Beitrag zur Winterstromversorgung leisten. Nur wenige Dutzend Anlagen sind heute in Betrieb, während zahlreiche Projekte in Planung sind. Ökologisch zählt Windenergie zu den Technologien mit vergleichsweise geringem Flächenbedarf, doch Fundament, Erschliessung und Leitungskorridore greifen in sensible Räume ein.
Das grösste Risiko betrifft Vögel und Fledermäuse. Untersuchungen zeigen jedoch, dass sich Konflikte durch sorgfältige Standortwahl stark reduzieren lassen. Moderne Turbinen sind mit Systemen ausgerüstet, die bei erhöhter Fledermausaktivität oder Zugbewegungen automatisch drosseln. Gleichzeitig entstehen rund um Windparks oft Ruhezonen, weil Bewirtschaftung und Verkehr eingeschränkt werden – Bereiche, die manche Arten nutzen. Sichtbarkeit und Landschaftsbild bleiben umstritten, doch ökologisch können gut geplante Anlagen deutlich verträglicher sein, als ihr Ruf vermuten lässt.
Biomasse: Energie im Kreislauf
Biomasse trägt zwar nur einen kleinen Teil zur Stromproduktion bei, spielt aber eine wichtige Rolle für Wärme und flexible Leistung. Verwertet werden Hofdünger, Grüngut, biogene Abfälle und Holzreste. Entscheidend ist, dass ausschliesslich Reststoffe genutzt werden und keine Konkurrenz zur Lebensmittelproduktion entsteht.
Ökologisch wirksam wird Biomasse dort, wo sie regionale Kreisläufe stärkt. Professionelle Anlagen reduzieren Methanemissionen aus der Landwirtschaft, erzeugen Wärme und Strom und liefern zudem Gärreste, die als Dünger verwendet werden können. Die Stärke der Biomasse liegt weniger in grossen Energiemengen, sondern in der Möglichkeit, flexibel einzuspringen, wenn Solar- und Windstrom fehlen. Je geschlossener die Kreisläufe, desto besser fügt sie sich in eine naturverträgliche Energiezukunft.
Vom Zielkonflikt zur Gestaltungsaufgabe
Naturschutz, Klimaschutz und Versorgungssicherheit lassen sich nicht vollständig trennen. Jede Anlage hat Folgen für Landschaft und Ökosysteme. Die zentrale Frage lautet deshalb nicht, ob Eingriffe nötig sind, sondern wie sie sich begrenzen lassen. Fachleute nennen vier Leitprinzipien: möglichst wenige neue Flächen beanspruchen, wertvolle Lebensräume aussparen, Schutzgebiete besser verbinden und bestehende Ökosysteme stärken, damit sie Klimastress besser verkraften.
Wenn Effizienz, bestehende Infrastruktur und geeignete Standorte Priorität erhalten, rücken Energiewende und Biodiversität näher zusammen. Erneuerbare Energie und Artenvielfalt sind keine Gegensätze, sondern zwei Elemente derselben Aufgabe: eine Energieversorgung, die Natur und Landschaft respektiert und die gleichzeitig ihre eigene Grundlage schützt.
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