Herr Althoff, die BVL ist mit 10 000 Mitgliedern das größte Netzwerk für Logistik und Supply Chain-Management in Europa. Welche Bedeutung hat der Wirtschaftsbereich Logistik in Deutschland aktuell?
Nach wie vor ist die Logistik der drittgrößte Wirtschaftsbereich nach der Automobilwirtschaft und dem Handel. Wir reden hier von einer Wirtschaftsleistung von 338 Milliarden Euro und 3,32 Millionen Beschäftigten. Die Logistikwirtschaft trägt 8 Prozent zur gesamtdeutschen Wirtschaftsleistung (BIP) bei und repräsentiert 25 Prozent des europäischen Logistikmarktes. Allein in diesen Zahlen spiegelt sich die wirtschaftliche Bedeutung der Logistik. Darüber hinaus sind effiziente Logistikprozesse essenziell als Rückgrat für die anderen Wirtschaftsbereiche, gerade in einer Exportnation wie Deutschland. Deutsche Unternehmen gehören zu den absoluten Spitzenreitern in der Logistik auch weltweit.
Welche Themen bewegen denn die Logistik derzeit besonders?
Die aktuellen Top-Trends in Logistik und Supply Chain-Management sind Cybersicherheit und Digitalisierung. Das ist ein Ergebnis unserer aktuellen Studie »Trends und Strategien in Logistik und Supply Chain-Management«, die wir als BVL seit 1988 regelmäßig durchführen. Der aktuelle Studienbericht ist gerade von der BVL und der TU Hamburg in Kooperation mit der Hochschule Heilbronn erarbeitet worden. Die genannten Top-Trends haben sich im Vergleich zur letzten Studie 2023 nicht verändert. Das Thema Kostendruck wurde erheblich wichtiger eingeschätzt, einen deutlichen Sprung nach oben machten auch die Themen Automatisierung, Business Analytics sowie künstliche Intelligenz. Dass Automatisierung und künstliche Intelligenz als immer relevanter eingeschätzt werden, zeigt, dass die digitale Transformation in vollem Gange ist und aktuell und in den nächsten Jahren das übergreifende Thema sein wird.
Neben diesen eher inhaltlichen Themen spielen natürlich auch die aktuellen geopolitischen und wirtschaftspolitischen Entwicklungen eine große Rolle für die Logistik. Zölle sind Gift für den internationalen Warenverkehr und damit für die Logistikwirtschaft. Und geopolitische Spannungen und Verwerfungen wie der Angriffskrieg Russlands in der Ukraine sorgen für Unsicherheit in den Unternehmen. Wir Logistiker setzen es uns zur Aufgabe, unseren Kunden bei der Bewältigung der aktuellen Herausforderungen wirksam zu helfen.
Welche technologischen Chancen müssen Logistiker ergreifen, um wettbewerbsfähig zu bleiben? Ist KI der große Gamechanger?
Künstliche Intelligenz wird in der Logistik eine große Rolle spielen, vor allem wenn es um die Steuerung von Lieferketten geht. Für Anwendungsfälle wie Demand Forecasting (Bedarfsvorhersage), Predictive Maintenance (vorausschauende Wartung), Transparenz in der Lieferkette sowie Transport- und Routenmanagement birgt KI ein riesiges Potenzial. Zum Gamechanger wird KI in der Logistik in Kombination mit Automatisierung und Robotik: In Verbindung werden die Technologien zu signifikanten Fortschritten in Qualität und Produktivität führen. Die Art und Weise, wie wir arbeiten, wird sich in der Logistik signifikant verändern.
Die aktuellen Top-Trends in Logistik und Supply Chain-Management sind Cybersicherheit und Digitalisierung.
Ein anderes technologisches Thema ist die Entwicklung im Bereich der Lkw-Antriebe. Hier stehen die Umwälzungen kurz bevor: E-Lkw haben inzwischen auch auf der Langstrecke ihre Marktreife erreicht, die Lade-Infrastruktur wird massiv ausgebaut und durch Förderprogramme ist der Batteriebetrieb inzwischen sogar vielfach wirtschaftlich. Hinzu kommt die zu erwartende Entwicklung des autonomen Fahrens, die den Transportmarkt zusätzlich verändern wird. In Kombination mit KI-gestützter Steuerung und Optimierung der Routen können die Transportnetzwerke in Zukunft deutlich effizienter und nachhaltiger gestaltet und betrieben werden.
Apropos Nachhaltigkeit: Das Thema scheint aufgrund der wirtschaftlichen Lage sehr in den Hintergrund zu rücken. Wie sieht es hier in der Logistik aus?
Auf der einen Seite ist das Thema laut unserer Studie in der Bedeutung für die Unternehmen deutlich zurückgegangen. Hier entspricht die Entwicklung in der Logistik dem gesamtgesellschaftlichen Trend. Auf der anderen Seite gehen die Unternehmen der Logistik davon aus, dass dies nur ein vorübergehender Bedeutungsverlust ist und Nachhaltigkeit wieder in der Priorisierung steigen wird. Unsere Studie zeigt, dass sich in dem Thema weiterhin einiges tut. Die meisten Unternehmen haben sich klare Ziele zur Erreichung der Klimaneutralität gesetzt und arbeiten konsequent an der Umsetzung. Beispielsweise boomt die Nutzung von erneuerbaren Energien auf dem eigenen Firmengelände.
Für die wirtschaftliche Situation ist die geopolitische Lage ein wesentlicher Faktor, aber auch die politischen und strukturellen Rahmenbedingungen im Land. Fühlt sich die Logistikwirtschaft hier gehört?
Auch hier zeigen unsere Trends und Strategien-Studie spannende Ergebnisse: Lediglich 6 Prozent der Befragten sagen, dass die Politik die Interessen von Logistik und Supply Chain Management angemessen vertritt. Hier müssen die Unternehmen, aber auch die Verbände und Vereinigungen wie die BVL ansetzen. Wir wollen stärker in den Dialog mit der Politik kommen und informieren. Die Top-Themen der Unternehmen sind erwartungsgemäß die Infrastruktur, der Bürokratieabbau sowie die Digitalisierung. Auch die Energiewende, der globale Handel sowie der Fachkräftemangel werden weiterhin als prioritär wahrgenommen. Die meisten unserer Forderungen haben erfreulicherweise Eingang in den Koalitionsvertrag gefunden. Viele richtige Schritte sind auf den Weg gebracht, das Sondervermögen Infrastruktur gibt den nötigen Spielraum für die erforderlichen Investitionen. Der Ausbau der verteidigungsrelevanten Infrastruktur hilft uns auch in der zivilen Logistik, beispielsweise bei den Seehäfen oder Autobahnbrücken. Insgesamt ist der Rahmen für die notwendigen Maßnahmen geschaffen – jetzt kommt es auf eine schnelle und konsequente Umsetzung durch Politik und Wirtschaft an.
Über Kai Althoff
Kai Althoff ist ehrenamtlicher Vorstandsvorsitzender der Bundesvereinigung Logistik (BVL) e.V. und CEO des Berliner Unternehmens 4flow, einem führenden Anbieter von Logistikberatung, Logistiksoftware und 4PL-Dienstleistungen.
Die 1978 gegründete BVL ist eine gemeinnützige, neutrale und überwiegend ehrenamtliche Organisation. Als Plattform für Manager der Logistik in Industrie, Handel und Dienstleistung für Wissenschaftler und Studierende bildet sie mit heute fast 10 000 Mitgliedern eine Brücke zwischen Wirtschaft und Wissenschaft und ist Podium für den nationalen und internationalen Gedankenaustausch zwischen Führungskräften aus Logistik und Supply Chain-Management.
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